Sturzflut in Himalaja-Tal verwüstet den Grenzübergang zwischen Nepal und China – Polizei bestätigt 165 Tote, Zahl der Vermissten steigt auf mehr als 1300
Nach einem Erdbeben in Tibet rollt am Mittwochmorgen eine Welle aus Wasser, Geröll und Eis durch ein Hochgebirgstal. Ganze Ortschaften, Brücken und Kraftwerke werden zerstört. Tausende Menschen, unter ihnen auch ausländische Touristen, werden vermisst.
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Eine riesige Flutwelle hat in einem Himalaja-Tal an der Grenze zwischen Nepal und China eine Schneise der Verwüstung gerissen. Nachdem sich am Mittwochmorgen eine Masse aus Wasser, Eis und Geröll das Bhotekoshi-Tal hinabgewälzt hat, werden in Nepal und China mehr als 1300 Menschen vermisst. Unter ihnen sind auch Hunderte von Touristen. Neben Nepalesen und Indern sind auch Amerikaner, Kanadier, Australier, Briten, Ukrainer und Deutsche betroffen. Informationen über Schweizer Vermisste lagen zunächst nicht vor.
Die nepalesische Polizei teilte mit, dass bisher 270 Leichen geborgen worden seien. Es wird davon ausgegangen, dass die Opferzahlen weiter steigen. Viele Tote wurden Dutzende Kilometer flussabwärts an der Grenze zu Indien entdeckt – sie waren offenbar von den Fluten extrem weit mitgerissen worden. Laut den Behörden in Nepal sind mehr als 7400 Rettungskräfte im Einsatz. Fast 240 Personen konnten bisher lebend mit Helikoptern geborgen werden.
Schlammlawine bahnte sich einen Weg durch das Tal
Verstörende Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen, wie Dutzende Menschen aus einem sechsstöckigen Gebäude auf der chinesischen Seite des Grenzübergangs Gyirong fliehen. Sekunden später bricht eine graue Flutwelle über das Gebäude herein, und eine wirbelnde Masse aus Wasser und Geröll erfüllt das Tal. Eine andere Aufnahme zeigt, wie die meterhohe Flutwelle einen Parkplatz am Grenzübergang mit Dutzenden parkierten Bussen und Autos überrollt.
Überwachungskameras halten den erschütternden Augenblick fest, in dem die Wassermassen Gebäude zerstören.
Reuters
Auf Luftaufnahmen ist zu sehen, wie sich die Schlammlawine einen Weg durchs Tal bahnt. Spätere Drohnenbilder zeigen totale Verwüstung. Die chinesische Regierung sprach von «schweren Personenschäden und Vermissten». Am Abend meldete das Staatsfernsehen 3 Tote und 265 Vermisste. Das Ministerium für Katastrophenschutz rief die zweithöchste Alarmstufe aus. Zhang Guoqing, Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees, reiste an den Katastrophenort.
Viele der Touristen wollten zum heiligen Berg Kailash
Ganze Ortschaften wurden zerstört, die Telefonverbindungen in die Region waren unterbrochen, was die Kommunikation erschwerte. Die heftigen Regenfälle in der Region behindern den Rettungseinsatz. Mehrere Helikopter, die in Kathmandu gestartet waren, mussten wegen des schlechten Wetters umkehren. Die Sturzflut riss laut den Behörden auch Dutzende Brücken über den Fluss weg.
Durch die Sturzflut wurden in Nepal zudem sechs Wasserkraftwerke beschädigt. Laut Reuters fallen dadurch 12 Prozent der gesamten Kapazität zur Stromerzeugung aus. Wie die «Kathmandu Post» berichtete, werden über 60 Mitarbeiter eines Wasserkraftwerks und Dutzende Angehörige der Streitkräfte vermisst. Viele der Touristen in der Region waren hinduistische Pilger aus Indien und Nepal, die zum heiligen Berg Kailash auf der tibetischen Seite der Grenze wollten.
Der Grenzübergang zwischen Nepal und China war bereits vor einem Jahr von einer tödlichen Flutwelle getroffen worden. Damals war die «Freundschaftsbrücke» über den Fluss zerstört worden, 11 Menschen verloren ihr Leben. Dieses Mal dürften die Verwüstungen und die Zahl der Opfer noch weitaus höher liegen. Der Grund für die Sturzflut im vergangenen Jahr war der Durchbruch eines Gletschersees in Tibet. Was der Auslöser der jetzigen Katastrophe war, ist noch unklar.
Aufnahmen von Augenzeugen zeigen, wie eine Flutwelle durch ein Dorf in der Himalaya-Region Nepals strömte.
REUTERS
Womöglich war ein Erdbeben in Tibet der Auslöser
Nepals Aussenminister Shisir Khanal sagte im Parlament, es habe um 8 Uhr 37 auf der tibetischen Seite ein Erdbeben gegeben. Dieses habe womöglich zu einem Gletscherabbruch geführt. Die genauen Gründe der Katastrophe müssten aber noch geklärt werden. Laut der US-Erdbebenwarte hatte das Beben eine Stärke von 4,4. Der Bhotekoshi entspringt in den Bergen des tibetischen Hochlands, bevor er durch Nepal nach Indien fliesst. Die Regierung gab für die flussabwärts gelegenen Gebiete eine Katastrophenwarnung aus.
Auch der nordindische Gliedstaat Bihar bereitet sich auf eine Flutwelle vor. Siedlungen wurden evakuiert, und ein Stausee wurde vorsichtshalber abgelassen, um Platz für die Wassermassen zu schaffen. Indien, China und die USA boten Nepal Hilfe bei dem Rettungseinsatz an. Indiens Premierminister Narendra Modi drückte seinem nepalesischen Amtskollegen Balendra Shah sein Mitgefühl aus. Zwei Transportflugzeuge mit Hilfsgütern stünden zum Abflug bereit, hiess es.
Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping sagte, es müsse alles getan werden, um die vermissten Personen zu finden und zu retten. Die Frühwarnung in den von Hochwasser und Taifunen betroffenen Regionen müsse verbessert werden, forderte Xi. Nepal und China hatten nach der Sturzflut letztes Jahr vereinbart, ihren Informationsaustausch zu Sturzfluten, Erdrutschen und drohenden Gletscherseeausbrüchen zu verstärken. Eine formelle Vereinbarung steht aber noch aus.
Experten vermuten eine Lawine aus Fels und Eis
Christian Huggel von der Universität Zürich hat frühere Sturzfluten in der Region erforscht und arbeitet mit Kollegen an einer ersten Analyse anhand von Satellitenbildern, Videos und Erdbebenmessungen. «Wir gehen im Moment davon aus, dass der Ursprung der Flut eine Lawine aus Fels und Eis gewesen ist», sagt er. Diese Lawine müsse auf der Nordseite des 7234 Meter hohen Bergs Langtang Lirung an der Grenze zwischen China und Nepal abgegangen sein. Es gebe aber noch viele offene Fragen. Zum Beispiel wisse man nicht, woher die enorme Wassermenge gekommen sei.
Today, a flash flood has swept through markets, settlements, and hydropower projects along the Bhotekoshi River in Timure and Syabrubesi, Gosainkunda Rural Municipality, Rasuwa District, Bagmati Province, Nepal. pic.twitter.com/DWVsGQpRzV
— Weather Monitor (@WeatherMonitors) August 26, 2026
Der Geograf Huggel gehört zu einer internationalen Forschergruppe, die bei solchen Ereignissen eine schnelle Analyse und Dokumentationsmaterial für die Rettungsmassnahmen liefert. Ihn erinnert das Ereignis an eine Sturzflut 2021 im Distrikt Chamoli in Indien. Sie wurde ebenfalls durch eine Lawine aus Fels und Eis ausgelöst. Damals kamen mehr als 200 Menschen ums Leben. Aber das gegenwärtige Ereignis scheine noch grösser zu sein, sagt Huggel. Möglicherweise sei mit mehr als tausend Todesopfern zu rechnen.
«Ich bin sehr traurig und frustriert, dass wir es immer noch nicht fertigbringen, Menschenleben zu retten», sagt Huggel. Es sei ein Schock, wenn so etwas schon wieder passiere. Die Frequenz, mit der diese Desaster kämen, sei bedrückend. Man habe die technischen Möglichkeiten, Frühwarnsysteme zu bauen, sagt Huggel. Er selbst ist an einem grösseren Projekt beteiligt, das dazu dient, Frühwarnsysteme und ein Risikomanagement in der Mount-Everest-Region zu stärken und aufzubauen.
Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) erklärte, es habe bislang keine Kenntnis darüber, ob sich auch Schweizer in dem Katastrophengebiet befunden hätten. Die Botschaft in Kathmandu stehe deswegen in Kontakt mit den nepalesischen Behörden.
USA senden Nothilfe
Die USA kündigten an, Katastrophenhilfe in Höhe von 500 000 Dollar bereitzustellen. Ein Berater für Katastrophenhilfe sei in die Region entsandt worden, um den Einsatz zu unterstützen, teilte das amerikanische Aussenministerium mit. «Die Vereinigten Staaten sprechen den Familien und Angehörigen derjenigen, die bei den verheerenden Sturzfluten im nepalesischen Bezirk Rasuwa ihr Leben verloren haben, ihr tiefstes Beileid aus», hiess es weiter.
Mitarbeit: Katrin Büchenbacher und Sven Titz




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