RSS Amplifier

Sport – News, Hintergründe und Resultate | NZZ Nachrichten · Aug 26, 2026

Kalt duschen macht schnelle Beine. Wie Jason Joseph das WM-Drama von 2025 verarbeitet hat

0
Sign in to vote or save

Remo Geisser · Neue Zürcher Zeitung

Kalt duschen macht schnelle Beine. Wie Jason Joseph das WM-Drama von 2025 verarbeitet hat

Der Hürdensprinter Jason Joseph tritt bei Weltklasse Zürich als Europameister an. Auf dem Weg zum ersten grossen Titel musste er auch innere Hindernisse überwinden.

5 Leseminuten


An den ersten Schritten hat er in diesem Jahr intensiv gearbeitet: Jason Joseph.

An den ersten Schritten hat er in diesem Jahr intensiv gearbeitet: Jason Joseph.

Tobias Lackner / Imago

Es ist ein Luxusproblem: Die Schweiz zählt derzeit so viele Topathletinnen und -athleten, dass es den Rahmen von Weltklasse Zürich sprengen würde, sie alle im Hauptprogramm starten zu lassen. Deshalb bekommen die Stadionbesucher in diesem Jahr ein Highlight zu sehen, das am TV lediglich als Aufzeichnung eingespielt werden wird: das Rennen von Jason Joseph, dem Europameister über 110 m Hürden.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Dass der Basler irgendwann grosse internationale Titel erringen würde, haben Experten schon lange prognostiziert. Denn Joseph bringt alles mit für einen herausragenden Hürdenläufer. Er ist 193 Zentimeter gross, schnellkräftig und technisch bestens ausgebildet. Über wie viel Talent er verfügt, bewies er an seinen ersten internationalen Titelkämpfen: Mit 19 Jahren gewann er EM-Gold bei den Junioren. Zwei Jahre später sicherte er sich auch den Titel an den U-23-EM.

Es war die Zeit, als die Schweizer Leichtathletik den Aufstieg aus einem Wellental begonnen hatte. 2012 war das beste Schweizer Einzelresultat an den EM in Helsinki noch ein 7. Rang der Weitspringerin Irene Pusterla, 2014 reichte es zu einmal Gold für Kariem Hussein über 400 m Hürden, dann nahm der Zug mehr und mehr Fahrt auf, und Joseph schien dafür geschaffen, den Kessel anzuheizen.

«Okay, das war’s dann, Freunde»

Er tat das im Winter 2023 auf eindrückliche Art. Der Basler war der international dominierende Hürdensprinter der Hallensaison und erteilte der Konkurrenz an den Indoor-Titelkämpfen eine Lektion: Er wirkte schon in den Vorläufen bestechend, und als er sich vor dem Start zum EM-Final auf der Bahn aufbaute, war für jeden ersichtlich: Da steht der Chef im Feld. Sein Lauf war derart gut, dass Joseph bereits nach der zweiten Hürde zu sich sagen konnte: «Okay, das war’s dann, Freunde.»

Der Athlet hatte damals bereits wichtige Lehrjahre hinter sich. Im Winter 2020/21 steckte er in der Spitzensport-RS, als er mit dem Ausrüster Puma einen Vertrag unterschrieb. Quasi als Bonus ermöglichte ihm die Firma, in einer von ihr finanzierten Profigruppe unter dem Startrainer Rana Reider in Florida zu trainieren. Die Armee gab die Freigabe und entrichtete für die Tage in den USA sogar einen Sold.

Jason trainierte mit Olympiasiegern, er sah Tag für Tag, was es heisst, als Profi zu leben, und er lernte auch Selbständigkeit. Neben dem Sport musste er auch einen Haushalt führen, seine Klamotten waschen und kochen. Es war eine Lebensschule. Der Athlet weilte mehrfach für längere Zeit in Florida. Doch der erhoffte Leistungsschub blieb vorerst aus. 2022 folgten kurz nacheinander WM und EM, Joseph wollte Medaillen, ging aber beide Male als geknickter Held von der Bahn.

Er brauchte mehrere Wochen, um sich von den Niederlagen zu erholen, und entschied sich schliesslich, seine Trainingsbasis wieder ganz in die Schweiz zu verlegen. In Basel hatte ihn Claudine Müller in Richtung Weltklasse entwickelt, und sie betreute ihn auch zwischen den Trainingslagern in den USA. Jetzt übernahm sie wieder allein das Zepter.

Jason Joseph hat gelernt: «Egal, wie ich zur ersten Hürde komme, ich attackiere sie voll.»

Jason Joseph hat gelernt: «Egal, wie ich zur ersten Hürde komme, ich attackiere sie voll.»

Jean-Christophe Bott / EPA

In einem Gespräch im Sommer 2025 sagte sie, die Zeit unter Rana Reider habe Joseph sehr wohl weitergebracht. Doch der Coach habe im Training immer wieder zwischen Technik und Sprint gewechselt, um den Athleten noch schneller zu machen. Dieser brauche aber die konstante Arbeit an den Hürden, um sein Potenzial zu entfalten.

Joseph sagte bei dem gleichen Treffen in Basel, jede einzelne Übung, die ihn Müller ausführen lasse, sei aufs Hürdenlaufen ausgerichtet. Es mag für Aussenstehende schwer nachvollziehbar sein, aber ein Flachsprint und ein Sprint über die Hürden sind völlig unterschiedlich. Auch der 100-m-Lauf ist technisch höchst anspruchsvoll, aber dort geht es darum, nach Start und Beschleunigung mit langem Schritt quasi ins Fliegen zu kommen.

Beim Hürdenlauf hingegen spielen neben der Technik der Rhythmus und die Schrittfrequenz eine entscheidende Rolle: drei kraftvolle, effiziente Schritte auf die Bahn trommeln und dann aggressiv die nächste Hürde attackieren. Würde Joseph seine langen Beine voll ausfahren, käme es zum Crash am nächsten Hindernis.

Müller fügte die Puzzleteile wieder zu einem harmonischen Ganzen. Die Folge: der überlegene Titelgewinn über 60 m Hürden in der Halle 2023 und am Ende des Sommers ein hochklassiger Landesrekord von 13,07 Sekunden über 110 m Hürden. Aber es gab immer wieder auch Rückschläge: ein verpatzter WM-Final 2023, EM-Bronze 2024 nach einem Lauf, der so holprig war, dass man die Medaille als Geschenk betrachten musste. Dann das Out im Halbfinal an den Olympischen Spielen in Paris.

Joseph ist selbst sein schärfster Kritiker

Joseph ist in solchen Situationen sein schärfster Kritiker. Er weiss genau, was er kann, und er weiss auch sehr schnell, was er falsch gemacht hat. Eine tiefgreifende Analyse brachte ein grundlegendes Problem zutage: Wenn er vor wichtigen Rennen in den Startblöcken kniete, galt sein letzter Gedanke nicht sich selbst, sondern seinen Gegnern. Er arbeitete mit seinem Mentalcoach daran, und er richtete sein Leben noch mehr auf den Sport aus: gesündere Ernährung, viel Schlaf – und jeden Morgen eine kalte Dusche.

Eigentlich ist Joseph ein Warmduscher, er hasst Kälte. Doch er sagt: «Wenn ich eine solche mentale Hürde überwinde, ist es einfach, an einem schlechten Tag im Training zu sagen: Das machst du jetzt trotzdem.» Joseph machte im Sommer 2025 vieles richtig. Bis zum 16. September. Im WM-Final kam er wie der Blitz aus den Blöcken, beschleunigte mit sieben Schritten bis zur ersten Hürde – und blieb dann einfach stehen.

Der Athlet brauchte lange, um dieses Blackout zu verarbeiten. Was war geschehen? «Ich hatte das Gefühl, dass der Abstand zur Hürde nicht genau stimmte.» In Trainings war ihm das schon öfter passiert, dann brach er den Lauf ab. Nun passierte das im wichtigsten Rennen, quasi automatisch. Zu allem Elend stellte der Sprinter später fest, dass der Abstand wohl ideal gewesen wäre.

In diesem Jahr hat Joseph intensiv am Start gearbeitet. Dieser war lange eine Schwäche von Joseph, die ihn nicht allzu sehr beschäftigte. Denn er wusste, dass er ab der fünften Hürde mit seiner Power fähig war, den Rückstand wettzumachen. Jetzt kommt er besser aus den Blöcken, und er hat vor allem gelernt: «Egal, wie ich zur ersten Hürde komme, ich attackiere sie voll.» Das war letztlich der Schlüssel zum ersten grossen Titel.

Erstaunlich ist dabei: Der 27-Jährige hatte keine einfache Saison, kurz nach dem Einstieg verletzte er sich am Oberschenkel und konnte im Training nicht mehr voll belasten. Seine Zeiten vor den EM waren mittelprächtig, doch im Final lief er mit 13,12 das klar schnellste Rennen des Sommers. Aber Joseph hat noch mehr in den Beinen. Längst ist er parat, die 13-Sekunden-Barriere zu durchbrechen. Einst wollte er das erzwingen, jetzt bleibt er gelassen. Er weiss: Der Tag wird kommen.

Passend zum Artikel

Moser ist eine der verlässlichsten Medaillengewinnerinnen der Schweizer Leichtathletik. Auch wenn sie ihr Training aufgrund gesundheitlicher Probleme immer wieder anpassen muss.

Nach einer überragenden Saison reist die Schweizer 800-m-Läuferin als Favoritin an die Leichtathletik-EM in Birmingham. Doch die Tage in England verlangen der 22-Jährigen viel Nehmerqualitäten und Nervenstärke ab. Sie meistert sie bravourös.

Der 27-Jährige krönt sich in Birmingham zum Europameister. Dass er zu einem solchen Erfolg fähig ist, war schon lange klar. Bisher fehlte dem Baselbieter aber just am Grossanlass das letzte Etwas.

Read the original on nzz.ch

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.