Ein exzentrischer Graf eröffnet einen Briefkasten nur für Liebesbriefe – bis heute füllen ihn Fremde aus aller Welt
Die kuriose und – meistens – wahre Geschichte des poetischen Abenteuers von Ángel Greses auf den Kanarischen Inseln: Seit seinem Tod führt seine Tochter das Erbe fort.
5 Leseminuten

Der siebte Graf von Velhoco war ein grossmütiger Herrscher. Er lud gern Leute zu sich ein, führte im Innenhof eine Bar, unterhielt die Besucher mit Geschichten von Gespenstern, Verbrechen und anderen Mysterien des Hauses. Er schaffte es nicht, die Kundschaft rauszuwerfen, kassierte manchmal auch nicht ein. Deshalb stellten seine Angehörigen den Familienbetrieb nach kurzer Zeit wieder ein. Der Conde de Velhoco aber blieb sich treu, er mochte einfach Gesellschaft, Exaltiertheit und Spektakel. Nur eines mochte er gar nicht: Rechnungen und Behördenbriefe.
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Eines Tages beschloss der Conde, der mit bürgerlichem Namen Ángel Greses hiess, dass mit diesen Belästigungen nun Schluss sein sollte, und pinselte über den Briefschlitz an seiner Hauswand auf der Kanarischen Insel La Palma: «Solo cartas de amor». Nur für Liebesbriefe. Und tatsächlich, die Leute nahmen ihn beim Wort. Nachbarn, Jugendliche der nahen Schule, Touristen – alle begannen sie, Liebesbriefe bei ihm einzuwerfen.
Vor drei Jahren starb der Conde. Zu seiner Beerdigung wurde die Hymne der Republik gespielt («Es lebe Velhoco, fruchtbares Land der Gleichheit») und ihre Fahne mit dem Freiheitsstern gehisst. Seine Minister und Freunde nahmen traurig Abschied von ihm. Nur die Liebesbriefe, die kamen weiterhin.
Die Geschichte klingt wie ein Märchen, und teilweise ist sie das auch. Denn Dynastie und Republik – Velhoco ist in Wahrheit ein knapp 500 Einwohner zählendes Stadtviertel von Santa Cruz de La Palma – hatte Ángel Greses frei erfunden. Die Hymne war selbst komponiert, die Fahne selbst designed und bei der örtlichen Näherei in Auftrag gegeben worden, und der Adelstitel selbst verliehen.
Die Bar in seinem Innenhof aber gab es. Und vor allem gab es den Briefkasten und die Briefe.
Die heimliche Sammlung des Vaters
Guadalupe Greses, seine erstgeborene Tochter, hat sie in den letzten Jahren gesammelt. Sie und ihr Partner sind aufgrund ihrer Arbeit viel unterwegs. Aber ihre Tante, die weiter auf der Insel wohnt, bewahrt die Briefe auf und gibt sie ihr dann weiter. Greses hat sie gescannt, editiert und als Buch veröffentlicht: «Solo cartas de amor».
Beim Zoom-Interview zeigt sie die dicke Mappe, die Briefe fallen zum Teil heraus. Es gibt solche mit Zeichnungen, einen auf einer Barserviette, manche in Umschlägen oder als Postkarten. Geschrieben sind sie auf Spanisch, aber auch auf Englisch, Deutsch, Französisch.
«Aus ihnen sprechen Sehnsucht, Traurigkeit oder einfach nur die Lust am Schreiben», sagt Guadalupe Greses. Da ist etwa der Brief von Víctor, der metaphorisch erzählt, wie ein Mädchen in die Luft aufsteigt und wie er sie verfolgt, auch wenn sie unerreichbar bleibt. Die Leute schrieben an reale und imaginäre Personen, und manchmal gehe es auch einfach nur darum, Gefühle rauszulassen. Dann sei der Briefkasten wie ein Psychologe. «Für jeden bedeutet er etwas anderes, dieser kreative Aspekt gefällt mir besonders. Der Briefkasten inspiriert die Leute, zu schreiben, und das lohnt sich immer.»
Wer einen Stift und ein Blatt Papier vor sich liegen hat, bringt sich in einen anderen mentalen Zustand als für das Schreiben einer SMS oder einer Whatsapp-Nachricht, glaubt Greses. «Letztlich ist es eine Handwerkskunst. Hoffentlich geht sie nie verloren.»
Zur Popularität des Liebesbriefkastens trug allerdings nichts so bei wie die sozialen Netzwerke. «Am Anfang kamen die Briefe vor allem durch Mundpropaganda», erzählt Greses. «Oder von neugierigen Touristen, die eine Nachricht einwarfen, weil sie es als eine Art feierlichen Akt am Ferienende verstanden.» Doch nach dem Tod des Vaters, als Guadalupe Greses seine Mappe fand und einige Briefe auf Instagram veröffentlichte, steigerte das den Schriftverkehr beträchtlich.
Ángel Greses antwortete nie auf die Briefe und kommentierte sie auch kaum innerhalb der Familie. Was sie ihm bedeuteten, verstand die Tochter erst, als sie in den Briefen viele Unterstreichungen und Hervorhebungen fand. «Ihm fiel es immer schwer, über tiefere Gefühle zu sprechen. Seine extravaganten Seiten waren wohl Versuche, das zu überdecken.» Die lustigsten Clowns haben bekanntlich traurige Seelen.
Ein Leben mit viel Phantasie
Der Vater arbeitete als Anwalt in Valencia, als seine Tochter und ihr Bruder geboren wurden. Schon damals begann er sich den zähen Berufsalltag durch seine Phantasiewelt zu verschönern, und nach seiner Rückkehr auf die Kanaren weitete er die Spielerei zur republikanischen Grafschaft aus. Einen befreundeten Notar aus Barcelona ernannte er zum Vizegrafen. Ángel erliess eigene Gesetze, wollte eigene Münzen prägen lassen. Es war einerseits alles «Quatsch», wie seine Tochter sagt. Aber andererseits eine metaphorische Rebellion gegen eine Gesellschaft, in der ihm Lachen und Liebe fehlten.
«Gelangweilt habe ich mich jedenfalls nie», sagt seine Tochter über ihre Kindheit. Natürlich habe es dabei auch Momente gegeben, in denen ihr Bruder und sie am liebsten im Boden versunken wären: «Dieses typische ‹Papa, nein, nein, nicht das . . .›. Wir waren beide sehr schüchtern und wuchsen mit so einer extrovertierten und manchmal schrulligen Figur auf.» Wenn er Hof gehalten habe, habe er sie oft in seine Aufführungen mit einzubeziehen versucht: «‹Komm her, Lupita, sing.› Aber ich sang nie, ich versteckte mich.»
Die Bar im Haus hiess «El Portugués Café», das Café des Portugiesen, denn von Madeira war sein Grossvater nach La Palma gekommen. Ángel Greses verstand es als Begegnungsstätte für die Bohème der Insel. Gleich gegenüber in der Strasse liegt das Theater der Stadt. Bei den Leuten kam das Café prächtig an, betriebswirtschaftlich war es ein «Desaster», wie Guadalupe Greses sagt. Die Tante, nebenher Krankenschwester, und sie selbst während der Sommerferien wurden als Angestellte verpflichtet. «Ich war 19 oder 20, aber von Gastronomie muss man schon etwas verstehen.» Das tat niemand, und bevor nicht der letzte Gast gegangen war, konnte niemand schlafen. Die Bar überlebte nur eine Saison.
Immer in Erinnerung aber bleibt Ángel Greses' poetische Sicht auf das Leben. Und Guadalupes Geschlechterrevolution mit ihrer Tante, als der Graf in der Erbfolge den jüngeren Bruder bevorzugen wollte. «Was für ein Macho! Ich wollte die achte Gräfin von Velhoco sein und regte mich furchtbar auf, das gab ständig Diskussionen.» Der Vater erkannte den Anspruch ihr gegenüber zu Lebzeiten nie an, aber nach dem Tod fand Guadalupe Greses in seinen Hinterlassenschaften einen Roman, den er zu schreiben begonnen hatte. «Im Vorwort widmete er ihn Guadalupe, der achten Gräfin von Velhoco. Das hat mich sehr gerührt.»
Auch die meisten Briefeschreiber machen das Spielchen mit und adressieren an den Conde de Velhoco; so wie es unter dem Schlitz stand. Seine Tochter berichtet, dass die Briefe etwa zu gleichen Teilen von Frauen und Männern, Knaben und Mädchen kommen. Wobei oft unklar bleibt, wer schreibt, wer wem seine Liebe gesteht und ob es um eine echte Geschichte geht. «Die Ästhetik des Schreibens», sagt Guadalupe Greses: «Wie in der Literatur gibt es oft ein Mysterium, du zweifelst beim Lesen der Briefe, ob es sich um Fiktion oder Realität handelt.»
So wie bei Víctor, der seinen Brief in dem Buch entdeckte und Guadalupe Greses daraufhin kontaktierte. Als sie sich persönlich trafen, rechnete sie damit, dass er ihr eine Lebensgeschichte von vergeblicher Suche und enttäuschter Liebe erzählen werde. Doch es war alles ganz anders, die Metapher mit dem Mädchen, das in die Luft aufstieg, war erfunden: «Er erzählte mir, dass er einfach gern schreibt und der Brief eine kreative Übung war.» Mittlerweile habe Víctor auch eine andere Schreiberin kennengelernt, und die beiden tauschten regelmässig Gedichte aus, sagt Guadalupe Greses. Über den Briefkasten in Velhoco.



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