Ein Moving Head ist ein Scheinwerfer, wie er sonst in der Traverse über der Theaterbühne oder in Clubs hängt und punktgenau oder auch kreuz und quer wackelnd Licht verteilen kann. In diesem Stück heißt der Scheinwerfer Rosi und spielt surrend und mit dem Spotlight blinzelnd mit.
Doch die Hauptpersonen sind zwei, eine jüngere und eine kaum ältere, für das Publikum beide namenlos bleibende Frauen. Zwei Schwestern, die am Beginn des Stückes von einer Situation berichten, wie sie so oder so ähnlich immer mehr Menschen erleben: Die Mutter lebt allein, kann nicht mehr allein leben, es muss Hilfe gefunden werden, jemand muss sich kümmern, sie muss betreut werden. Die krasse Schilderung, wie die verwahrloste Mutter in ihrer Wohnung, die sie wohl schon Monate nicht verlassen hat, aufgefunden wurde, zeigt, dass bisher die Schwestern und die Mutter ihre eigenen Leben lebten, mit eher weniger als mehr Kontakt, vielleicht mit eher weniger als mehr Interesse aneinander. Jedenfalls wurde viel zu spät agiert und nun sind sie überfallen von der Situation. Es muss etwas getan werden. Und zwar jetzt.
Die ältere der beiden, dargestellt von der pragmatisch, kühl, nüchtern auftretenden Martha Pohla, schlägt sofort einen Pflegeheim-Platz vor; die jüngere, von Maria Weber als emphatisch aufgeregte Kümmerin gegebene Schwester lehnt das kategorisch ab. Mutter in einem Heim, das geht doch nicht, das lösen wir selbst. Ein Gespräch, wie es so oder so ähnlich jeden Tag zwischen Geschwistern in unserer Nachbarschaft abläuft. Erst versucht man es allein und dann muss meistens eben doch Hilfe her. Im Stück heißt diese Hilfe Rosi. Rosi der Roboter.
Die Bühne ist während der gesamten Aufführung bis auf einen grell pinkfarbenen Fußboden und einzelne ebenso gefärbte Elemente, die mal Tisch, mal Sitzmöbel, mal Sportgerät sind und weiße Vorhänge völlig schlicht gehalten. Die immer wieder auf- und zugezogenen Vorhänge fungieren als Wände, als Trennung zwischen den agierenden, als Sichtblende und Schutzschild. Nichts soll ablenken von den beiden Schwestern, Ihrem Ringen um die richtige, die menschliche Lösung für ihre Mutter und für ihre Beziehungen - untereinander und in ihren eigenen Leben.
Dass hier die Debüt-Aufführung der Regisseurin zu sehen ist, ist kaum zu glauben. So feinfühlig und doch kraftvoll, so punktgenau, so voller Liebe und Wut lässt Antonia Zielonkowski die beiden Protagonistinnen die Geschichte entwickeln, dass beim Zuschauen keine Sekunde die Spannung verloren geht, das Publikum herzlich lacht und dann wieder mitweinen möchte, wenn Maria Weber ehrliche Tränen der Überforderung und Erschöpfung fließen. Ein Höhepunkt des Stückes ist eine Szene, in der die beiden Schwestern am Bühnenrand sitzen und ein Stieleis essen - langsam und ohne ein Wort zu sagen vergehen die Minuten. Ein Erlebnis ganz besonderer Tiefe und Verbundenheit zwischen den beiden. Überhaupt zeigen Maria Weber und Martha Pohla eine geradezu geschwistergleiche Verbundenheit auf der Bühne. Wenn sie sich streiten, um die richtige Lösung ihres gemeinsamen Problems ringen, wenn sie ihre Ängste, Sorgen, Abgründe vergeblich voreinander zu verbergen suchen, dann ist das von beiden herausragend gespielt. Wer sich zu Beginn des Stückes noch gedanklich auf die Seite der einen oder der anderen Schwester gestellt hatte, ist sich bald gar nicht mehr so sicher, was richtig ist und was falsch, was gut und was böse. Das ist schauspielerisch absolut überzeugend und wird vom Premierenpublikum mit sehr verdientem, langen Applaus belohnt.
Es ist dringend zu empfehlen, einen der kommenden Aufführungstermine - 17.4., 16.5., 25.5. und 29.5. - wahrzunehmen, denn diese kraftvollen 80 Minuten sollte niemand verpassen.
Die auch zur Premiere in Zittau anwesende Autorin Christina Kettering hat ihr Stück „Schwarze Schwäne“ seit 2019 an vielen Theatern inszeniert gesehen, ob der Roboter Rosi dabei je von einem Scheinwerfer dargestellt wurde, müsste nachrecherchiert werden. Am GHT hatte die Idee dazu jedenfalls Tim Glogowski, der aktuell eine Ausbildung zum Bühnentechniker absolviert.

Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.