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Ronald Engert · Apr 9, 2026

Das Bewusstsein der Maschinen (3)

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Ronald Engert · Ronald Engert

Zusammenfassung von Teil 2

Neben Materie und Geist existiert eine dritte Grundgröße: Information, die sich weder auf das Physische noch auf das Geistige reduzieren lässt. Norbert Wiener betont, dass Information weder Materie noch Energie ist. Die Bedeutung eines Buches etwa geht über das Papier und seine physikalischen Eigenschaften hinaus. Zugleich hält Gotthard Günther daran fest, dass es ein Subjekt geben muss: Selbst wenn unsere Deutungen falsch sind, braucht es ein ichhaftes Bewusstsein, das diese Deutungen überhaupt vornimmt. Dieses Subjekt ist „introszendent“, also uns innerlich und nie vollständig erkennbar.

Das Bewusstsein der Maschinen, Teil 2

Fortsetzung:

Die geistige Tradition des Abendlandes ist dualistisch aufgebaut. Sie unterscheidet zwischen Materie und Geist, Objekt und Subjekt, Form und Inhalt. Die dritte Transzendenz – die Information – durchbricht diesen dualistischen Kreislauf und führt zu einer dreiwertigen Logik. Die Information ist nicht materiell, denn man kann sie nicht mit Händen greifen. Andererseits lassen sich Erinnerung, Mustererkennung und Logik mechanisch darstellen, sind also nicht geistig im spirituellen Sinne. Information bildet eine dritte Sphäre. Ein Teil der subjektiven Eigenschaften lässt sich im Informationsprozess darstellen. Dass diese bisher zur subjektiven Seite gezählt wurden, unterlag dem Fehler einer falsch verstandenen Spiritualität, die der zweiwertigen Logik unterworfen war.

Die griechische Philosophie der Antike spricht von dem »absoluten Sein«. Dieses absolute Sein ist der Ursprung zweier metaphysischer Realitätskomponenten, nämlich von objektivhaft Seiendem und subjekthafter Reflexion oder Denken. Im Absoluten, in Gott, fallen diese Komponenten zusammen und sind miteinander identisch. Dies ist die göttliche Einheit der Gegensätze (coincidentia oppositorum des Nikolaus von Cusanus). In unserer empirischen Welt jedoch, im Diesseits, treten diese als scheinbar unversöhnliche Gegensätze auseinander. Erst der Zusammenklang dieser gegenseitigen Komponenten bildet das vollständige Sein, dessen Erreichung somit zur Aufgabe wird. Alle Philosophie und Spiritualität präsentieren sich als der Versuch dieser Verbindung. Bemerkenswert an dieser Weltsicht sind zwei Dinge: Erstens schließt sie aus, dass an dem Aufbau der Wirklichkeit mehr als zwei transzendentale Komponenten beteiligt sein können. Zweitens müssen diese beiden Komponenten jederzeit genau identifizierbar sein. Aus dieser Weltanschauung erwächst sodann die Forderung nach einem eindeutigen logischen Schnitt zwischen diesen Gegensätzen von Welt und Ich, Sein und Denken, Reflexion und Gegenstand der Reflexion. »Dieser einzige und urphänomenale Schnitt, der durch das ganze Universum unsere Erfahrung geht, ist so gelegt, dass Subjekt und Objekt zwar nicht empirisch, wohl aber metaphysisch zur genauen Deckung kommen müssen. Das ist die klassische Dualitätstheorie des Absoluten« (S. 25), wie sie von Aristoteles begründet wurde.

© Ronald Engert by Midjourney

Um die späteren Ausführungen der vorliegenden Abhandlung nachvollziehen zu können, muss hier ein Abschnitt zur Logik eingeflochten werden. Die Axiomatik unserer traditionellen Logik korrespondiert mit dieser Dualitätstheorie des Absoluten. In den drei Sätzen von »der sich selbst gleichen Identität, dem verbotenen Widerspruch und dem ausgeschlossenen Dritten« spiegelt sich diese Realitätswahrnehmung wider. Erstens muss der Gegenstand der Reflexion mit sich selbst identisch sein, um sich kraft dieser sich gleichbleibenden Identität von der Bewegung des subjektiven Reflexionsprozesses eindeutig abzuheben. Zweitens: Wenn einer solchen Identität ein positives Prädikat zugeordnet ist, kann die Negation dieses Prädikats diese Identität nicht betreffen, sondern sie fällt in den Bereich der denkenden Reflexion. Drittens: Wenn die beiden gegensätzlichen Prädikate dem Gegenstand sowie der Reflexion zugeordnet sind, ist ein drittes Prädikat unbedingt und absolut ausgeschlossen. »Diese Logik beherrscht auch heute noch unser rationales Denken. Mit ihr steht und fällt der gesamte Bestand unseres bisherigen theoretischen Wissens.« (S. 25) Versucht man eines dieser Axiome aufzugeben, fällt das ganze System in sich zusammen.

Nach dieser Konzeption muss sich die Wirklichkeit ohne Restbestand (ausgeschlossenes Drittes) in Objekt und Subjekt, also in Gedachtes und Denken, aufspalten lassen. Was nicht das Eine ist, ist unvermeidlich das Andere. Innen-außen, materiell-spirituell, Form-Inhalt, Geist-Materie sind die Dualitäten, die unser Denken bestimmen. Sie können als zweiwertige Logik definiert werden. Dieses Denken versucht, herauszufinden, inwiefern es sich bei einem Phänomen um objektives Sein oder um den subjektiven Reflexionsprozess eines beliebigen Ich handelt – und es steht immer vor dem Abgrund, den eine Unbeantwortbarkeit dieser Frage aufspannt. Wir sehen hier die Ursache der allgemeinen Verunsicherung des westlichen Denkens, das sich im Verlaufe seiner historischen Entwicklung immer mehr von dieser Sicherheit der Erkenntnis entfernte, bis es schließlich heute in den zersetzenden Theorien des Positivismus und Konstruktivismus mündete.

Die logische Stringenz dieses Denkens führt Gotthard Günther weiter bis zu einem äußerst delikaten Gegensatzpaar, dem von Leben und Tod: »Es kann für dieses Denken niemals ein Zweifel daran bestehen, was totes Ding und was lebendiges Subjekt ist. (…) Derjenige, der der Auffassung huldigt, dass sich die metaphysische Schranke zwischen Ding und Subjektivität, respektive Geist, in dieser Welt verwischen lässt, ist im tiefsten Sinne abergläubisch, denn er glaubt an Gespenster. Ist doch das Gespenst die im Diesseits zum Dinge herabgesunkene Seele.« (S. 26 f.) An dieser Stelle mag vorausgeschickt werden, dass hier nicht nur die Frage nach der beseelten Natur angesprochen ist, sondern auch die Frage, inwiefern es überhaupt etwas Totes in dieser Welt gibt. Auf dem zweiwertigen Schema beruht also unsere ganze bisherige Tradition, die Struktur unserer Kultur, die Klassifikation unserer Wissenschaften und der volle Umfang der abendländischen Technik. Die kybernetischen Theorien lassen sich jedoch in diesem dualistischen Weltbild nirgends einordnen. Mit dem Informations- und Kommunikationsprozess ist eine neue metaphysische Komponente entdeckt, die sich weder ganz auf reine Objektivität noch ganz auf reine Subjektivität reduzieren lässt und der man auch dadurch nicht beikommen kann, dass man sie aufspaltet und partiell auf Subjekt und Objekt verteilt.

Erstaunlicherweise weist die Kybernetik darauf hin, dass in einem Kommunikationsprozess die Richtung der Zeit einsinnig ist. Kommunikation bewegt sich in der Zeit vorwärts und ist aufbauend. Damit unterscheidet sie sich von materiellen Systemen, die das Merkmal der Entropie aufweisen. »Die temporale Struktur eines Informations- und Kommunikationsprozesses ist, selbst wenn man ihn aus dem lebenden, bewussten Subjekt in einen kybernetischen Mechanismus projiziert hat, immer noch die eines Organismus.« (S. 31) Es besteht also ein Zusammenhang zwischen Information und Syntropie (Negentropie). Information ist, obwohl sie auf materielle Mechanismen übertragbar ist, in ihren Eigenschaften denen des lebenden Organismus ähnlich, sie ist syntropisch.

Dass Information nicht materiell ist, kann leicht eingesehen werden. Man kann sie nicht mit Händen greifen. Dennoch ist sie aber auch nicht geistig. Obwohl die kybernetischen Maschinen, die Computer, geistige Eigenschaften wie Erinnerung, intelligente Lenkung und Beeinflussung von Realitätszusammenhängen durch informative Daten, logische Strukturen und abstrakte Motive, sowie Reaktionsfähigkeit auf Signale und Intelligenz besitzen, können diese Eigenschaften nicht unbedingt als Manifestation von Geist und Spiritualität angesehen werden, da sie sich mechanisch darstellen und wiederholen lassen. Information stellt aufgrund ihrer Eigenschaften eine dritte Qualität neben Subjektivität und Objektivität dar. Bemerkt sei noch, dass die oben genannten geistigen Eigenschaften nicht vollständig in den Mechanismus eingehen können. Insbesondere die introszendenten metaphysischen Tiefenperspektiven können überhaupt nicht übernommen werden. In den kybernetischen Bereich können nur statistisch oder logisch-mathematisch bearbeitbare Inhalte übernommen werden. Wie wir noch sehen werden, entzieht sich das seelische Wesen des Menschen ohnehin der Logik und zeigt sich dort nur in Form von Paradoxien und Widersprüchen. Nur ein Teil der subjektiven Eigenschaften lässt sich im Informationsprozess darstellen. Dass diese bisher zur subjektiven Seite gezählt wurden, unterlag dem Fehler einer falsch verstandenen Spiritualität, die der zweiwertigen Logik unterworfen war. Ebenfalls Produkt der zweiwertigen Logik wäre jedoch der Umkehrschluss, diese Bestände dem intelligenzlosen, natürlichen Gegenstandsbereich im Sinne einer Objektivität an sich zuzuordnen. Für sie wird, wie zuvor erwähnt, eine dritte Sphäre proklamiert.

Die Unzulänglichkeit des dualistischen Weltbildes zeigt sich darin, dass Reflexion nie ganz Objektivität werden und andererseits das mechanische Gehirn nie ganz den Charakter eines Ichs annehmen kann. Andererseits aber besteht weder für den Objektivationsprozess der Reflexion noch für den Subjektivationsprozess des Mechanismus irgendeine endliche Grenze. Sie bewegen sich gegenläufig gleich zweier Hyperbeln, die sich an einer mittleren Achse aufrichten, aufeinander zu, ohne sich je zu berühren. Dazwischen befindet sich das »mittlere Jenseits«, der Informationsprozess, der eine eigene Art der Transzendenz besitzt (s. Abb. 1). Wir haben somit drei Unerreichbarkeiten (Transzendenzen): 1. die objektive Unerreichbarkeit des Ansich; 2. die subjektive Unerreichbarkeit der Innerlichkeit des Für-sich; 3. die Unerreichbarkeit, die uns lehrt, dass Subjekt und Objekt einander auch in der Mitte nicht voll und ganz begegnen können.

Gotthard Günther erinnert an dieser Stelle daran, dass die dritte Region der Realität durch Abtrennung von den subjektiven Phänomenen gewonnen wurde. Nur der Begriff des Subjekts wird verändert, nicht der des Objekts. Die klassische Idee von Objekt und Objektivität bleibt unberührt. Wenn auch auf der Basis der neu gefundenen dritten Region eine dreiwertige oder sogar generelle mehrwertige Metaphysik eingeführt werden kann, so bleibt doch auch die klassische zweiwertige Logik intakt. Sie bleibt gültig, soweit rein objektive Strukturen allein zur Diskussion stehen, in denen keine subjektiven oder an das Ich gebundenen Reflexionen eine Rolle spielen.

Wird fortgesetzt …

Literatur:

Gotthard Günther – Das Bewusstsein der Maschinen, Agis Verlag Stuttgart 1963

Dieser Beitrag erschien zuerst 2002 in Tattva Viveka Nr. 17.

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