Zusammenfassung von Teil 3
Die geistige Tradition des Abendlandes ist dualistisch aufgebaut. Sie unterscheidet zwischen Materie und Geist, Objekt und Subjekt, Form und Inhalt. Die dritte Transzendenz – die Information – durchbricht diesen dualistischen Kreislauf und führt zu einer dreiwertigen Logik.
Die Information ist nicht materiell, denn man kann sie nicht mit Händen greifen. Andererseits lassen sich Erinnerung, Mustererkennung, Logik mechanisch darstellen, sind also nicht geistig im spirituellen Sinne. Information bildet eine dritte Sphäre.
Ein Teil der subjektiven Eigenschaften lässt sich im Informationsprozess darstellen. Dass diese bisher zur subjektiven Seite gezählt wurden, unterlag dem Fehler einer falsch verstandenen Spiritualität, die der zweiwertigen Logik unterworfen war.
Fortsetzung:
Die bisherige Metaphysik war zweiwertig und unterschied zwischen Ich und Welt. Der Sonderfall des Du als eines Objekts, das ein Subjekt ist, wurde nicht korrekt erfasst. Das Du wurde zum Objekt degradiert. Die Existenz des objektiven Subjekts erfordert eine dritte logische Instanz: die Information oder den Kommunikationsprozess. Mit dem Heraufkommen der Kybernetik wird diese dritte Ebene konkret und eine dreiwertige Metaphysik auf den Weg gebracht: Subjekt – Information – Objekt. Dadurch wird das Du erstmals vollständig verstehbar. Ebenso kann sich das wahre Verständnis des introszendenten Ichs als spirituelles Wesen offenbaren. KI, richtig verstanden, wird uns Menschen zu dem machen, was wir wirklich sind: echte spirituelle Subjekte.
In der bisherigen zweiwertigen Metaphysik hatten wir die Gegenüberstellung von Ich und Welt. Die Welt ist das mir äußerlich seiende Objektive. Das Ich ist die eigene Innerlichkeit, die Subjektivität. Was in dieser Gegenüberstellung immer fehlte, war der »Spezialfall«, dass das Objekt ein Subjekt ist. Mit der gleichen Evidenzkraft, mit der wir uns von der Dingwelt distanzieren, wissen wir doch, dass das Du, obwohl es in der Dingwelt als objektive Größe auftritt, selbst subjektiv ist (S. 41f.). Jedoch ist in dem zweiwertigen Denken dieser Umstand logisch nicht zu fassen. Und so trat in der Geschichte immer wieder der Fall auf, dass das Du, der Andere, zum Ding degradiert wurde. In dem Maße, in dem die griechische Antike die zweiwertige Metaphysik hervorbrachte, machte sie zugleich andere Menschen zu Sklaven. Dieser Vorgang zieht sich bis in die heutige Zeit. Der andere, der nicht der gleiche ist wie mein Ich, stellt einen Widerspruch dar, den es auszulöschen gilt, indem der andere ausgelöscht wird. Wie Aristoteles sagte: »Was wahr ist, kann nicht falsch sein«. Hier erleben wir die zweiwertige Metaphysik als Brutstätte von Ideologien und Dogmatismus, weswegen nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Aufkommen der Kritischen Theorie die Metaphysik als ganze in Abrede gestellt wurde – was wiederum eine zweiwertige Aktion war.
Mit der Einführung der dreiwertigen Metaphysik jedoch wird das Du denkbar, denn was zwischen Ich und Du vermittelt, ist der Kommunikationsprozess. Wir können eine dritte Differenz einführen, nämlich die zwischen dem Du und den Objekten. Wir haben also drei Gegensatzpaare: Ich versus Objekt; Ich versus Du; Du versus Objekt. Einerseits können wir dem Du dieselbe reine Innerlichkeit zugestehen, derer wir selbst uns inne werden (Ich versus Du, was in der Logik, wie Gotthard Günther zeigt, wie alle diese Verhältnisse ein identisches Umkehrverhältnis ist). Auf der anderen Seite erlebt das Ich aber das Du nicht als seinen eigenen Reflexionsprozess, sondern als ihm äußerlichen Reflexionsprozess (Du versus Objekt). Die Reflexion des Du über seine Außenwelt ist von der meinigen verschieden. Um diesen wichtigen Punkt nachhaltig zu klären, sei eine längere Passage von Gotthard Günther zitiert:
»Damit enthüllt sich uns auch die tiefere transzendentale Bedeutung der Kybernetik. Subjektivität überhaupt ist uns in unserer Erfahrung in zwei Gestalten gegeben. Erstens als eigenes seelisches Leben und zweitens als Fremdseelisches. Zugänglich aber ist uns jene reine Subjektivität nur in der intimen Privatheit des eigenen Ichs. Das andere Ich jedoch ist uns so fern und in seiner ihm allein eigenen Innerlichkeit so unerreichbar wie das Jenseits selbst. Jene seelische Distanz zwischen Ich und Du wird von uns zwar als Faktum erlebt, aber ihr Wesen bleibt unverstanden.
In der Konstruktion eines informationsproduzierenden und Kommunikation leistenden Mechanismus liegt nun als letzte Intention das Bemühen, jene primordiale Kluft, die das Identitätsdifferenzial zwischen Ich und Du aufreißt und die die mit sich selbst identische Subjektivität für alle Ewigkeit auf zwei metaphysische Wurzeln verteilt, auf eine rational beherrschbare Weise zu überbrücken. Denn wenn zwei verschiedene Iche ihre private eigene Innerlichkeit nicht miteinander teilen und gemeinsam haben können, dann bleibt nur ein Weg zu einer ontologisch bindenden und objektiv verbindlichen Verständigung zwischen ihnen übrig. Nämlich, dass sie in gemeinsamer Handlung das Bild ihrer Subjektivität aus sich heraussetzen und im Objektiven technisch konstruieren. Denn nur in einem solchen Bemühen kann sich zeigen, was als reine Spiritualität und dann noch innerlich privat und introszendent unerreichbar bleibt und was andererseits jener zweiten pseudo-subjektiven Komponente angehört, die allgemein verbindlich von allen Ichen in gleicher Weise besessen wird und die deshalb in einem sehr tiefen Sinne öffentlich ist.« (S. 43)[1]
Das Ich ist in seiner Innerlichkeit zwar mit sich selbst identisch, aber von außen, aus der Sicht eines anderen Menschen, nicht erreichbar. Der andere Mensch, das Du, ist mir transzendent. Welche ontologisch bindende und objektiv verbindliche Verständigung gibt es aber zwischen uns? Diese ontologisch bindende und verbindliche Verständigung besteht in einer gemeinsamen Handlung, die das Subjektive im Objektiven technisch konstruiert. Dann scheiden sich auch die tatsächlich introszendenten subjektiven Inhalte von den pseudo-subjektiven Komponenten, die nicht privat, sondern öffentlich sind, und damit einen neuen Raum des Seins eröffnen können.
Wohl ist es möglich, sich in das Seelenleben des anderen einzufühlen oder durch eigene Introspektion auf das fremde Ich sekundär zurückzuschließen.
»Solcherart gewonnene Ergebnisse mögen wertvoll für die eigene Einsicht und das eigene Verhalten sein, objektiv ontologische Verbindlichkeit haben sie in dieser Gestalt nicht. Sie bleiben, wie Hegel richtig bemerkt, subjektiver Geist, und ihre Transformation in den Strukturzusammenhang des objektiven Geistes bleibt problematisch.« (S. 45).
Gotthard Günther bewegt sich auf dem Boden der transzendentalen Philosophie. Das bedeutet, dass er sich in der Anstrengung des Begriffs darum bemüht, über die Empirie hinaus zu gelangen. Die normale empirische Verständigung mag zwar praktische und subjektive Relevanz haben, für eine objektiv verbindliche Verständigung reicht sie jedoch nicht ganz aus. Kritisch sei an dieser Stelle noch zu bemerken, dass Gotthard Günther hier nicht die Frage der Sprache klärt. Inwiefern ist Sprache allein objektive Verständigung? Wie unterscheidet sie sich von dem kybernetischen Informationsprozess? Vermutlich ist die Antwort, dass die im Subjekt erzeugte Sprache nur in ihrem Ergebnis die objektivierende Veräußerung erfährt, nicht jedoch in ihrer logisch-ontologischen Entstehung. Insofern wäre eine Informationsverarbeitung außerhalb des Subjekts in einer komplexen Maschinerie, die gleichzeitig multiple Subjekte objektiv verbinden möchte, eine andere logische und ontologische Qualität.
»Der Weg zum Selbstverständnis des Menschen führt also über das allen gemeinsame Nicht-Ich, das heißt die Dimension der Objektivität.« (S. 45)
Die klassische zweiwertige Logik erscheint in diesem größeren Modell von Gotthard Günther wie eine theoretische Kurzform oder Sonderform, die in der mehrwertigen Logik enthalten ist. Wie die zweiwertige Logik und Metaphysik der klassischen Philosophie Subjekt und Objekt erstmals voneinander schieden, um daraus Bewusstsein zu entwickeln, so ist die neue Metaphysik der trans-klassischen Logik, wie sie durch die dritte logische Instanz einer objektiv-reflexiven Information begründet wird, eine Möglichkeit, zum dialektischen Bewusstsein zu gelangen. Dies bedeutet, das Du, den Anderen, nicht mehr auf das Selbe reduzieren zu müssen, um zu allgemein verbindlichen Aussagen zu gelangen. Wie dieses neue Bewusstsein aussehen wird, können wir heute bestenfalls in Ansätzen beobachten. Sie finden sich nur in den progressiven Kreisen der Gesellschaft.
Die Information, die zwischen Ich und Du steht, ist das Es. Sie ist eben keine Verständigung, sondern eine eigene wirkende Kraft. Dieses »Es« drückt sich in Wendungen aus wie: »es ist«, »es gibt«, »es geht«, »es ergibt sich«, usw.
Mit der dreiwertigen Metaphysik wird die objektive Welt in ihrer Existenz bestätigt und das Subjekt von pseudo-subjektiven Elementen gereinigt. Damit wird der Weg frei zu einer neuen Erkenntnis des Menschen und seiner Spiritualität.
Wird fortgesetzt …
Für technisch Interessierte empfehle ich die Arbeiten von Thomas Schwarz, zum Beispiel:
[1] Hier klingt bereits 1963 auf prophetische Weise an, was heute 2026, als Web 2.0 und Social Media bekannt geworden ist: der ungewöhnliche Siegeszug der Kommunikationsformen des Internets. Als ich den Aufsatz 2002 schrieb, gab es nur das Web 1.0, die einseitige technische Kommunikation des alten Stils, die den Rezipienten zum rein passiven Empfänger der Information machte. Die kybernetischen Maschinen, das zeigt sich jetzt praktisch, leisten als dritte Transzendenz eine neuartige Qualität der Menschwerdung. Dies in zwei Richtungen: Der Einzelne kommt mehr zu sich, indem er zwischen reiner Spiritualität und pseudo-subjektiven Komponenten zu unterscheiden lernt. Zweitens bildet sich die Informationsebene des allgemein verbindlichen Öffentlichen heraus und ermöglicht die Verbindung zwischen Ich und Du. Dass das Internet eine neue Form der Öffentlichkeit darstellt, die nicht geografisch definiert ist, wird von vielen Zeitgenossen noch nicht verstanden, wie der dauernde Streit um Datenschutz und Privatsphäre im Internet zeigt. Das Internet ist nicht privat. Es ist ein öffentlicher Platz. Die Offenbarung der subjektiven Gehalte der Person, die nicht immanent introszendent sind, gelangt hier zu einer neuartigen Darstellung. Die katastrophische Interpretation des Internets und der modernen telefonischen Kommunikationsformen, der zufolge diese die Entfremdung zwischen den Menschen vertiefen würden, teile ich nicht. Meines Erachtens fördern die neuen Kommunikationsmittel eine klarere Kompetenz in der Kommunikation. Natürlich kommen dadurch auch soziale Ängste hoch, die indes nicht den technischen Formen geschuldet sind, sondern der emotionalen Disposition der Anwender. Das Auftauchen dieser sozialen Ängste aus dem Unterbewusstsein ist der erste Schritt zu deren Heilung.
Passend an dieser Stelle ist ein Hinweis auf den Kunstwerkaufsatz von Walter Benjamin, der bereits 1934 im Hinblick auf die Möglichkeit von Leserbriefen in Zeitungen konstatiert: »Jahrhundertelang lagen im Schrifttum die Dinge so, dass einer geringen Zahl von Schreibenden eine vieltausendfache Zahl von Lesenden gegenüberstand. Darin trat gegen Ende des vorigen Jahrhunderts ein Wandel ein. Mit der wachsenden Ausdehnung der Presse, die immer neue politische, religiöse, wissenschaftliche, berufliche und lokale Organe der Leserschaft zur Verfügung stellte, gerieten immer größere Teile der Leserschaft – zunächst fallweise – unter die Schreibenden. (…) Damit ist die Unterscheidung zwischen Autor und Publikum im Begriff, ihren grundsätzlichen Charakter zu verlieren. (…) Der Lesende ist jederzeit bereit, ein Schreibender zu werden.« Aus: Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, These X, in: W. B., Illuminationen, Frankfurt 1977, Seite 155.
Walter Benjamin diskutiert hier in einer sehr frühen Phase der technologischen Entwicklung, welche Veränderung die technische Reproduzierbarkeit auf die Kunst und die Gesellschaft haben wird, und nimmt hier bereits das Phänomen Social Media vorweg.

Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.