Interview
Jugendbuchautorin Jana Frey: «Die Mädchen denken, sie müssten alles bieten, was sie in Pornos sehen»
Sie mag Mädchen, doch immer häufiger versteht sie diese nicht mehr: Jana Frey beklagt in ihrem neuen Buch, dass junge Frauen kaum mehr läsen, dafür würden psychische Störungen zur Auszeichnung.
8 Leseminuten

«Die filteroptimierten Körperbilder sind hochgefährlich», sagt Jana Frey, deren neues Buch «Wir verlieren unsere Töchter» Ende August erscheint.
Klaus Vedfelt / Getty
Frage: Frau Frey, Sie haben Mädchen zwischen acht und sechzehn Jahren nach Worten gefragt, die «Angst machen können», und listen diese in Ihrem neuen Buch auf. Welches Wort hat Sie besonders schockiert?
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Antwort: Schon Kinder kennen heute stark sexualisierte Begriffe. Wenn Sie aus dem Mund eines achtjährigen Mädchens Wörter wie «Dickpics» oder «Porno» hören, sind Sie erst einmal fassungslos.
Frage: Woher kennen die Mädchen solche Wörter?
Antwort: Das Smartphone ist ein allgegenwärtiger Begleiter. Fast jedes Mädchen hat schon Dickpics erhalten: Männer verschicken solche Penisbilder. Frage ich, wie sie damit umgehen, sagen sie, sie würden sie löschen. Manchmal, nicht immer, erzählen sie es ihren Eltern. Diese sagen dann: «Um Gottes willen, wie widerlich, das machen wir weg.» Mehr passiert meist nicht. Bevor Mädchen zum ersten Mal einen Jungen küssen, oft schon bevor sie ihre erste Periode bekommen, haben sie schon einen erigierten Penis gesehen.
Frage: Was lösen solche Bilder bei den Mädchen aus?
Antwort: Sie machen Angst. Natürlich macht das etwas mit ihnen. Um das zu wissen, muss man nicht die Waldorfpädagogik erlebt haben. Deren Begründer, Rudolf Steiner, sagte es so: Erzählt man Kindern ein Märchen, nehmen sie jene Informationen daraus auf, die sie verkraften und für sich nutzen können. Einem Kind von vier, fünf Jahren kann man ein Märchen zumuten, in dem jemand in den Brunnen geworfen wird und ertrinkt. Es nimmt daraus nur die Bilder, die es sich vorstellen kann. Ein Film oder ein Comic wirken bereits bedrohlicher. Viele Jugendliche reagieren mit Abwehr, wenn sie ungewollt pornografische Inhalte sehen. Sie behaupten aber: Das macht mir nichts aus. Heute werden Pornos im Kinderzimmer oder auf dem Pausenplatz konsumiert.

Frage: Die Pop-Sängerin Billie Eilish bekannte, bereits mit elf Jahren Pornos geschaut zu haben. Das habe ihr Gehirn zerstört und ihre sexuellen Erfahrungen negativ beeinflusst. Sie habe beim Sex Ja zu Dingen gesagt, die nicht gut gewesen seien. Wie wirkt sich die Verfügbarkeit von Pornografie auf die Sexualität von Mädchen aus?
Antwort: Sie prägen sich unauslöschlich in die Köpfe einer ganzen Generation ein. Mädchen im Jugendalter befinden sich in einer sensiblen Phase der Identitätsfindung. Durch Pornografie erhalten sie ein verzerrtes Verständnis davon, was als leidenschaftlich oder begehrenswert gilt. Dasselbe passiert, wenn sie Dark-Romance-Romane lesen, die bei weiblichen Jugendlichen beliebt sind. Die Sadomaso-Trilogie «Fifty Shades of Grey» ging da voran: Darin geht es um brutale, frauenverachtende Gewalt, die von der Heldin scheinbar gewollt und herbeigesehnt wird.
Frage: Sind das nicht bloss Phantasien, die die wenigsten real erleben wollen?
Antwort: Das hinterlässt Spuren, auch in zwischenmenschlichen Beziehungen. Solche Geschichten vermitteln ein Bild von Nähe, in Wahrheit geht es aber um Kontrolle, Macht und Abhängigkeit. Diese werden verklärt, gerade weil sie emotional aufgeladen sind.
Frage: Junge Menschen glauben heute tatsächlich, was sie in Pornos sähen, sei Teil der Sexualität. Zum Beispiel Würgen und Schlagen. Gewalttätiges Verhalten wird normalisiert. Den Frauen macht es keinen Spass, aber sie wollen nicht prüde sein.
Antwort: Die Mädchen denken, sie müssten alles bieten, was sie da sehen. Blümchensex, also das ganz normale erste Mal, wenn man miteinander schläft, wird abgewertet, bevor es auch nur erlebt wird. Dabei wäre es so aufregend! Harter Sex, auch bei Jugendlichen, ist längst gesellschaftsfähig. In den Dark-Romance-Romanen wird beschrieben, wie die jungen Heldinnen vom Oralsex einen blutigen und wunden Gaumen haben. Trotzdem sagen sie: Mehr, mehr, mach weiter. Allerdings überfordert dies zunehmend auch junge Männer.
Frage: Wie meinen Sie das?
Antwort: Die sexuellen Praktiken in Pornos verunsichern beide Geschlechter. Da ist von Analsex die Rede, von Rudelbumsen. Eine Freundin ist Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche. Sie hat junge Männer zwischen siebzehn und neunzehn Jahren in Behandlung. Sie erzählen, dass sie sich den sexuellen Wünschen ihrer Freundinnen nicht gewachsen fühlten.
Frage: Sie haben über dreissig Jahre lang Kinder- und Jugendbücher geschrieben und hielten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Polen Lesungen. Wie hat sich Ihr junges Publikum verändert?
Antwort: Ich frage die Jugendlichen immer, was für Bücher sie lesen, und nach ihren Lieblingsautoren. Einmal sagte mir ein Mädchen, sie hasse Bücher. Und als ich nachhakte, ob sie wenigstens Comics oder Mangas lese, antwortete sie: «Ich lese mehr so Strassenschilder oder das, was über Geschäften steht.» Sie war im Gymnasium, neunte Klasse. Ich war sprachlos.
Frage: Das dürfte ein extremes Beispiel sein.
Antwort: Nein, ich merke es auch an der Nachfrage meiner Bücher. Von einem erfolgreichen Titel habe ich früher 60 000 Bücher verkauft. Bei den letzten Büchern waren es noch 2500 bis 3000 Exemplare. Das verleidet mir das Bücherschreiben, und Erlebnisse wie das beschriebene nehmen mir auch die Freude an Lesungen. Dabei habe ich den Austausch mit den Schülerinnen und Schülern geliebt, er war immer grossartig.
Frage: Und heute?
Antwort: Die Aufmerksamkeit ist bei Lesungen vor mehreren Klassen vollkommen am Boden. Handys summen, und die Lehrer sind nicht besonders durchgreifend, wobei ich den Lehrern keinen Vorwurf mache, die sind alle auch am Limit und können nicht mehr. Auch die Hemmschwelle der Jugendlichen sinkt. In der Fragerunde werde ich nun auch einmal gefragt, welche Schuhgrösse ich habe oder wann ich das letzte Mal Sex hatte. Ich werde auch vermehrt geduzt.
Frage: Wir würden unsere Töchter verlieren, lautet der Titel Ihres Buchs. Welche Beobachtung führt Sie zu diesem dramatischen Befund?
Antwort: Es begann in den 1990er Jahren. Jugendliche fühlen sich seither immer weniger geborgen. Die Eltern arbeiten beide, die Kinder sind früh auf sich gestellt. Zuerst bot das Fernsehen Ablenkung, jetzt ist es das Handy. Die Mädchen verbringen viel Zeit allein. Sie können heute Chat-GPT fragen, wie man einen Tampon einführt, statt die ältere Schwester oder die Mutter. Man ist nicht mehr im Austausch.
Frage: Ein grosses Thema ist das psychische Wohlbefinden der Jugendlichen. Jungen Frauen und Mädchen scheint es schlechter zu gehen als den Generationen davor. Woran liegt das?
Antwort: Kinder werden auffällig, weil sie Aufmerksamkeit brauchen, und zwar echte. Eltern sind schnell bereit, ein Kind in Therapie zu schicken. Kinder sagen selbst offen, dass sie zum Psychologen gehen. Es ist nichts mehr dabei, im Gegenteil. Psychische Störungen werden zu einem Identitätsmerkmal, das einen besonders macht.
Frage: Für Ihre Jugendbücher über Depressionen oder Magersucht haben Sie in psychiatrischen Kliniken recherchiert. Was haben Sie da erlebt?
Antwort: Ich habe Mädchen getroffen, die sich selbst verletzen oder die behaupten, im falschen Körper zu leben. Manche brachten sich in Gefahr, weil sie Tabletten geschluckt haben oder Batterien. Die Psychiatrien sind voll, die Wartelisten lang. Doch man sollte Kinder nur in höchster Not in die Klinik schicken. Sie schauen sich dort alles ab, sie ritzen sich oder verbrennen sich an Heizkörpern, weil sie das bei den anderen sehen, und posten später Selfies davon. Das hat eine Sogwirkung. Die Jugendlichen sagen damit: Beachte mich!
Frage: Social Media haben psychisches Leiden entstigmatisiert. Gleichzeitig findet hier eine soziale Ansteckung statt, es gibt Anleitungen, mit denen man sich selbst eine ADHS- oder Autismusdiagnose stellen kann.
Antwort: Für jedes Leiden findet man Zugehörigkeit. Sogenannte Lebensgruppen, die sich mit scheinbar lebensbejahenden Namen tarnen, verherrlichen Suizidgedanken. Wer sollte etwas merken, wenn eine Jugendliche dahin abgleitet? Keiner kriegt mit, was sie in ihrem Zimmer am Handy tut, ob sie sich mit Freunden austauscht oder von perversen Fremden kontaktiert wird. Vielleicht kommuniziert sie mit einer KI, die sie freundlich und mit Namen anspricht. Aber Chat-GPT formt einen nicht wie ein echter Freund.
Frage: Sie beschreiben diesen Beziehungsverlust am Beispiel des Festnetztelefons, das früher die einzelnen Familienmitglieder nicht nur mit der Aussenwelt verband, sondern auch miteinander. Können Sie das erläutern?
Antwort: Früher klingelte das Telefon, jemand in der Familie ging ran, man wusste nicht, wer anruft und für wen der Anruf ist. Vielleicht war es ein Freund der Eltern, der mit dem Vater sprechen will. Das Kind nimmt den Hörer ab und wechselt ein paar Worte mit ihm. Oder es war ein Klassenkamerad, dem die Mutter sagt: Jana ist nicht da. Der Bruder hört sie und ruft: Doch, Jana ist mit einer Freundin im Garten. So erfuhr man, wer gerade wo war. Es gab viel Einbettung, ein Miteinander. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen, aber wir müssen uns dessen bewusst sein, was wir verloren haben.
Frage: Beauty-Influencerinnen erhöhen den Druck auf Mädchen, perfekt auszusehen. Es entstehen neue Normen, die die Angst schüren, nicht zu genügen. Wie kann man sich dem entziehen?
Antwort: Die filteroptimierten Körperbilder sind hochgefährlich. Heute sieht man sie überall, die durchgestylten Mädchen, die ihren Körper bis zum Krankwerden perfektionieren. Schon Kinder fragen sich, wie sie ihr Hautbild verbessern. Sephora-Shops oder in Deutschland der Drogeriemarkt DM mit seinen Regalen voller Kosmetikprodukte sind der neue Freizeitpark. Für Eltern ist es deshalb enorm wichtig, den Selbstwert der Kinder nicht mit dem Aussehen zu verknüpfen.
Frage: Sie haben siebzehnjährige Zwillingstöchter. Wie schützen Sie diese?
Antwort: Meine Töchter sind weder auf Tiktok noch auf Instagram, als Einzige ihrer Klasse. Sie besuchen eine Waldorfschule. Ein Handy erhielten sie erst mit vierzehn. Ich habe ihnen Social Media lange verboten, so wie ich ihnen verbiete, über die Autobahn zu rennen und aus dem Fenster zu springen. Jetzt wollen sie es selbst nicht mehr.
Frage: Es macht ihnen nichts aus, in der Schule nicht mitreden zu können, wenn irgendein Star Thema ist oder ein Hashtag trendet?
Sie erhalten dadurch schon weniger Wertschätzung. Eine der beiden hat in einem Erwachsenentheater eine grosse Rolle erhalten. Als sie es in der Schule erzählte, sagten alle höflich: «Interessant, echt schön.» Gleichzeitig erhielt eine Mitschülerin eine Longchamp-Tasche. Die wurde als Ereignis gefeiert – Wahnsinn! Meine Töchter haben nicht viele gleichgesinnte Freunde. Sie haben ihre Theaterleute, singen im Chor.
Frage: Sie sprechen von einem Wertewandel mit Verweis auf die gute alte Zeit. Verklären Sie damit nicht die Vergangenheit?
Antwort: Das höre ich immer wieder. Ich bin in einem linken Haushalt aufgewachsen, demonstrierte in den Achtzigern gegen Atomkraft, war ausserdem in der Antifa. Die Leute staunen, wenn ich sage, dass ich eine strenge Mutter bin, da ich auf Lesungen oft bunte Springerstiefel oder verschiedenfarbige Chucks trage. Doch in der Familie habe ich das letzte Wort, ich entscheide, in welcher Stadt wir wohnen. Das steht mir als Mutter zu, durch das Grenzensetzen gebe ich meinen Kindern Halt. Ich lasse ihnen aber auch die Freiheiten, die ich in meiner Jugend hatte. Nur das Handy stellt mich vor neue Herausforderungen. Ich verkläre also nichts. Jede Zeit hat ihr Gutes, wir müssen bloss schauen, dass wir das Mass halten.
Frage: Worin sehen Sie einen Fortschritt?
Antwort: Es ist gut, dass schwule und lesbische Paare heiraten und öffentliche Ämter bekleiden können und sie nicht mehr ausgegrenzt werden. Es ist wunderbar, dass Mädchen aufgeklärt sind und ein viel unverkrampfteres Verhältnis zu ihrem Körper haben. Sie sprechen offen über ihre Tage und rufen durchs Schulzimmer, ob jemand einen Tampon habe. Das haben wir in den Achtzigern noch leise mit uns ausgemacht.
Frage: Sie malen dennoch ein düsteres Bild von der weiblichen Jugend, man könnte Ihnen Alarmismus vorhalten. Viele Mädchen sind auf einem guten Weg: erfolgreich in der Schule, sozial aktiv, umgänglich und aufgeweckt. Ist es wirklich so schlimm?
Antwort: Diese Mädchen kenne ich natürlich auch. Ich mag Mädchen, ich war selbst eines und habe drei Töchter. Deshalb fordere ich dazu auf, ihnen zuzuhören. Man muss sie auf einer gesunden Ebene abholen und ihnen nicht therapeutisch begegnen. Die Pubertät ist eine Achterbahn, das Hadern mit dem eigenen Körper normal. Ich sage manchmal: Das alles kannte schon Mozarts Schwester, die Nannerl. Erwachsenwerden war immer kompliziert. Wenn ich mich mit Mädchen beschäftige, rühren sie mich noch immer jedes Mal.
Jana Frey: Wir verlieren unsere Töchter. Wie Leistungsdruck, Schönheitswahn und Social Media unsere Mädchen zerstören. Quadriga-Verlag, Köln 2026. 288 S., Fr. 33.90. Das Buch erscheint am 31. August.
Die Mädchenversteherin

Jana Frey, 57, gehört zu den bekanntesten Stimmen der deutschsprachigen Jugendliteratur. Sie hat zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht, die in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Darin erzählt sie häufig von den schwierigen gesellschaftlichen und psychischen Welten junger Menschen. Die vierfache Mutter, die auch Elternberaterin ist, lebt mit ihrer Familie in Süddeutschland. Ihr neues Buch «Wir verlieren unsere Töchter» richtet sich an Erwachsene.




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