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Panorama Nachrichten - NZZ News · Aug 24, 2026

«Prorussisches Narrativ, getarnt als Kinderunterhaltung» – Kiew verbietet «Mascha und der Bär»

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Inna Hartwich · Neue Zürcher Zeitung

«Prorussisches Narrativ, getarnt als Kinderunterhaltung» – Kiew verbietet «Mascha und der Bär»

Die Zeichentrickserie über ein Mädchen und ein Zirkustier ist ein russischer Exportschlager. Kiew verbietet sie nun. Sind ein vorlautes Kind mit rosa Kopftuch und sein pelziger Freund russische Propaganda, verpackt in bunte Bilder und schnelle Schnitte?

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Das energiegeladene Mädchen und das brummende Zirkustier: Die Zeichentrickserie «Mascha und der Bär» ist ein Exportschlager Russlands.

Das energiegeladene Mädchen und das brummende Zirkustier: Die Zeichentrickserie «Mascha und der Bär» ist ein Exportschlager Russlands.

PD

Es läuft immer nach dem gleichen Muster ab: Ein Mädchen – pausbackiges Gesicht, rosa Kopftuch, rosa Kleidchen – taucht im Holzhaus in einem Wald auf, wo sein Freund, ein pensionierter Zirkusbär, wohnt. Mascha, das energiegeladene, neugierige, freche Kind, redet und rennt und macht Quatsch. Mischa, der ruhige Bär, schaut entsetzt und brummt und ist doch gutmütig.

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Mit Blicken und Gesten bringt das Tier das Kind schliesslich immer dazu, das angerichtete Durcheinander zu beseitigen. Nach fünf bis sechs Minuten ist das 3-D-Abenteuer von Mascha und ihrem Mischa auch schon wieder vorbei, die nächste Folge wartet, wo es wieder heisst: Streich, Chaos, Ordnung.

«Prorussisches Narrativ, getarnt als Kinderunterhaltung»

Harmlos klingt das. Für Kiew aber ist der russische Exportschlager «Mascha und der Bär» alles andere als ulkig. Die Animationsserie der russischen, mittlerweile auf Zypern ansässigen Firma «Animaccord» verbreite «prorussische Narrative, getarnt als Kinderunterhaltung», heisst es in einem Ukas des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski. Die Zeichentrickserie sei eine Bedrohung für die nationale Sicherheit der Ukraine. Deshalb stehe sie ab sofort genauso auf der Sanktionsliste des Landes wie der russische Aluminiumkonzern Rusal und einige russische Rüstungsunternehmen.

Vor allem geht es den ukrainischen Behörden um Dekoration und Symbole, die in der Serie vorkommen. Einmal setzt sich Mascha eine Kappe mit einem blauen Emblem auf, die an die Mützen von sowjetischen Geheimdienstlern des NKWD erinnert. Die Schergen der Geheimpolizei waren für Folter und massenhafte Erschiessungen in Zeiten des Stalinismus verantwortlich. In einer solchen Kappe verteidigt sie die «Grenze» im Garten des Bären gegen einen diebischen Hasen. Einmal schmückt sie sich mit einer Panzerfahrerhaube. Hin und wieder sind Passagen des berühmten sowjetischen Kriegsliedes «Katjuscha» zu hören, auch Klänge des Militärmarsches «Abschied der Slawin» aus dem Ersten Weltkrieg ertönen.

Die Vorwürfe der Ukrainer sind nicht neu. Bereits 2014, nach Russlands Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und dem Krieg im Donbass, hatten ukrainische Politiker immer wieder auf die Soft-Power russischer Kinderserien, Kinderbücher, Zeichentrickserien hingewiesen. Darin verkaufe sich Russland auf eine positive, ja geradezu sanfte Weise, hiess es stets. Bei «Mascha und der Bär» schaut der Bär, Russlands Symbolfigur schlechthin, immer gütig und doch belehrend auf Mascha herab und bringt sie dazu, das zu machen, was er will. Und er will: Ruhe und Ordnung, keine Autonomie des als frech und vorlaut empfundenen Mädchens.

In 150 Länder verkauft, in 40 Sprachen übersetzt

Nach Russlands Überfall auf die Ukraine 2022 verschärfte Kiew seine «Entrussifizierungspolitik». Der Import und Vertrieb russischer Bücher ist in der Ukraine verboten, aus ukrainischen Bibliotheken, so schätzen es Beobachter, wurden mehr als 20 Millionen Buchexemplare ausgesondert, darunter nicht nur politische Werke, sondern auch Klassiker wie die von Puschkin, Dostojewski, Tolstoi. Sowjetische und russische Kinderbücher strich die Regierung aus den Lehrplänen. Sämtliche Spielfilme, Dokumentationen und Serien, die von russischen Staatsbürgern nach 2014 produziert wurden, dürfen in der Ukraine weder im Fernsehen noch im Kino oder auf ukrainischen Streaming-Plattformen gezeigt werden.

Auch in einigen EU-Ländern blicken Politiker besorgt auf «Mascha und der Bär». Der estnische Aussenminister Margus Tsahkna bezeichnete die Zeichentrickserie im Juni dieses Jahres als «kremlfreundliche, militaristische Bilder, die die russische Aggression und die imperialen Ambitionen normalisieren». 50 britische Abgeordnete unterzeichneten im Juli einen Brief ans britische Kulturministerium und forderten darin, die Serie aus den Streamingdiensten zu entfernen. Es sei schlicht russische Propaganda.

Die Zeichentrickserie startete im Januar 2009 – und wurde nach und nach weltweit zum Hit. In knapp 150 Länder wurde sie verkauft, in mehr als 40 Sprachen übersetzt. In der Schweiz, in Deutschland und Kanada schauen Kinder dem Jux und der Tollerei des kleinen Mädchens und des grossen Bären genauso zu wie in Indonesien, Brasilien oder Australien. In den Ratings der beliebtesten Kinderfernsehsendungen nimmt sie neben «Peppa Wutz» und «Paw Patrol» regelmässig einen der ersten Plätze ein.

Viel gesprochen wird dabei nicht, dafür gibt es schnelle Schnitte und eine zuweilen – zumindest für Eltern – nervtötende Musik. Es ist eine Art geschickt verpackte Erziehungskampagne. Das wilde Kind wird am Ende jeder Folge vom vernünftigen Erwachsenen (dem Bären) gemassregelt und dazu gebracht, sich brav und ordentlich zu verhalten. Dass dabei hin und wieder militaristische Symbole eingesetzt werden, wird als landestypisches Lokalkolorit gesehen.

Russische Indoktrination vom Sandkasten an

Letztlich ist es genau das: Russland setzt Militarismus gezielt ein. Die Indoktrination beginnt bereits im Sandkasten – und ist genauso gewollt. «Pesotschniza» (Sandkasten) heisst denn auch eine Kindersendung des russischen Extrem-Talkers Wladimir Solowjow. Er bezeichnet die Animationsserie, die auf dem Videoportal Rutube läuft, als «Nachrichten, bevor die Kleinen anfangen, Mama zu sagen». Darin erscheint Putin als niedliche Figur mit blauen Kulleraugen, die sich immer wieder mit Klein Trump, Klein Macron, Klein Kim Jong Un, ebenso Animierten, trifft und über Geopolitik kichert.

Der sowjetische Zeichentrickfilm «Drei aus Prostokwaschino» über einen Jungen namens Onkel Fjodor, seinen Hund Scharik und den Kater Matroskin wird in Russland seit 2018 neu aufgelegt. Im Dezember 2025 tauchte darin ein animierter Putin auf. Zusammen mit den Figuren aus dem verschneiten Dorf Prostokwaschino feierte er Neujahr und hielt eine Ansprache an die Nation. «Matroskin und Putin sind so ein wunderbares Duo», schwärmte die Chefin des Moskauer Animationsstudios Sojusmultfilm, das die Zeichentrickserie herausbringt.

Und selbst Tscheburaschka, ein plüschiges braunes Wesen mit riesigen Ohren – von seinem sowjetischen Erfinder Eduard Uspenski einst als Aussenseiter ausgedacht, der von einem Obsthändler in einer Orangenkiste gefunden wird und sich mit einem Krokodil namens Gena anfreundet –, wurde in Zeiten des Krieges vollkommen umgedeutet. Russische Soldaten nutzen Tscheburaschka an der Front als Aufnäher oder Maskottchen. In manchen ukrainischen Schulen hängen Plakate, auf denen steht: «Wenn du Tscheburaschka magst, geh nach Russland.»

Auch viele Ukrainer sind mit Tscheburaschka und Onkel Fjodor aufgewachsen. Doch während Moskau ihr Land mit Raketen und Drohnen attackiert, ist die einst empfundene Vertrautheit längst verschwunden. In jedem sanften Blick der Zeichentrickfiguren, deren Lieder sie oft auswendig können, steckt für die Angegriffenen die Gewalt des Aggressors, der Imperialismus, der Tod. Sie schauen aus der Gegenwart auf die vermeintlich harmlos wirkenden Animationsserien. Eine Gegenwart, die ihnen die Liebsten raubt und das Leben zur Hölle macht. Deshalb wird Mascha verbannt – und mit ihr alles Russische. Weil es Leid bringt, Schmerz und nicht selten Hass.

Als Aussenseiter ausgedacht, nun von Russen und Ukrainern politisch umgedeutet: das sowjetische Plüschwesen Tscheburaschka.

Als Aussenseiter ausgedacht, nun von Russen und Ukrainern politisch umgedeutet: das sowjetische Plüschwesen Tscheburaschka.

PD

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