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Offene Horizonte · Dec 23, 2025

Mit dem Fluss des Lebens fließen

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Niels Koschoreck · Offene Horizonte

In Hermann Hesses Roman “Siddhartha” kommt Erleuchtung nicht als plötzlicher Geistesblitz oder als endgültige Antwort auf das Leben. Sie ereignet sich still, am Ufer eines Flusses. Siddhartha erkennt, dass Wahrheit nicht erzwungen werden kann. Sie zeigt sich dort, wo der Widerstand aufhört.

Der Fluss lehrt ihn, dass das Leben keinen Gegner braucht. Alles ist bereits in Bewegung, alles geschieht. Leiden entsteht dort, wo wir uns gegen diesen Strom verhärten, wo wir verlangen, dass die Welt unseren Vorstellungen von Sinn, Zeitpunkt oder Gerechtigkeit folgt. Einsicht beginnt, wenn wir lernen zuzuhören, statt zu kämpfen.
Und paradoxerweise erscheinen wir genau dann der Welt als jemand, der gegen ihren Strom schwimmt - als einer, der nicht mehr einfach nur mitmacht … und gerade dadurch können wir einfluss-reicher werden.

Der Fluss, der Siddhartha die Erleuchtung lehrt, erklärt nichts. Er widerspricht nicht und bestätigt nicht. Er trägt Gegensätze zugleich: Werden und Vergehen, Freude und Schmerz, Vergangenheit und Zukunft im selben Klang. Erleuchtung bedeutet hier nicht Weltflucht, sondern eine tiefe Zustimmung zum Leben, wie es ist. Und gerade dadurch mehr Möglichkeiten zu erlangen, es frei zu gestalten.

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