Sabine war neun, als ihr Vater starb. Was sie davon weiß, weiß sie meistens durch ihre Geschwister. Was sie selbst erlebt hat, ist nur vage vorhanden: ein Abend, ein Warten, ein Bild.
Und dieses Bild fällt ihr erst nach dem Interview ein: Pommes aus dem Backofen. An dem Abend, als sie vom Krankenhaus nach Hause lief, gab es Pommes aus dem Backofen. Das erste Mal.
Britta: Wo stehst du gerade in deinem Leben?
Sabine: Ich versuche, mein eigenes Ding zu machen. Vor allem weg davon, nur Ehefrau zu sein. Weg davon, nur Mutter zu sein, bin ich bei meiner Tochter schon ein Stück weit: die ist ausgezogen, wir haben ein enges Verhältnis. Mein Sohn ist noch zu Hause, und meine Sorge ist eher, dass er zu viel zu Hause ist.
Über welchen Verlust sprechen wir heute?
Ich war neuneinhalb, als mein Vater gestorben ist.
Wer war er?
Ein strenger Mann. Er hatte Hämochromatose, das heißt, zu viel Eisen im Blut, das sich an den Organen absetzt. Bei ihm war es die Leber. Das wurde damals nicht diagnostiziert, denn weil er einen Getränkehandel hatte, galt er als Alkoholiker. Er hat bis zu seinem Tod gearbeitet, denn er war ja Alleinverdiener für seine Familie mit vier Kindern. Wirklich schwere körperliche Arbeit - aber das war genau das Falsche für jemanden mit seiner Krankheit.
Er war ja in einer deutschen Enklave am Schwarzen Meer aufgewachsen. Mit 17 haben sie ihn von der Schulbank weg in den Krieg geworfen. Er hat zu seinen eigenen Eltern noch Sie und Ihr gesagt. Das kann man sich heute kaum vorstellen.
Es gab einen Gummiriemen zuhause. Den hat er zur Züchtigung eingesetzt. Ich kann mich erinnern, dass ich ihn einmal bekommen habe.
Wie hast du seinen Tod erlebt?
Meine Geschwister waren nicht zu Hause an diesem Abend. Der Notarzt war da und meiner Mutter gesagt, was mein Vater braucht. Sie ist dann in die Apotheke gelaufen, denn es war Sonntag und schon eine weite Strecke. Also musste sie mich mit meinem Vater alleine lassen.
Mein Vater wollte aufstehen und konnte nicht. Ich habe ihm das Bettlaken an die Heizung gebunden, damit er sich hochziehen konnte. Er musste wahrscheinlich auf die Toilette, so ein einfaches Bedürfnis. Aber er kam nicht hoch.
Als meine Mutter zurückkam, hat sie uns beide auf dem Boden liegend gefunden. Er muss versucht haben, sich auf mich zu stützen. Aber natürlich war er zu schwer für mich. Wir sind beide irgendwie auf dem Boden gewesen.
Das weiß ich von meinem Bruder. Ich selbst erinnere mich nicht daran.
Später sind mein jüngerer Bruder und ich vom Krankenhaus nach Hause gelaufen, denn wir hatten meinen Vater besucht, bevor er starb. Und dann, erinnere ich mich, gab es Pommes aus dem Backofen. Das erste Mal! Damals gab es Pommes nur aus der Fritteuse, und die hatten wir nicht. Pommes aus dem Backofen war ein Highlight.
Irgendwann hat meine Mutter einen Anruf bekommen, dass er gestorben ist. Vieles von dem, was an diesem Abend passiert ist, weiß ich nur durch andere. Ich weiß manchmal nicht, ob ich es wirklich selbst erlebt habe oder ob ich es nur denke zu wissen, weil mein Bruder es mir erzählt hat.
Gab es einen Moment, in dem du wirklich gespürt hast, dass er nicht mehr kommt?
Ich habe eine lange Zeit noch abends auf die Uhr geschaut. Viertel vor zehn - denn das war die Uhrzeit, als er gestorben ist. Und ich habe mir ausgemalt: Heute Abend klingelt es an der Tür und er steht wieder davor. Irgendwann hat mir mein Bruder gesagt: Er kommt nicht wieder. Mein Bruder hat über Jahrzehnte nicht gewusst, ob das richtig war und über all die Jahre mit sich getragen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich ihm gesagt: “Das war okay. Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, dass du mir das gesagt hast.”
Was ist mit dem Tod deines Vaters noch verschwunden?
Meine Mutter hat sich komplett hängen lassen. Kein Führerschein, keine Ausbildung, keine Ahnung von Finanzen. Meine großen Geschwister haben sie dann eigentlich erzogen: dass sie arbeiten und Geld verdienen muss.
Als 9-Jährige habe ich das aber ganz anders erlebt. Ich dachte nicht: Sie muss jetzt den Arsch hochkriegen. Ich dachte: Was, wenn sie auch noch stirbt? Wer kümmert sich dann um mich? Meine Geschwister waren mit sich selbst beschäftigt. Das war mir klar.
Was hat in dieser Zeit geholfen?
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Das ist so lange her. Vielleicht war ich in einem Alter, wo man das besser wegsteckt. Und es ist dann auch viel Freiheit entstanden, die es ohne diesen Verlust nicht gegeben hätte. Mein Vater wäre immer streng geblieben. Die Widerstände gegen vieles, was ich und meine Geschwister sich später rausgenommen haben, wären viel größer gewesen.
Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass da ein Verlust passiert ist?
Vor etwa 20 Jahren. Meine Mutter hatte einen Schlaganfall, ich war kurz danach mit Freunden im Urlaub und habe die Geschichte meines Vaters erzählt. Meine Freundin fing plötzlich an zu weinen. Ich fragte: Warum weinst du? Sie sagte: Das ist ja ganz, ganz schrecklich, was dir passiert ist. Das war das erste Mal, wo ich wirklich gedacht habe: Ja. Das war schrecklich.
Wo stehst du heute damit?
Er ist sehr weit weg. Wenn ich in einer Kirche bin, zünde ich Kerzen an, für die Toten und die Lebenden. Aber es ist immer meine Mutter, an die ich dabei denke. Mein Vater kommt dann so als Nachgedanke. Das macht mir keine Sorgen. Er ist einfach schon so lange weg.
Was mich manchmal beschäftigt: das verlorene Wissen. Seine Geschichte: wie er über den Krieg nach Deutschland kam, warum er hier gestrandet ist. Das hat keiner aufgeschrieben, und keiner, den man noch fragen könnte, lebt mehr. Aber das ist eher ein historisches Interesse als ein persönliches.
Du beschreibst dich selbst als jemanden, der wenig fühlt. Woher kommt das?
Vielleicht ist es zu lange her, als dass ich mich erinnere. Vielleicht liegt es auch an den letzten 20 Jahren… Ich glaube, ich bin gefühlsmäßig sehr runtergeühlt. Vielleicht ist auch alles gut verbunkert. Manchmal frage ich mich, ob das normal ist. Ob mit mir etwas nicht stimmt, weil ich so wenig zurückschaue. Aber dann denke ich: Vielleicht schaue ich einfach lieber nach vorne.
Was kann ich als Psychologin an deiner Geschichte verstehen und was vielleicht nicht?
Weil ich selbst nicht genau definieren kann, wie ich den Verlust gefühlt habe, glaube ich, gibt es nicht viel, das man selbst erlebt haben muss, um mich zu verstehen. Bei jemandem, der wirklich zusammengebrochen ist - da glaube ich schon, da muss man den individuellen Verlust schon kennen.
Aber vielleicht ist das Schwere genau andersrum: Dass du nicht verstehen kannst, dass ich mit neun nicht zusammengebrochen bin. Dass jemand so wenig fühlt. Es könnte sein, dass du das nicht nachvollziehen kannst.
Das Bild, das Sabine am Ende einfällt, ist nicht das, was man erwarten würde. Kein Abschied, keine Tränen. Pommes aus dem Backofen, auf dem Rückweg vom Krankenhaus. Ein Kind, das sich freut. Vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf die Frage, wie man mit neun Jahren mit Verlust umgeht.
Anm.: Der Name meiner Gesprächspartnerin wurde auf ihren Wunsch hin geändert.
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