Ich bin ehrlich: Ich mag die Arbeit des Umziehens gar nicht. Ich mochte es nicht, als wir vor 2 Jahren aus Bochum nach Lübeck gezogen sind, mehr als 400 Kilometer. Aber ich mochte es auch nicht, als wir jetzt von Lübeck nach Schwerin umgezogen sind, obwohl das viel kürzer war. Es ist ein Haufen Arbeit. Es kostet viel Mühe, das Schleppen war beide male anstrengend und man ist danach so erschöpft, dass man gefühlt 2 Tage durchschlafen könnte. Kisten einpacken, in einen Transporter tragen – diesen Schritt ungefähr 13894 mal wiederholen – dann den Transporter an den neuen Orten fahren, dort Kisten auspacken.
Aber gleichzeitig konnte mich dieser Haufen Arbeit nicht davon abhalten, umziehen zu wollen. Ich wollte hierher, das neue Leben hier starten. Denn da war für mich eine gewisse Magie: Eine neue Stadt, dich ich noch nicht richtig kenne. Neue Menschen, neue Gesichter, neue Erfahrungen. Und das Gefühl konnte ich noch nicht ablegen, dass das Leben hier leichtfüßiger ist – weil ich ein unbeschriebenes Blatt vor mir habe und in jeder Situation noch neu bin. Eine Wohnung neu zu denken, einen Raum neu einzurichten, das ist für mich ziemlich reizvoll. Alle Mühen, alle Gänge zu Ämtern, alles Schleppen war es wert, dieses neue Abenteuer starten zu dürfen.
Vielleicht ging es den Menschen des Römischen Reiches vor ca. 1700 Jahren ähnlich. Nicht, dass sie alle frisch umgezogen wären. Zumindest nicht in Bezug auf ihren Wohnraum. Aber viele von ihnen waren geistig umgezogen. Denn egal, ob sie Edelfrauen, einfache Tagelöhner oder Sklaven waren – sie waren angezogen von einer neuen religiösen Bewegung und wollten mehr von ihr erfahren. Sie wurden Christinnen und Christen.
Dabei war es nicht so, als hätte das Christentum in der römischen Gesellschaft einen sehr fruchtbaren Boden gehabt, um zu sprießen: Da wäre zuerst die Tatsache, dass das Christentum – auch vom Selbstanspruch her – durchaus den Ruf hatte, etwas wirklich Neues und Andersartiges zu sein. Für uns, hier, im Jahr 2026, mag „neu“ direkt den Klang von „gut“ haben. Aber das war für die römische Kultur ganz und gar nicht so: Was neu war, musste ein Fehler sein. Denn das Gute war alt, ja uralt, und das Gute konnte man nur erreichen, indem man zum Uralten zurückkehrte und dem Neuen entsagte. Wenn die Römer eine „Revolution“, lateinisch revolvere, wollten, meinten sie das im Wortsinne – eine „Rückdrehung“ der Welt. Und da kommen die Christen und sagen, ihr Gott würde alles neu machen? Na, super. Was für Spinner.
Die Christen waren suspekt: Sie trafen sich jeden Sonntag in der Frühe und feierten ein komisches Ritual. Sie nannten sich „Bruder“ und „Schwester“ – und behandelten sich auch so, unabhängig von sozialen Schranken. Sie aßen Fleisch und tranken Blut eines verurteilten Straftäters. Sie achteten nicht die römischen Götter, blieben von Festopfern fern und schütteten die Trankopfer weg, anstatt sie den Göttern zu schenken. Wenn ein Römer seine Sklaven freiließ, dann tat er es, weil er danach als ihr Patron immer noch viel Kontrolle über sie haben konnte. Die Christen aber setzten sie an ihre Tische und behandelten sie gleich. Die Sklavin Felicitas und die Edelfrau Perpetua beispielsweise schlossen eine Freundschaft, die stärker war als der Tod. Gladiatoren hingen ihr „Handwerk“ an den Nagel und gaben ganz freiwillig die Ehre, die ihre Taten bei der römischen Oberschicht eingebracht hatten, einfach auf.
Denn da natürlich noch der hohe Preis, den Christinnen und Christen für ihren Glauben bezahlen mussten: Glücklich konnte der sein, der „nur“ soziale Ausgrenzung und Ächtung erlebte. Oder „nur“ seine Arbeit verlor. Aber WIESO haben Menschen all das riskiert, lange erarbeiteten Wohlstand oder gar ihr Leben riskiert, für diese neue religiöse Sekte? Was war es, was sie so faszinierte, sie nicht losließ?
Der irische Gräzist und Professor der University of Oxford, Eric Robertson Dodds – selbst Agnostiker, wie er freimütig zugab, hatte eine Antwort: Die Menschen hörten, dass das Joch Jesu sanft war und seine Last leicht. Und sie erlebten das.
Denn die römische Gesellschaft war überfüllt, ja gerade übersättigt, mit religiösen Angeboten. Wer denkt, dass die „Cafeteria-Religion“ – also das Prinzip, wonach man sich von allem Religiösen etwas nimmt – eine Erfindung der Moderne ist, liegt leider falsch. Die Römer hatten Religion für alle und für jeden. Götter für Sportarten, Naturereignisse, Kinder, Frauen, Männer, Steine – Sie brauchen einen Gott? Sie bekommen einen Gott! Oder einen Mini-Gott, oder einen Mysterienkult mit einer ganz besonderen Auswahl von Göttern. Selbst die römischen Kaiser hatten ihre ganz eigenen Pantheons, gefüllt mit illustren Größen der Mythologie oder Geschichte, von Merkur bis zu Mark Aurel. Alles konnte mit allem kombiniert werden.
Aber diese Überfüllung löste auch großes Rätseln aus: An wen wende ich mich denn jetzt? Den einen Gott, oder den anderen Gott? Welcher ist mächtiger, oder hilft mir eher? Sollte ich mich nicht doch einem Mysterienkult anschließen – aber was, wenn die mich nicht nehmen, immerhin waren die meisten Götterkulte entlang ethnischer Grenzen abgesteckt?
Die Christen hatten da eine klare Antwort: Sie machten mit der religiösen Landschaft tabula rasa. Sie waren, wie der amerikanische Theologe Larry W. Hurtado sie nennt: „Zerstörer der Götter.“ Sie hatten eine ganz unabhängige Identität, grenzten sich eben von allen Göttern Roms ab. Sie proklamierten ihren Gott nicht bloß als universal – das tat das Judentum auch – sondern als den einzig-zu-verehrenden Gott für die ganze Welt. Keine anderen hatten eine Daseinsberechtigung, alles andere war abzulehnen. Tertullian schreibt dazu ganz eindrücklich: „Dein Stand aber, deine Obrigkeit und der Name der Kurie, zu der du gehörst, ist: Kirche Christi. Du hast deine eigenen Register, deinen eigenen Festkalender, nichts hast du mit den Freuden der Heidenwelt gemeinsam, du mußt ihnen vielmehr entgegen sein.“
So entschieden zu leben, klingt wie eine Last. Für die Römer, überlastet, genervt und enttäuscht von der Schwemme an religiösen Deutungen, war diese Last aber leicht. Denn endlich hatten sie einen Gott, den sie immer und überall anrufen konnten. Einer, der wirklich *alle* ihre Sorgen ernstnehmen sollte. Einer, der sagte: „Kommt her, alle, die ihr mühselig und beladen seid. ICH will euch erquicken!“ Nicht „der Gott, oder der Gott, oder der Gott…“, sondern „ICH. Jesus Christus.“
Mit den Göttern Roms verabschiedete sich dann auch seine Ordnung: Dort, wo früher es eine klare Einteilung gab – hier die Sklaven, da die Sklavenhalter, hier die Herrscher, da die Beherrschten – trat nun eine immer stärkere Leichtfüßigkeit. Denn weil die Menschen endlich befreit waren von der Last, jeden Tag einen noch besseren, höheren und stärkeren Gott suchen zu wollen, waren sie nun frei, ihr Leben wirklich zu leben. Ihr Leben war nun ein unbeschriebenes Blatt vor sich, dass sie zum ersten mal selbst beschreiben wollten und konnten. In der Kirche konnte man das erleben, was die Christen auch für die Welt forderten: Du bist befreit. Mach mit Gott an deiner Seite das Beste aus dir.
Als das Christentum legalisiert wurde, waren ca. 10% der Menschen im Römischen Reich Christen. Das ist ungefähr genauso viel wie jetzt hier in Schwerin. Aber sie waren die führende Kraft im Land, denn sie strahlten mit jeder Faser ihrer Körper aus, dass ihr Jocht wirklich sanft und ihre Last wirklich leicht ist. Und so war begann ein Höhenflug, der uns bis hierher gebracht hat.
Umziehen, also den Wohnort wechseln, das muss ich nicht ständig. Aber was ich mir vornehme ist, geistig immer wieder neu meine mentalen Wohnungen einzurichten: Denn wenn ich wirklich die Zeit und Mühe darin investiere, alles durchzugucken und auszusortieren, was meine Last schwer macht, dann gewinne ich auf einen Schlag so viel Kraft, dass sie auch nach außen ausstrahlen kann.
(Gehalten am 13.06.2026 in der Schlosskirche Schwerin.)
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