Vor nichts hat der Tech-Milliardär Alex Karp so Angst wie vor dem Faschismus. Zugleich führt er ein Unternehmen, das Überwachungssoftware entwickelt. Wie passt das zusammen?
Es gibt Gut und Böse, und man muss sich entscheiden, auf welcher Seite man steht: Michael Steinbergers Biografie zeigt, was den Palantir-Gründer Alex Karp bewegt.
Gerrit Tiefenthal 4 Leseminuten

Wer das Böse bekämpfen will, braucht schlagkräftige Waffen: Palantir-Gründer und CEO Alex Karp am World Economic Forum 2026.
Imago
Alex Karp sieht sich auf der Seite des Guten. Das könnte als Motto über Michael Steinbergers Biografie des US-amerikanischen Tech-Moguls stehen. Aus dem Selbstverständnis heraus, das Gute zu wollen, werden allerdings Technologien entwickelt, die viele als Instrumente des Bösen sehen. Alex Karp, CEO von Palantir, bezeichnet sich zeitweise als «Neosozialist». Er sagt, nichts mache ihm so Angst wie der Faschismus. Zugleich führt er ein Unternehmen, das Überwachungssoftware für Militär, Geheimdienste und Polizeibehörden entwickelt.
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Die Frage, die Steinbergers Buch zusammenhält, ist nicht, ob Karp es mit dem Guten ernst meint. Sie lautet vielmehr, was passiert, wenn jemand, der sich seiner moralischen Richtigkeit gewiss ist, die Werkzeuge bereitstellt, mit denen Freund und Feind identifiziert und die Feinde bekämpft werden.
Dass diese Biografie über Karp über weite Strecken auch eine Biografie von Palantir ist, ist folgerichtig. Das Unternehmen sei, wie Steinberger betont, in einem «geradezu unheimlichen Mass» das «Spiegelbild» Karps: seiner Gewohnheiten, prägenden Erfahrungen, vor allem aber seiner düsteren Weltsicht und der Ängste, die ihn umtrieben. «Wir bei Palantir», sagte Karp einmal, «haben unsere Weltsicht, nämlich dass es nun einmal Menschen gibt, die gewalttätig und nicht moralkonform sind und die bekämpft werden müssen». Palantir ist der Versuch, moralische Gewissheit in operative Überlegenheit zu übersetzen.
Die Achse von Gut und Böse
Von hier aus wird verständlich, was Karp mit dem Palantir-Mitbegründer Peter Thiel verbindet: weniger ein gemeinsames politisches Programm als eine gemeinsame politische Ontologie, in Form der Überzeugung, dass die Welt in letzter Instanz entlang einer Achse von Gut und Böse geordnet ist, eine Welt, in der man Stärke zeigen muss. Einer Welt, «in der, wenn man keine Stärke zeigt, Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit und, ich wage es kaum zu sagen, der Antisemitismus ihr hässliches Haupt erheben», schreibt Steinberger. Eine Welt also, die keine Wahl lässt, als sich für eine Seite zu entscheiden.
Für das manichäische Denken der beiden Stanford-Kommilitonen Karl und Thiel ist Tolkiens «Herr der Ringe» zentral. Der Firmenname verweist auf die Palantíri, von den weisen, unsterblichen Elben hergestellte sehende Steine, die der Verständigung, Herrschaft und Gefahrenwahrnehmung dienten. Diese waren aber nie bloss unschuldige Instrumente: Wo auf der anderen Seite ein stärkerer Wille sass, konnten sie zum Werkzeug der Täuschung und Unterwerfung werden.
Wo Gewalt entsteht
Eine Firma für Überwachungssoftware nach diesen Steinen zu benennen, ist programmatisch. Thiel hat die Botschaft selbst formuliert: Entscheidend sei, dass die Palantiri «für das Gute und nicht für das Böse eingesetzt» werden. Die Palantir-Gründen bezeichnen sich zwar selbst nicht als Elben, sondern als Hobbits, und die eigene Mission heisst «Rettung des Auenlandes». Die Analogie ist offensichtlich: Technische Instrumente können gefährlich sein, aber nur, wenn sie in die falschen Hände geraten. Wer sich als Verteidiger des freien Westens versteht, muss die Macht seiner Werkzeuge nicht verharmlosen. Es genügt, sicherzustellen, dass sie auf der richtigen Seite eingesetzt werden.
Wie tief das Bedürfnis, das Böse zu identifizieren und zu bekämpfen, in Karps Denken verankert ist, zeigt Steinberger in der Schilderung von dessen Frankfurter Jahre. In den neunziger Jahren geht Karp nach Deutschland. Die deutsche Kultur zieht ihn an. Als Sohn eines jüdischen Vaters mit deutschen Wurzeln treibt ihn die Frage nach dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus um.
Er sucht die Nähe zum Philosophen Jürgen Habermas, nimmt an dessen Doktorandenkolloquium teil und promoviert schliesslich bei Karola Brede, einer Sozialpsychologin am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut. In seiner Dissertation liest er Martin Walsers Friedenspreisrede von 1998 vor dem Hintergrund von Adornos «Jargon der Eigentlichkeit» als Fall aggressiver Sprachpolitik. Walser erscheint ihm als Redner, der sein Publikum über einen geteilten Groll einbindet, über den Unmut gegen die «Dauerpräsentation unserer Schuld». Und der das Ressentiment gegen jene wachruft, die an diese Schuld erinnern. Analysiert wird damit die rhetorische Erzeugung von In-Groups und Out-Groups, also affektiver Fronten, aus denen Gewalt hervorgehen kann.
Freund und Feind
Man könnte erwarten, dass eine solche Prägung für die Gefahren des Schwarzweiss-Denkens sensibilisiert. Steinbergers Buch legt jedoch einen anderen Schluss nahe. Gerade Karps Antifaschismus und sein Misstrauen gegenüber kollektiver Identitätsbildung scheinen sein Bedürfnis verstärkt zu haben, das Böse nicht nur zu diagnostizieren, sondern auch wirksam zu bekämpfen. Die in Frankfurt erlernte «kritische» Sensibilität schlägt bei ihm nicht in Skepsis gegenüber Freund-Feind-Ordnungen um, sondern in den Wunsch, sie technisch beherrschbar zu machen. Karp will nicht jenseits des Manichäismus stehen, sondern auf der richtigen Seite.
Steinbergers Buch ist weniger durch analytische Tiefe als durch Informationsfülle und Gesprächsnähe instruktiv. Sichtbar wird, was an Karp und damit auch an Palantir politisch interessant ist: nicht ein vermeintlicher Widerspruch zwischen linkem Selbstbild und sicherheitspolitischer Härte, sondern die innere Konsequenz, mit der sich beides verbindet. Karp erscheint nicht als Zyniker, der das Gute nur rhetorisch bemüht. Seine Glaubwürdigkeit rührt vor allem daher, dass er an das Gute glaubt und darin einen Grund sieht, die schlagkräftigsten Waffen in die Hand zu nehmen.
Michael Steinberger: Der Unsichtbare. Tech-Milliardär Alex Karp, Palantir und der globale Überwachungsstaat. Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Schmid. Ariston-Verlag, München. 352 S., Fr. 39.90.




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