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Schweiz – News und Hintergründe zum Inland | NZZ Nachrichten · Aug 21, 2026

Das AKW-Dilemma: Niemand weiss, wie teuer es wirklich wird

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David Vonplon · Neue Zürcher Zeitung

Das AKW-Dilemma: Niemand weiss, wie teuer es wirklich wird

Ein neues Kernkraftwerk in der Schweiz würde laut einer Studie mindestens 14 Milliarden Franken kosten – vielleicht auch ein Vielfaches mehr. Entscheidend ist, ob sich die Fehler der jüngsten europäischen Projekte vermeiden lassen.

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Das Kernkraftwerk Gösgen: Wie teuer ein vergleichbarer Neubau in der Schweiz würde, lässt sich laut den Akademien der Wissenschaften nur mit grosser Unsicherheit abschätzen.

Das Kernkraftwerk Gösgen: Wie teuer ein vergleichbarer Neubau in der Schweiz würde, lässt sich laut den Akademien der Wissenschaften nur mit grosser Unsicherheit abschätzen.

Alessandro Della Bella / Keystone

Was würde ein neues Kernkraftwerk in der Schweiz kosten? Sollte die Stimmbevölkerung im kommenden Jahr an der Urne das Neubauverbot aufheben, dürfte von der Antwort darauf abhängen, ob tatsächlich ein neues AKW in Angriff genommen wird. Ein neuer Bericht der Akademien der Wissenschaften, der die Kosten und Finanzierungsrisiken beim Bau eines Kernkraftwerks anhand internationaler Erfahrungswerte und Schätzungen analysiert, zeigt nun jedoch vor allem eines: Die Unsicherheit ist gewaltig.

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Für einen Neubau, der bis 2050 fertiggestellt werden kann, kommen gemäss den Studienautoren praktisch nur zwei Anbieter infrage: Westinghouse aus den USA und EDF/Framatome aus Frankreich. Russische und chinesische Hersteller haben in Ländern ausserhalb Europas zwar Kernkraftwerke schneller und zu deutlich tieferen Kosten gebaut. Sie dürften jedoch aus geopolitischen Gründen ausscheiden. Und andere Anbieter stehen für einen Entscheid bis Mitte der 2030er Jahre kaum zur Verfügung.

Spannbreite zwischen 14 und 43 Milliarden Franken

Für einen Reaktor des amerikanischen Herstellers Westinghouse mit einer Leistung in der Grössenordnung von Leibstadt (1250 MW) veranschlagen die Wissenschafter Gesamtbaukosten von rund 14 bis 25 Milliarden Franken. Bei einem etwas grösseren Reaktor von EDF/Framatome (1630 MW) reicht die Spannweite sogar von 21 bis 43 Milliarden Franken. Die Berechnungen gehen von einem möglichen Baubeginn um 2040 aus.

Auffällig ist: Die Zahlen liegen teilweise deutlich über den Kosten, die in der Schweizer Atomdebatte bisher herumgereicht wurden. So erklärte etwa der PSI-Nuklearforscher Andreas Pautz unlängst in der NZZ, er gehe für ein neues Kraftwerk von der Grösse von Gösgen von Baukosten von etwa 8 bis 10 Milliarden Franken aus. Der höhere Wert im Bericht der Akademien erklärt sich vor allem methodisch: Er berücksichtigt neben den eigentlichen Baukosten auch die Kosten für die Finanzierung des eingesetzten Kapitals während der jahrelangen Bauphase. Und diese machen die Rechnung nach Angaben der Autoren um rund 20 bis 30 Prozent teurer. Die Baukosten wiederum machen ungefähr 70 Prozent der gesamten Kosten eines Kernkraftwerks über seine Lebensdauer aus.

Dessen ungeachtet zeigt die grosse Spannbreite bei der Kostenschätzung die Diskrepanz auf zwischen der bisher beobachteten und der theoretisch erwarteten Kostenentwicklung. Blickt man auf die jüngsten europäischen und amerikanischen Bauprojekte, ist das Bild ernüchternd. Bei den Reaktoren der derzeitigen Generation wurden die ursprünglich vorgesehenen Bauzeiten und Kosten regelmässig massiv überschritten. Die Akademien sprechen von einem Faktor zwei bis mehr als drei gegenüber den ursprünglichen Planungen.

Zugleich zeigte sich, dass sowohl die Angebotskosten bei Vertragsabschluss als auch die effektiven Kosten von Projekt zu Projekt anstiegen. Besonders drastisch offenbart sich dies bei den europäischen Druckwasserreaktoren. Im finnischen Olkiluoto war eine Bauzeit von 4 Jahren vorgesehen, tatsächlich dauerte sie rund 18 Jahre. Die ursprünglichen Baukosten betrugen gemäss der Berechnung der Akademien rund 1500 Franken pro Kilowatt Leistung; am Ende waren es inklusive Finanzierungskosten schätzungsweise 7000 Franken.

Noch ausgeprägter ist die Entwicklung im französischen Flamanville. Statt der geplanten 5 dauerte der Bau rund 17 Jahre. Die ursprünglich veranschlagten Kosten von etwa 3000 Franken pro Kilowatt erhöhten sich inklusive Finanzierung auf rund 13 000 Franken. Beim noch im Bau befindlichen britischen Kraftwerk Hinkley Point C rechnen die Akademien inzwischen mit mindestens 13 Jahren Bauzeit und Gesamtbaukosten von gegen 20 000 Franken pro Kilowatt – ursprünglich waren rund 8000 Franken vorgesehen.

Auch Westinghouse blieb in den USA von solchen Problemen nicht verschont. Beim amerikanischen Kernkraftwerk Vogtle stieg die Bauzeit von geplanten 4 auf gut 10 Jahre. Die Kosten erhöhten sich von rund 5000 auf schätzungsweise 15 000 Franken pro Kilowatt inklusive Finanzierung. Westinghouse geriet während des Baus wegen der hohen Kostenüberschreitungen 2017 gar in Konkurs und wurde schliesslich von anderen Firmen aufgekauft, womit das Unternehmen seine Reaktoren weiterhin anbieten kann.

Hoffen auf den Lerneffekt

Die zentrale Frage lautet nun, ob sich dieser Trend umkehren lässt, weil sich Lerneffekte einstellen, wenn wieder vermehrt Kernkraftwerke gebaut werden. Genau dies nämlich erwartet die Nuklearbranche. In einem günstigeren Szenario gehen die Wissenschafter davon aus, dass es den Herstellern gelingt, ihre Reaktor-Designs so zu vereinfachen, dass die Bauphase vor dem ersten Spatenstich weitgehend fertig geplant ist und etablierte Lieferketten zur Verfügung stehen. Dabei dürfte das Design während des Baus nicht mehr verändert werden. Nur unter diesen Voraussetzungen käme ein Westinghouse-Reaktor auf rund 14 Milliarden Franken, ein EDF-Reaktor auf rund 21 Milliarden zu stehen.

Tritt dagegen das schlechtere Szenario ein, bei dem die erhofften Fortschritte bei Standardisierung und Lieferketten ausbleiben und es wieder zu Kostenüberschreitungen kommt, würde der Westinghouse-Reaktor rund 25 Milliarden und der EDF-Reaktor rund 43 Milliarden Franken kosten. Selbst dieses Szenario verstehen die Autoren explizit nicht als Worst Case: Unfälle, geopolitische Spannungen oder andere unvorhersehbare Ereignisse könnten die Kosten zusätzlich in die Höhe treiben.

Kleine modulare Reaktoren sind laut den Studienautoren – Stand heute – noch keine Alternative, da belastbare Erfahrungswerte fehlen. Ausserhalb Chinas und Russlands befindet sich gemäss dem Bericht erst seit kurzem ein wassergekühlter Prototyp in Bau; andere Projekte sind noch in Entwicklung oder wurden wegen hoher Kosten aufgegeben. Ob kleine modulare Reaktoren dereinst günstiger gebaut werden könnten, lasse sich deshalb derzeit nicht empirisch beurteilen, heisst es im Bericht.

Staat trägt Grossteil der Risiken

Nicht weniger wichtig als die Frage der Kosten ist jene, wer sie trägt. Und hier zeigt sich international ein eindeutiger Trend: Nachdem bei den ersten Reaktoren der neuen Generation noch private Investoren einen erheblichen Teil des Risikos übernommen hatten, verschob sich die Finanzierung zunehmend in Richtung Staat. Laut den Studienautoren dürfte dies auch in der Schweiz nicht anders sein. Davon betroffen wäre wohl nicht nur der Bund, sondern auch die Kantone. So sind zwei der drei Betreiberfirmen, die in der Schweiz für den Bau eines neuen Kernkraftwerks infrage kommen, ganz oder teilweise im Besitz von Kantonen.

Dabei zeigt sich, dass nicht nur beim Ausbau der Erneuerbaren, sondern auch bei neuen Kernkraftwerken der Zeitdruck beträchtlich ist. Soll ein neues Kernkraftwerk um 2050 in Betrieb gehen, müsste bereits Anfang der 2030er Jahre ein Gesetz zur staatlichen finanziellen Unterstützung vorliegen und der Entscheid eines Betreibers oder Investors gefällt werden, ein Projekt aufzugleisen und auszuschreiben. Dass schon dann deutlich mehr Erfahrungswerte zu Kosten und Bauzeiten der betrachteten Baufirmen vorliegen werden – und somit die Unsicherheit kleiner sein wird –, ist laut den Studienautoren unwahrscheinlich.

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