Premiere: 13.06.2026, Marktplatz Zittau - Romeo und Julia - Regie: Ingo Putz - Textfassung nach Thomas Brasch
DDR-Mopeds, ein Pater, der auf der Ladefläche eines ROBUR LKW die Beichte abnimmt, die Capulets aus Zittau gegen die Montague aus Görlitz - verdammt viel Potenzial dafür, ein richtig klamaukiges Theaterstück auf den Zittauer Marktplatz zu bringen. Oder aber auch ein zauberhaftes, unvergessliches, witzig-dramatisches Sommertheater. Ingo Putz zeigt in seiner letzten Zittauer Inszenierung, dass er ganz genau weiß, wie man letzteres hin bekommt.
Zur Geschichte muss wohl wenig gesagt werden, außer vielleicht, dass der klassische Text schon kein Kinderstück ist, die moderne Übersetzung von Thomas Brasch erst recht nicht, denn die jungen Wilden sparen nicht an deftigen Worten und auch Gesten, so dass so mancher Teil des Publikums hin und wieder schlucken muss. Man hört, dass sogar jemand, die Verderbnis der Enkelin ahnend, die Pause zum übereilten Abgang mit dem gefährdeten Kind nutzte. Nein, diese Inszenierung taugt eher nicht zum Schwelgen in Erinnerungen nach der guten alten Theaterzeit. Dafür ist hier gar nichts eingestaubt, der alte Shakespeare-Stoff mit viel Liebe zum Detail von Verona ins Oberlausitzer Italien verpflanzt. Die Entscheidung, gänzlich auf die Bühne zu verzichten und die Handlung weitestgehend auf dem Pflaster des Zittauer Marktplatzes zu entwickeln, erweist sich als perfekter Schachzug für ein Open-Air-Theatererlebnis. So wird die ganze Stadt zur Bühne. Die Spaziergängerinnen an der Apotheke, die Zuschauergruppe in der Musikschule, die neugierig guckende Radlerfamilie - die Stadt außerhalb der Umzäunung gehört irgendwie dazu, alles ist Theaterstück. Und wenn dann Philipp Scholz als Benvolio den Liebeskummer-übernächtigten Romeo - Jonas Maria Lubisch - fragt, ob man lieber beim Schwerdtner oder im Café Lust frühstücken gehen wolle, ist die Illusion perfekt, ist Verona Zittau, wird Zittau zu Verona. Überhaupt ist es diesmal sehr gut gelungen, Lokalkolorit in die Handlung einzuweben, ohne bemüht oder aufgesetzt zu wirken. Es ist ein Genuss zu erleben, wie die uralte Fehde zwischen den Montague und den Capulet ganz neu erzählt werden kann, wenn hier die eine Familie aus Zittau und die andere aus Görlitz stammt.
Ingo Putz entlockt dem Ensemble eine unglaubliche Spielfreude voller Leichtigkeit. Danja Rishani Emmanuel und Jonas Maria Lubisch sind so eindringlich federleicht und gleichzeitig überzeugend als Romeo und Julia, dass beim Premieren-Publikum tatsächlich die eine oder andere Träne in den Augen glänzt als - wenige überraschend - das junge Glück so tragisch an sein Ende kommt. Man könnte nun, vom Chor bis zur Amme alle Rollen aufzählen, müsste alle Leistungen loben, denn ist es der Ort oder die Geschichte, in jedem Fall wirkt alles besonders intensiv, sind alle Ensemblemitglieder hier besonders. Drei Rollen bleiben neben Julia und Romeo besonders in Erinnerung: David Thomas Pawlak als Bruder Lorenzo nimmt auf der Pritsche des alten ROBUR-LKW die Beichte ab, als wäre das das Normalste von der Welt; Martha Pohla spielt den Mercutio so großspurig und überheblich, dass sie sich als Frau in Romeos Halbstarken-Runde nahtlos einfügt; Maria Weber spielt den verschmähten Grafen Paris so herrlich steif und überfordert, dass echtes Mitleid aufkommt, mit dem armen Tropf.
Die Ausstattung von Sven Hansen erinnert manchmal an den berühmten Film von 1996 und ist doch in sich stimmig, einzigartig auf diesen Ort abgestimmt. Die Kostüme sind irgendwie alt und doch modern, die historischen Fahrzeuge knallbunt und erstaunlich gut zur Geschichte passend, der Aufgang zum Balkon erfolgt über ein Baugerüst - Umbauarbeiten der Familie Capulet, wie das Baustellenschild belegt. Noch intensiver wird das Erlebnis, wenn nach der Pause der Abend über die Szenerie hereinbricht und die letzten Worte im großen Finale dann in Dunkelheit verklingen. Wenn es an diesem Abend überhaupt etwas zu kritisieren gab, dann die hin und wieder auftretenden leichten Ton-Aussetzer. Bedenkt man die besondere Herausforderung der Technikabteilung, wie die Zeitverzögerung zwischen Ensemble, Lautsprechern am Rathausgebäude und auf der Tribüne, hin und her laufende Schauspielerinnen und der im Regen gebeutelten, feuchtigkeitsempfindlichen Mini-Mikrofone, ist diese kleine Kritik jedoch zu verschmerzen. Schließlich dürfte allen der Inhalt dieses Stückes schon vor der Aufführung bekannt sein.
Romeo und Julia auf dem Zittauer Marktplatz ist ein Erlebnis. Ein begeisterndes Stück Sommer in der Stadt. Und ein deutlich nachklingender Abschied von Ingo Putz als Schauspieldirektor am Gerhart-Hauptmann-Theater.
Schon jetzt gibt es nur noch Restkarten für sämtliche weiteren Vorstellungen.

Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.