Eigentlich sind nur wenige Meter zwischen ihnen. Doch wenn man genauer hinschaut, dann liegen zwischen ihnen Welten: Der reiche Mann lebt in einer Welt, in der immer genug da ist. Nie muss er sich sorgen, denn er kann ja alles haben, was er braucht. Und er ist kein Scheusal, kein zutiefst unsympathischer Mensch. Vielleicht gibt er ab und zu sogar etwas für die Wohlfahrt. Aber die Grenzen zwischen ihm und Lazarus – zwischen innen und draußen, arm und reich, Freund & Unbekanntem – die sind fest. Wahrscheinlich hat er Lazarus nicht einmal mehr bemerkt, obwohl er ihm so nahe ist.
Wie oft passiert mir das selbst? Dass ich Dinge als gegeben hinnehme. Irgendwo ist das ja auch Teil meines Lebens – es wäre viel zu chaotisch, wenn es keine klaren Ordnungen geben würde, alles ständig und überall im Fluss wäre. Aber wenn ich nicht mehr sehe, dass diese Ordnungen immer wieder überprüft werden müssen, wenn ich betriebsblind werde, dann schadet es letztlich nicht nur meinem Gegenüber, sondern auch mir. Es macht mich unfrei. Unfrei zu helfen, unfrei da zu sein, unfrei, die Welt zu gestalten.
Denn der reiche Mann stirbt. Wir wissen nicht einmal seinen Namen. Er mag in Saus und Braus gelebt haben, aber er hinterlässt nichts. Keine Taten, derer man sich erinnert. Keine Monumente aus Stein, kein Vermächtnis. Ob jemals jemand an ihn gedacht hat? Jesus sagt dazu nichts.
Die Gemeinschaft, die im Leben nicht klappte, setzt sich deshalb auch im Tod fort. Auch hier gibt es einen großen Graben zwischen innen und außen, nur unter verkehrten Vorzeichen: Jetzt ist es Lazarus, der in Saus und Braus lebt. Scheinbar ist es die ewige Trennung, die die Welten vor und nach dem Tod miteinander verbindet.
Aber die Geschichte geht noch weiter: Denn es ist Jesus selbst, der sie fortschreibt. Er ist es, der die Grenzen zwischen innen und außen aufhebt, der selbst die Grenze zwischen Tod und Leben überquert.
Wir lesen in der Apostelgeschichte, was in Jerusalem geschah, kurz nachdem der Heilige Geist über die erste Gemeinde gekommen war. Lukas schreibt: „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch keiner sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und es war keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer unter ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen, und jedem wurde zugeteilt, was er nötig hatte.” Kein Lazarus vor der Tür und ein Reicher drinnen. Keine Kluft zwischen innen und außen. Eine große Gemeinschaft.
Woher kam das? Was hat diese Menschen so verändert? Die Antwort liegt in dem, was sie miteinander teilten. Denn die erste Gemeinde feierte Abendmahl - regelmäßig, von Haus zu Haus, immer wieder. Und in diesem Mahl erlebten sie Gottes Welt. Sie saßen an jenem Tisch, an dem Jesus selbst der Gastgeber ist. An dem es keine Platzkarten gibt, keine Ehrengäste, kein Gedränge. An dem jeder bekommt, was er braucht. Und weil sie das erlebten, jede Woche, so wie uns die frühen Quellen berichten, konnten und wollten sie nicht so leben, wie der reiche Mann es tat.
Das Abendmahl ist nicht einfach ein sich Erinnern, so wie man sich an den Tod Cäsars oder den Westfälischen Frieden erinnert. Es ist auch kein bloßes privates Mahl, in dem ich mich meiner isolierten Erlösung vergewissere. Es ist mehr als das. Wenn wir Abendmahl feiern, dann passiert etwas ganz Reales mit uns. Wir erhalten einen Vorgeschmack, eine Kostprobe im wahrsten Sinne des Wortes. Wir können für einen Moment die Welt mit den Augen sehen, mit denen Gott sie sieht. Wir können für einen Moment die Welt sehen, so wie Gott sie eines Tages vollenden wird.
Das, was Abraham in der Geschichte nicht konnte – den weiten Graben zwischen Menschen zu überwinden – das gelingt dem Abendmahl. Denn da können sie alle vorne stehen: Die Großen und die Kleinen, die Reichen und die Armen, die Lehrer und die Schüler. Die Lieben, die man immer in seinem Herzen trägt. Aber auch die Bösen, die Feinde, die man vielleicht nicht sehen möchte.
Wie Sie ja vielleicht wissen, komme ich aus dem Ruhrgebiet. Und das ist nicht bloß einer der schönsten Flecken Deutschlands, sondern auch der Ort, wo diese riesige Kraft des Abendmahls erlebt wurde:
Es war das Jahr 1923. Deutschland hatte den 1. Weltkrieg und seine Monarchie verloren, musste horrende Reparationen bezahlen. Und weil Frankreich den Eindruck bekommen hatte, dass Deutschland diese Zahlungen bewusst zurückhält, kam es zur Besetzung des Ruhrgebiets. Französische Soldaten in Dortmund und in Bochum. Für die Region eine so einschneidende Zeit, dass sie bis heute Teil des Geschichtsunterrichtes ist. Denn die Franzosen kamen nicht als Freunde, so wie jetzt. Sie kamen als Sieger, die als Faustpfand die Kohleminen der Regionen an sich reißen wollten.
Auch in der kleinen Stadt Datteln kam es zur französischen Besatzung. Die lokalen Einwohner, angeführt von ihrem Amtspräsidenten Karl Wille, leisteten Widerstand. Es kam auch zu Unruhen und Gewalt. Natürlich gefiel das der französischen Besatzung ganz und gar nicht – es wurde beschlossen, dass Karl Wille nach Ostern verhaftet werden sollte.
Doch zuerst kam Karfreitag. Der französische Capitaine Etienne Bach, dessen Eltern aus dem Elsass 1871 vor den Deutschen geflohen waren, entschied sich, in einen Gottesdienst zu gehen. Und zwar nicht in den Gottesdienst der kasernierten Soldaten. Er entschied sich für das Lutherhaus in Datteln, eine kleine Kirche im Arbeiterviertel der Stadt. Was ihn dahin führte? Das weiß bis heute niemand so genau. Bach war da vorher noch nie gewesen.
Bach saß im Gottesdienst, lauschte der Predigt und sang die Lieder mit. Doch dann entdeckte er: Der Abendmahlstisch war gedeckt. Was sollte er machen – gehen? Würde der deutschnationale Pfarrer des Ortes ihn überhaupt zulassen? Bach entschied sich, es zu wagen. Er ging hin. Und als wäre das nicht alles genug Aufregung, um einem die Haare zu Kopf zu stellen, bemerkte er erst dann, dass er vorne vorm Altar neben eben jenem Karl Wille stehen würde, den er eigentlich später noch verhaften sollte.
Und so standen sie da, der Pfarrer, der französische Soldat und der deutsche Politiker. Dem Pfarrer sollen bei der Austeilung die Hände gezittert haben. Aber trotz aller Anspannung und Feindschaft aßen sie das Brot und tranken aus einem Kelch. Da vorne, da waren sie für einen Moment nicht Besatzer und Besetzte, Franzosen und Deutsche, sondern alle Gäste des einen Gottes. Dieses Erlebnis veränderte Bach – er quittierte den Armeedienst und setzte sich seitdem für die deutsch-französische Aussöhnung ein.
Manchmal denke ich, wir sollten mehr Abendmahl feiern. Denn dieses Superfood für die Seele, das macht uns zu ganz neuen Menschen. Und so glaube ich und hoffe ich, dass seit Ostern auch der reiche Mann und der arme Lazarus zusammen Abendmahl feiern – ein himmlisches Abendmahl.
Amen.
Gehalten im Schweriner Dom am 07.06.2026.
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