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Lost and Found mit Britta Bettendorf · Jun 14, 2026

So ganz große Lieben gibt es nicht so oft.

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Britta Bettendorf · Lost and Found mit Britta Bettendorf

Anna ist Grafikdesignerin. Sie kocht gerne, stickt seit neuestem und weint oft. Ganz spontan. Danach, sagt sie, geht es ihr meistens besser.

Vor einigen Wochen ist Matze gestorben. Ihr Hund, ihr bester Freund, 16 Jahre alt. Er war ein Rescue Dog mit Knickschlappohren und einem Fell, das hinter den Ohren nach Karamell roch. Er war ihr Halt, wenn etwas schief ging und ihr Anker, wenn die Welt zu viel wurde.

Sie war dabei, als er starb. Sie hat seinen letzten Blick bekommen und sagt, dieser Blick war golden.

Britta: Wo stehst du gerade in deinem Leben?

Anna: Ich bin in einer Trauerphase. Mir geht es häufig sehr schlecht. Ich bin oft unsicher, weiß nicht, ob und wie ich wieder fröhlich sein kann. Routinen fallen mir schwer. Ich kann mich oft nicht konzentrieren. Ich denke sehr viel über Tod und Verlust nach - über alles, was man so im Leben angesammelt hat. Das wiegt oft sehr schwer.

Aber es gibt auch Phasen, die ganz schön sind. Im Garten, ein gutes Buch, Kochen – das ist für mich wie Meditation. Und ich habe wieder angefangen zu sticken. Man sieht, wie irgendwas wächst. Das ist ganz toll.

Über welchen Verlust sprechen wir heute?

Den Verlust meines besten Freundes. Mein Hund Matze. Vor einigen Wochen mussten wir ihn einschläfern lassen. Er war 16. Das ist alles immer noch sehr schwer.

Wer warst du mit ihm?

Ich fühlte mich immer verbunden, sicher, als Einheit mit einem anderen Wesen. Er war mein Halt, wenn Sachen schief gingen. Ein Wesen, das ganz nah an dir dran ist und dich mag, so wie du bist. Ich war seine Welt – und er war meine.

Wir waren wie Arsch auf Eimer. Das war wirklich ein ganz großer Halt.

Gibt es etwas, das symbolisch für eure Zeit steht?

Er hatte so lustige Knickschlappohren. Und dahinter noch so ein Plissé. Da habe ich meine Nase reingesteckt. Das hatte so einen Karamellduft. Ganz warm, ganz weich.

Was ist passiert?

Ein halbes Jahr, bevor er gestorben ist, habe ich in sein Mäulchen geguckt. Da war ein riesengroßer schwarzer Tumor. Wie in einem Horrorfilm. Wir wussten nicht, sollen wir ihn sofort einschläfern lassen? Und dann sagten zwei Ärzte: Wenn das ihr Hund wäre, würden sie operieren. Also haben wir das gemacht. Und dann hatten wir noch ein gutes halbes Jahr.

Aber du weißt, die Uhr tickt. Du guckst ständig dem Abschied ins Auge. Und dann: Wann ist es so weit, dass ich dieses Todesurteil fällen muss? Das habe ich Matze immer gesagt: Ich lasse dich nicht allein. Auch wenn du sterben musst, ich bin bei dir. Das war wie ein Mantra. Wahrscheinlich eher für mich.

Wie war dieser letzte Tag?

Die Tage davor merkt man, wie so ein Wesen langsam verschwindet. Die werden kleiner. Er konnte kaum noch auf den Beinchen stehen. Wir mussten ihn raustragen. Und dann hatte er so einen Blick, wenn er draußen stand – als würde er Abschied nehmen. Tiere wissen, glaube ich, wirklich mehr als wir.

Dann kamen die beiden Ärztinnen. Ich hatte ein Lager aufgebaut, habe mich mit ihm draufgelegt und ihn stundenlang im Arm gehabt. Es war einer der wenigen Momente, wo er die Nähe wirklich gesucht hat. Und dann war es soweit.

Ich hab seinen letzten Blick bekommen. Das war ein goldener Blick, in dem man alles gesehen hat. Ganz tief.

Was hast du gesehen?

Eine ganz tiefe Liebe. Und den Frieden zu gehen. Und ich glaube, er hat sich auch bedankt. Ob man das in einem Blick sehen kann oder ob das nur Interpretation ist – ich weiß es nicht. Es ist aber mein Gefühl. Und für mich gibt es nichts Größeres als Liebe.

Ich habe noch nie so etwas gesehen. Dann hat die Spritze ihre Wirkung getan. Der Körper wird plaff, ganz locker.

Wo saß und sitzt dein Schmerz körperlich?

Viel in der Brust. Und dann kamen auch die Knie, der Rücken, alles Mögliche. Auch bei Kika (Anm.: ihr Partner). Als würde das so überhand nehmen. Der Körper war plötzlich auch in komplettem Aufruhr. Nicht nur der Geist und die Seele.

Was ist noch verloren gegangen, was man auf den ersten Blick nicht sieht?

Meine Selbstsicherheit. Die ist total im Eimer. Ich war beim Arzt wegen der Knie, und der hat irgendwann gesagt: Hören Sie doch mal auf, sich ständig zu entschuldigen. Das hat gesessen. Kika sagt mir das auch oft – aber wenn es jemand sagt, der dich gar nicht kennt, kommt es anders an. Meine Existenz fühlt sich gerade irgendwie störend an.

Was hat geholfen? Und was nicht?

Was hilft: dass ich das bei Freunden einfach raushauen darf. Dass ich sagen kann, mir fehlt Matze, ich bin traurig – und niemand sagt, jetzt müsstest du aber darüber hinweg sein. Das sind meist Leute, die selbst nie ein Tier hatten. Die können es sich nicht vorstellen. Aber es tut trotzdem weh.

Eine Freundin hat gesagt: Lass ihn doch mal los. Da habe ich gedacht – wo soll ich ihn denn loslassen? Sie hat dann selbst gemerkt, dass das doof war.

Hast du etwas über dich gelernt, was du vorher nicht wusstest?

Ja, dass ich Dinge schaffe, auch wenn ich wahnsinnige Angst davor habe. Ich hatte so große Angst vor diesem Moment. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich das aushalten soll, ihn da durchzubegleiten. Und ich konnte es. Es hätte nicht besser sein können – so schlimm es war. Das beruhigt mich.

Und das: Trauer ist der Preis für Liebe. Den Preis, den du bezahlst, wenn du das Glück hattest, jemanden so tief und ungefiltert zu lieben. Und irgendwie kann man zur Trauer sagen: okay. Komm mal her, du Arschloch. Und dann geht es weiter.

Was ist im Moment dein Anker?

In dem Raum, wo er gestorben ist, habe ich kleine Blümchen aus dem Garten und eine Kerze. Das habe ich früher mit Gräbern nie verstanden. Jetzt mache ich genau das Gleiche.

Und dann ist da noch die Wolle. Ich habe immer mal ein bisschen von seinem Fell gesammelt, wenn ich ihn gebürstet habe. Und dann habe ich jemanden gefunden, der Hundehaar spinnt. Ich dachte, das gibt’s bestimmt nicht. Doch, gibt’s jede Menge. Ich habe das Kästchen hingeschickt und ein schönes dickes Knäuel zurückbekommen. Das liegt jetzt neben meinem Bett.

Wenn es mir richtig schlecht geht, stecke ich da meine Nase rein. Der Karamellduft ist zwar weggewaschen. Aber es ist Matze. Irgendwas Irdisches.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade an diesem Punkt steht?

Bleib da. Niemand soll alleine sterben – und schon gar nicht ein Wesen, das du liebst. Dabei zu bleiben und Abschied zu nehmen ist viel wichtiger und besser zu ertragen, als das irgendwie abzugeben. Man kann den kurzfristigen Schmerz abwählen. Aber dann leidet man viel stärker danach.

Gibt es noch etwas, was wir nicht besprochen haben?

Meine Nachbarn haben mir danach gesagt, schau mal, wir haben Welpen. Ich bin auch hingegangen und ja, die waren süß. Aber es hat nichts mit mir gemacht. So ganz große Lieben gibt es nicht so oft. Die, die man findet - die sollte man bewusst erleben.

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