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Hilfe, ich bin ein Mensch! · Aug 7, 2024

Genetischer Determinismus: Alles schön unbestimmt

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Georg von Westphalen, Andreas von Westphalen · Hilfe, ich bin ein Mensch!

Der Wolf befindet sich wahrscheinlich in guter Gesellschaft. Die Überzeugung ist vermutlich weitverbreitet, wir seien genetisch vorprogrammiert und unser Verhalten daher vorherbestimmt. Ein Nachdenken über eine Natur des Menschen deshalb auch reine Zeitverschwendung. Und allen Ernstes auch noch ein Buch darüber zu schreiben, Papierverschwendung.

Der genetische Determinismus wirkt auf den ersten Blick wie das nüchterne Produkt der aktuellen wissenschaftlichen Forschung, die sich nicht vom romantischen „Die Gesellschaft ist schuld“ beirren lässt, sondern bei den harten Fakten bleibt. Inzwischen wurden Gene identifiziert, die angeblich für alle Arten und Unarten menschlichen Verhaltens verantwortlich sind: Altruismus oder Egoismus. Gier und Kriegslust. Handysucht und Angst vorm Zahnarzt [1]. Da scheint es auch nur konsequent am Puls der wissenschaftlichen Zeit, dass Urteile in Mordprozessen in den USA milder ausfielen, weil die Verteidigung auf den genetischen Determinismus pochte. Denn der Angeklagte leide aufgrund seiner genetischen Veranlagung unter einer schicksalhaften Neigung zu unkontrollierbarer Gewalt [2]. Sorry!

Auch in Silicon Valley ist der genetische Determinismus die ultimative Religion vieler Nerds [3]. Die Goldgräber von Big Data sind überzeugt, dass am Ende des Tages der Mensch berechenbar ist und binär ganz sauber in Nullen und Einsen zerlegt werden kann. Larry Page, Mitbegründer von Google, ist siegesgewiss, denn die menschliche DNA hat nur „komprimiert 600 Megabyte, also kleiner als jedes moderne Betriebssystem (...) Ihre Programmalgorithmen sind also wahrscheinlich nicht so kompliziert.” [4]

Kein Wunder auch, dass der genetische Determinismus sich bei einer Reihe von Politikern großer Beliebtheit erfreut. Denn alle Sozialprogramme erscheinen als überflüssiger und gut gemeinter Schnickschnack, wenn der Mensch genetisch determiniert ist. Knallharte Law-and-Order-Politik (auf Deutsch in etwa: Recht und Ordnung) ist das natürliche Gebot der Stunde und fragt nicht danach, warum ein Mensch sich kriminell verhalten hat, sondern nur, wie lange die Person weggesperrt gehört.

Einziges Problem: Der genetische Determinismus ist nicht der neueste wissenschaftliche Trend, sondern ein bequemer Vorwand für Denkfaulheit.

Ende des 20. Jahrhunderts wurde die öffentliche Meinung erneut in Richtung eines genetischen Determinismus gedrängt, indem hohe Vererbungsraten benutzt wurden, um den Glauben zu verbreiten, nicht genetische Faktoren hätten wenig Gewicht für die seelische Gesundheit und das Verhalten. Deterministische Überzeugungen sind gefährlich und begünstigen eine Politik, mit der Menschenrechte verletzt werden.(Avshalom Caspi und Terrie Moffit [5])

Die Wirklichkeit ist nachweislich deutlich komplexer als eine Formel, die unser Verhalten aufgrund unserer Gene berechnet. Tatsächlich gibt es schon rein mathematisch ein gravierendes Problem, wie niemand anderes als Craig Venter betont, dessen Firma es als Erstes gelungen ist, ein menschliches Genom zu sequenzieren:

Wir haben einfach nicht genug Gene, als dass diese Idee des biologischen Determinismus richtig sein könnte. Die wunderbare Vielfalt der menschlichen Spezies ist nicht in unserem genetischen Code fest verdrahtet. Unsere Umwelt ist entscheidend. (Craig Venter [6])

Wie ist es aber dann zu erklären, dass Gene unser Leben steuern?

Gene steuern nicht nur, sie werden auch gesteuert. Die Vorstellung, dass Gene auf eine starr festgelegte Weise funktionieren und danach das gesamte Leben programmieren, ist nicht zutreffend. Vielmehr unterliegen Gene zahlreichen Einflüssen, die ihre Aktivität in hohem Maße regulieren.“ (Joachim Bauer [7])

Aber was wiederum steuert unsere Gene?

Matthieu Ricard, promovierter Zellgenetiker und weltbekannter buddhistischer Mönch, erklärt: „Um aktiv zu sein, muss ein Gen ‚exprimiert werden‘, d. h., es muss eine ‚Transkription‘ in Form eines spezifizierten Proteins, das auf den Trägerorganismus dieses Gens wirkt, erfolgen [8].” Findet keine Transkription statt und wird ein Gen nicht exprimiert, so ist dies gleichsam, als würde dieses Gen gar nicht existieren.

Tatsächlich werden die meisten Gene des Körpers reguliert, nur sehr wenige Gene sind andauernd und unverändert aktiv [9]. Mit anderen Worten, Gene bestimmen durchaus unser Leben. Inwiefern sie aber aktiviert werden oder nicht, ist von unseren äußeren Lebensumständen abhängig. Auch seelische Erlebnisse können Genexpressionen aktivieren oder deaktivieren [10].

Transkriptionsfaktoren regulieren also Gene. Und was reguliert Transkriptionsfaktoren? Die Antwort ist vernichtend für das Konzept des genetischen Determinismus: die Umwelt.“ (Robert Sapolsky [11])

Das grundlegende Thema der sogenannten Epigenetik ist die Untersuchung, wie die Umwelt auf die Gene einwirkt. Zwei beeindruckende Experimente offenbaren die Bedeutung der Epigenetik: Neugeborene Ratten, die unmittelbar nach der Geburt deutlich weniger mütterliche Nähe und Liebe erfahren haben als eine genetisch identische Kontrollgruppe, reagieren auf eine Stresssituation mit einer deutlich intensiveren Aktivierung eines Stressgens. Der Grund: Die fehlende mütterliche Zuwendung hat auf Dauer eine geringere Aktivierung von Antistressgenen produziert [12].

In einem zweiten Experiment werden neugeborene Ratten, die durch ihre Gene eine Anlage zu großer Ängstlichkeit haben, während ihrer ersten zehn Lebenstage einer besonders fürsorglichen Rattenmutter anvertraut. In diesen wenigen Tagen kommt es bei den jungen Tieren zu keiner Expression ihrer Gene, die mit Angst verbundenen sind. Dieser Zustand hält sogar ihr gesamtes Leben lang an! Genetisch identische Ratten, die bei ihren weniger fürsorglichen Müttern geblieben sind, zeigen sich hingegen ihr Leben lang ängstlich und schreckhaft [13].

Gene führen kein nur auf sich selbst gestelltes (…) Eigenleben, sondern können nur im Zusammenspiel mit der Umwelt aktiv werden. (…) Eine noch so fantastische genetische Ausstattung hilft dem Säugling also nichts, wenn es keine Umwelt und keine zwischenmenschlichen Beziehungen gibt, die den genetischen Apparat aktivieren.“ (Joachim Bauer [14])

Epigenetische Veränderungen können ein Leben lang anhalten. Menschen, die in ihrer Kindheit misshandelt wurden, können epigenetische Veränderungen erfahren, die noch lange ihren Charakter und ihr Verhalten prägen [15]. In manchen Fällen wurde die Veränderung der Genexpression sogar an nachfolgende Generationen weitergegeben [16]. Kurz: Epigenetik ist eine Art Gedächtnis des Erlebten in den Zellen unseres Körpers [17].

Die Epigenetik ist die Widerlegung des genetischen Determinismus. Überspitzt kann man diese Widerlegung so auf den Punkt bringen:

Zu behaupten, ein Gen „entscheide“, wann es transkribiert wird, ist so, als würde man sagen, ein Rezept entscheide, wann ein Kuchen gebacken wird.“ (Robert Sapolsky [18])

Die Epigenetik beweist, was der genetische Determinismus so gerne mit Wonne vom Tisch wischen will: die besondere Bedeutung von Gesellschaft und Kultur auf unser Leben. Durchdachte Sozialprogramme sind deshalb kein überflüssiger und gut gemeinter Schnickschnack, sondern vielmehr gerade die logische Konsequenz verantwortlicher Politik angesichts der Erkenntnisse der Epigenetik. Denn auch für einen hartgesottenen Anhänger des genetischen Determinismus gilt: Die negativen Effekte von erlebter Armut auf unser Leben sind stärker als jede genetische Anlage [19].

  1. Sapolsky, Robert: Gewalt und Mitgefühl. München 2017, S.104, 313.

    Robison, Matthew: „Are People Naturally Inclined to Cooperate or Be Selfish?“ In: Scientific American, 01. 09. 2014, online unter:

    https://www.scientificamerican.com/article/are-people-naturally-inclined-to-cooperate-or-be-selfish/, abgerufen am 28. 07. 2024.

    „Geldgier liegt in den Genen“. In: Die Welt, 19. 06. 2009, online unter:

    https://www.welt.de/welt_print/article3953178/Geldgier-liegt-in-den-Genen.html, abgerufen am 28. 07. 2024.

    Guibert, Susan und Shortal, Jp: „New studies link gene to selfish behavior in kids, find other children natural givers“. In: Medical Express, 27. 02. 2013, online unter:

    https://medicalxpress.com/news/2013-02-link-gene-selfish-behavior-kids.html, abgerufen am 28. 07. 2024.

  2. Sapolsky, Robert: Gewalt und Mitgefühl. München 2017, S. 333.

  3. Rushkoff, Douglas: The Survival of the Richest. New York 2022, S. 94.

  4. Rushkoff, Douglas: The Survival of the Richest. New York 2022, S. 94.

  5. Zitiert nach: Bauer, Joachim: Schmerzgrenze. München 2011, S. 101.

  6. Zitiert nach: Pinker, Steven: Das unbeschriebene Blatt. Frankfurt am Main 2017, S. 119.

  7. Bauer, Joachim: Das Gedächtnis des Körpers. München 2007, S. 7.

  8. Ricard, Matthieu: Allumfassende Nächstenliebe. Hamburg 2017, S. 257.

  9. Bauer, Joachim: Das Gedächtnis des Körpers. München 2007, S. 21.

  10. Ricard, Matthieu: Allumfassende Nächstenliebe. Hamburg 2017, S. 257.

  11. Sapolsky, Robert: Gewalt und Mitgefühl. München 2017, S. 300.

  12. Caldji, Christian. Tannenbaum, Beth. Sharma, Shakti. Francis, Darlene. Plotsky, Paul M. Meaney, Michael J.: „Maternal care during infancy regulates the development of neural systems mediating the expression of fearfulness in the rat“. In: Proceedings of the National Academy of Sciences, 28. 04. 1998, 95 (9), S. 5335 – 5340, online unter: http://www.pnas.org/content/95/9/5335.full, abgerufen am 28. 07. 2024.

  13. Francis, Darlene. Diorio, Josie. Liu, Dong. Meaney,Michael J. „Nongenomic transmission across generations of maternal behavior and stress responses in the rat“. In: Science, 286 (5442), S. 1155ff, 05. 11. 1999, online unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10550053,abgerufen am 28. 07. 2024.

    Champagne, Frances A. Weaver, Ian C. G. Diorio, Josie. Dymov, Sergiy. Szyf, Moshe. Meaney, Michael J.: „Maternal Care Associated with Methylation of the Estrogen Receptor-α1b Promoter and Estrogen Receptor-α Expression in the Medial Preoptic Area of Female Offspring“. In: Endocrinology, 147(6), S. 2909ff, 01. 06. 2006, online unter: https://academic.oup.com/endo/article/147/6/2909/2879561, abgerufen am 28. 07. 2024.

  14. Bauer, Joachim: Das Gedächtnis des Körpers. München 2007, S. 221, 211 f., 234.

  15. Ricard, Matthieu: Allumfassende Nächstenliebe. Hamburg 2017, S. 258.

  16. Ricard, Matthieu: Allumfassende Nächstenliebe. Hamburg 2017, S. 257.

  17. Eisler, Riane und Fry, Douglas: Nurturing Our Humanity. Oxford 2019, S. 74f.

  18. Sapolsky, Robert: Gewalt und Mitgefühl. München 2017, S. 300.

  19. Sapolsky, Robert: Gewalt und Mitgefühl. München 2017, S. 328.

Read the original on protopians.substack.com

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