Der bekannteste Lost Place der Schweiz soll wiederbelebt werden. Die Geschichte eines verwunschenen Ortes
Einst pilgerten Autofahrer landesweit für ihr «Poulet im Chörbli» zur Raststätte am Walensee. Seit 2003 steht sie leer. Nun will ein Liechtensteiner Investor den Kultort zu einem «Zentrum der Begegnung» machen.
4 Leseminuten

Die Raststätte Walensee ist seit 2003 geschlossen und verwittert zusehends. Aufnahme von 2021.
Auf halber Strecke zwischen Graubünden und dem Mittelland ragt der brutalistische Betonbau über die Autobahn. Im Hintergrund wächst die Steilwand des Kerenzerbergs empor, vorne öffnet sich der Blick auf den Walensee und die imposanten Seerenbachfälle. Noch in den neunziger Jahren trafen sich hier Reisende und Einheimische zu einem legendären «Poulet im Chörbli». Mittlerweile ist die Fassade des Gebäudes von Graffiti überzogen, Fenster sind eingeschlagen. Mehrfach sind Teile des Gebäudes auf die darunterliegende Autobahn gestürzt.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Eingeklemmt zwischen Felswand, Wasser und Strasse liegt der Ort, der erst mit seinem Zerfall zu Ruhm gekommen ist: Die ehemalige Raststätte am Walensee bei Mühlehorn gilt als einer der bekanntesten Lost Places der Schweiz. Seit ihrer Schliessung 2003 stand sie über zwei Jahrzehnte leer.
Seit einigen Monaten wird an der Ruine aber wieder gearbeitet. Im Frühling seien wieder Geräusche zu hören gewesen, schreibt die Zeitung «Südostschweiz». Glas werde entfernt, Material zusammengeräumt. Ziel ist es offenbar, weiteren Zerfall zu verhindern und Unbefugten den Zutritt zu erschweren, damit dereinst Neues entstehen kann. Denn die Autobahnraststätte soll wiederbelebt werden.

Vandalen haben den Ort immer wieder heimgesucht.

Das Interieur stammt aus den sechziger Jahren.
Ein junger Investor aus Liechtenstein
Architekt dieser Wiederbelebung ist ein 36-jähriger Investor aus Liechtenstein: Rudolf Hilti hat mit dem heutigen Eigentümer eine Vereinbarung zur Übernahme getroffen.
Hilti plant einen Ort für Begegnungen, Ausstellungen, Kultur und neue Ideen. Beim SRF spricht er von einem «Museum für die Zukunft», das Innovation, Wissenschaft, Unternehmertum und Kunst zusammenbringen soll. «Wir versuchen, die Raststätte wieder herzurichten. Es ist noch viel Aufwand.» Derzeit werden Dach und Fenster erneuert.
Rudolf Hilti ist Gründer und Chef der System Change Foundation sowie der privaten Investmentgesellschaft Rheinest. Er bezeichnet sich selbst als «globalen Bürger» und «Change Maker» und investiert nach eigenen Angaben ausschliesslich in Projekte, die integer und nachhaltig sind. In früheren Jahren war er in seiner Heimat als Alpin-Snowboarder aktiv. Mehr ist über ihn nicht bekannt.
Unweit der Raststätte hat Hilti aber bereits ein anderes Projekt umgesetzt: Er hat das ehemalige Hotel Gräpplang oberhalb von Flums übernommen und renoviert.
Ein kleines Brasilia am Walensee
Der Bau der Raststätte am Walensee war Sinnbild einer neuen Ära. Sie existiert schon länger als die darunterliegende Autobahn. An der neuen Uferstrasse empfing sie ab 1968 Gäste und entstand damit in der Hochphase des Schweizer Autobahnbaus, als das Versprechen der uneingeschränkten Mobilität lockte. Neu und modern sollte damals alles werden.
Die Architekten setzten den kompakten, dreigeschossigen Bau auf eine Asphaltfläche mit Parkplätzen. Im Geschoss über dem Restaurant, an einem mit Oberlichtern versehenen, ringförmigen Korridor, ruhten in den Gästezimmern die Touristen.
Wegen ihrer extravaganten Architektur mit Panoramaterrasse und geschwungenen Rampen erinnert der Bau an die brasilianische Hauptstadt Brasilia und wurde deshalb als «kleines Brasilia am Walensee» bezeichnet.

Wegen der futuristisch anmutenden Architektur wird das Restaurant auch als «kleines Brasilia am Walensee» bezeichnet.
Ausgerechnet die Errichtung der Autobahn besiegelte ihren Untergang. Als 1986 der Tunnel durch den Kerenzerberg gebaut wurde, verlor die Raststätte mit der neuen A 3 ihre Anbindung an die Strasse. Erreichbar war sie fortan nur noch über den Parkplatz am See – und sie konnte nur noch die ins Mittelland fahrenden Autofahrer bedienen.
Persönlicher Brief von Bundesrat Rösti
2003 wurde der Betrieb eingestellt. Die Einfahrt vom Parkplatz auf die A 3 sei zu kurz, hiess es beim Bundesamt für Strassen (Astra). Ausserdem sei es nicht zulässig, ein privates Grundstück direkt über die Autobahn zu erschliessen.
Zehn Jahre später, 2013, kaufte der österreichische Unternehmer Peter Moravcik die Liegenschaft für 800 000 Franken vom Kanton Glarus, «weil er sich in den Flecken verliebt hatte». Im «Blick» sagte er: «Mein Traum war es, wieder Gäste zu bewirten.»


Seit die Parkplätze 2017 aus Sicherheitsgründen gesperrt wurden, erreicht man die Raststätte nur noch zu Fuss oder mit dem Velo.
Doch Peter Moravciks Pläne scheiterten. 2014 lehnte die Gemeinde Glarus Nord sein Gesuch ab, aus dem Restaurant Lofts zu machen. Zwei Jahre später stellte ihm die Gemeinde das Wasser ab, weil die Leitungen verrostet waren und ein Gesundheitsrisiko bestand. Auch das ehemalige Gästezimmer der Liegenschaft durfte er nicht als Wohnung nutzen.
Der Konflikt gipfelte schliesslich 2017 in einem Beschluss des Astra: Das Bundesamt schloss aus Sicherheitsgründen nun auch den Parkplatz der Raststätte. Seither erreicht man die Raststätte nur noch zu Fuss oder per Velo.
Peter Moravcik, inzwischen schwer an Krebs erkrankt, wollte verkaufen, fand jedoch lange niemanden. 2020 sprang ein Interessent aus dem Toggenburg, Konrad Rüegg, wieder ab, weil er keine wirtschaftliche Perspektive sah.
Das Astra bot ihm 800 000 Franken – so viel, wie das Grundstück wert ist. Moravcik aber wollte 1,3 Millionen Franken, für entgangene Gewinne und entstandene Kosten, wie er sagt. «Ich will endlich Gerechtigkeit», zitierte ihn der «Blick».
Bundesrat Albert Rösti wandte sich daraufhin persönlich mit einem Brief an den Eigentümer und sprach von einem «guten Angebot». Dieser liess in den Medien ausrichten: Eine «faire Entschädigung» sei das nicht – und lehnte ab.
Erste öffentliche Veranstaltungen im Herbst
Was dereinst genau am Walensee entstehen soll, bleibt vage. Für den Herbst sind erste öffentliche Veranstaltungen geplant, unter anderem mit einer Musikorganisation und einem DJ. Langfristig ist ein Café für Velofahrer und Wanderer vorgesehen. Im Obergeschoss sollen Seminare, Ausstellungen oder Workshops stattfinden. Gäste sollen künftig auch per Shuttle-Boot zur Raststätte kommen. Konkretere Pläne fehlen noch, Bewilligungen sowieso.
Die Schiffsbetrieb Walensee AG jedenfalls lässt verlauten, dass sie von der Idee angetan sei. Der Geschäftsführer Daniel Grünenfelder sagt im SRF: «Der Spot hier wäre perfekt.»



Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.