Trotz einem Verbot in Österreich werden jedes Jahr rund 200 minderjährige Migrantinnen zwangsverheiratet – meist bei einer Reise in die Herkunftsländer. Eine betroffene Syrerin schildert ihr Martyrium, das sie fast das Leben gekostet hätte.
Meret Baumann, Florian Sulzer (Bilder), Wien
7 Leseminuten
Wenn Jasmin al-Sahir von ihrer Hochzeit erzählt, lächelt sie sanft. Sie trug ein ausladendes weisses Kleid, ihr Haar war kunstvoll frisiert und das Gesicht aufwendig geschminkt. Zum ersten Mal habe sie sich so schön gefühlt. «Wie eine Prinzessin», sagt die Syrerin. Nur für sie seien ihre ganze Familie und alle ihre Freundinnen zusammengekommen, es wurde viel gegessen und getanzt. «Es war ein tolles Fest.» Die Fotos davon hat sie heute noch, obwohl mit dem Tag ihr Martyrium begann. Denn Sahir war damals erst 14 Jahre alt. Ihren 21-jährigen Bräutigam hatte sie zuvor erst einmal gesehen.
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Gefragt, ob es das wolle, wurde das Mädchen nicht. Es wusste auch nicht, was die Hochzeit bedeutete. Nach der Feier habe sie mit ihrem Vater wieder nach Hause gehen wollen, erzählt Sahir. Als er ihr beschied, dass das nicht möglich sei, habe sie geweint. Zwei Wochen später sei sie selbst davongelaufen, aber er habe sie wieder zu ihrem Mann gebracht.
Sahir erlebt jahrelang Gewalt und Erniedrigung
Heute ist die Frau, die eigentlich anders heisst, 36 Jahre alt und lebt in Wien. In der Küche des Frauenzentrums des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) spricht sie über die Ehe, in die sie gezwungen wurde. Der in warmen Farben gehaltene Raum hat eine Kinderspielecke, und die Milchglasfenster verhindern Einblicke. Sahir trägt dennoch eine weite, dunkelblaue Abaya und darüber ein eng anliegendes Kopftuch aus demselben Stoff, das bis weit über die Schultern fällt. Die Handschuhe, die sie trotz der aktuellen Gluthitze in der Öffentlichkeit trägt, hat sie abgelegt. Die Sunnitin stammt aus Daraa, einer konservativen und von Stammesstrukturen geprägten Gegend im Südwesten Syriens.

Das Frauenzentrum des Österreichischen Integrationsfonds führte im vergangenen Jahr rund 5000 Beratungen durch.

Die Einrichtung ist ein Schutzraum für Frauen und mit Spielecken auch auf ihre Kinder ausgerichtet.
Bis zur Scheidung vor drei Jahren erlebte Sahir ständig Gewalt und Erniedrigung – zunächst bei der Familie ihres Mannes, wo sie wie eine Hausangestellte lebte. Dass sie nicht sofort schwanger wurde, war ein Problem. Ihr Vater brachte sie zu einem Gynäkologen in Damaskus, der indes kein medizinisches Problem feststellen konnte. Ihr Körper sei noch zu klein und unreif, stellte er fest.
Später bekam sie fünf Kinder – drei noch in Syrien, das vierte unmittelbar nach der Ankunft in Österreich. 2015 hatte die Familie die Flucht nach Europa gewagt. Sahir war hochschwanger, als sie mit über 50 weiteren Personen in einem kleinen Boot von der türkischen Küste nach Griechenland übersetzte.
An den Schlägen änderte sich für die junge Frau auch in Österreich nichts. Mehrmals musste sie ins Spital. Sie erfand die üblichen Ausreden von Stürzen über Treppen oder bei der Hausarbeit, die von häuslicher Gewalt Betroffene in solchen Situationen oft erzählen. Niemals wäre sie von sich aus zur Polizei gegangen, sagt Sahir. «Ich war hier allein und von meinem Mann abhängig.»
Das Schicksal der Syrerin ist kein Einzelfall. Zwangsverheiratung und Kinderehen sind ein globales Problem. Das Kinderhilfswerk Unicef schätzt die Zahl der betroffenen Frauen und Mädchen auf 650 Millionen. In Teilen von Syrien etwa ist die Verheiratung von Minderjährigen normal. Die Familien wollten so ihre Töchter «schützen», indem ein Mann finanziell für sie sorge und sie keinen Sex vor der Ehe hätten, erzählt Sahir.
Auch Migrantinnen in Österreich sind von Zwangsheirat betroffen. Sie ist hier zwar verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft. Dennoch werden jedes Jahr schätzungsweise 200 Mädchen verheiratet – oft bei einer Reise in die Herkunftsländer. Das Phänomen ist deshalb als «Sommerferien-Ehen» bekannt. Nun will die Regierung dagegen vorgehen und eine Gesetzeslücke schliessen: Laut einem aktuellen Reformvorschlag sollen auch im Ausland geschlossene Ehen in Österreich ungültig sein, wenn einer der beiden Partner jünger als 18 Jahre ist.
«Dort lernst du einen netten Mann kennen»
«Die Sommerferien sind die Zeit, in der das Risiko für Mädchen besonders hoch ist», sagte kürzlich Integrationsministerin Claudia Bauer. Ihr Ministerium erarbeitete deshalb eine Broschüre, die über Warnsignale informiert, Mädchen über ihre Rechte aufklärt und Beratungsstellen auflistet. Neben der Zwangsehe geht es auch um die weibliche Genitalverstümmelung. Laut einer Studie sind aufgrund ihrer Herkunft bis zu 3000 in Österreich lebende Mädchen von dieser brutalen und als schwere Körperverletzung geltenden Praxis bedroht.
Die Kinder sollten hellhörig werden, wenn sie keine genauen Informationen über die bevorstehende Reise erhielten, ihr Handy kontrolliert werde und plötzlich über Heirat gesprochen werde, heisst es in dem Merkblatt. «Dort lernst du einen netten Mann kennen» oder «In unserem Land macht man das so» seien Sätze, die im Vorfeld fielen.
Die Broschüre wurde laut Bauer an sogenannten Brennpunktschulen mit hohem Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund aufgelegt. Ein an einer solchen Schule in Wien unterrichtender Lehrer berichtete kürzlich in einem Interview mit der «Presse» von Achtklässlerinnen, die erklärten, sie müssten nichts mehr lernen. Sie würden bald heiraten. Bei einem Elterngespräch habe die Mutter einer 12-Jährigen gefragt, wie lange die Tochter noch zur Schule gehen müsse. Der Ehemann warte schon. Ganz viele Mädchen brächen einfach aus der Bildungslaufbahn weg, erzählte der Pädagoge.
Sonia Koul, die das Frauenzentrum des Integrationsfonds leitet, kennt solche Vorfälle ebenfalls. Ihr Team berät neben Frauen mit Migrationshintergrund auch Lehrpersonen und sensibilisiert sie unter anderem für die Themen Zwangsheirat und Genitalverstümmelung. Kouls erster Rat an Betroffene ist, sich eine Vertrauensperson zu suchen – etwa eine Freundin oder den Lehrer. Weil oft das Handy von Mädchen kontrolliert werde, solle man ein Codewort vereinbaren für den Fall akuter Gefahr. Wenn möglich habe man auch die wichtigsten Dokumente oder Kopien davon bei sich.

Sonia Koul ist die Leiterin des Frauenzentrums im Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF). Dass Flüchtlinge zu einem Orientierungskurs beim ÖIF verpflichtet würden, ermögliche es, auch mit Frauen in Kontakt zu treten, die sonst abgeschottet lebten, sagt sie.

Die Mitarbeiterinnen des Frauenzentrums führen Beratungen in 15 Sprachen durch.
Der ÖIF führt fünftägige «Werte- und Orientierungskurse» durch, die für Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene obligatorisch sind. Diese Verpflichtung war bei der Einführung umstritten. Koul nennt sie aber einen entscheidenden Vorteil. Gerade die vielen Frauen mit Betreuungspflichten für Kinder, die nicht arbeiteten und kaum Deutsch lernten, fielen praktisch aus dem System. Sie erreiche man nur so. Bei einer ungerechtfertigten Nichtteilnahme kann die Sozialhilfe gekürzt werden.
«Weil der Besuch beim ÖIF verpflichtend ist, wird er von Männern in der Regel akzeptiert. Dadurch können auch von Gewalt betroffene Frauen das Frauenzentrum aufsuchen, ohne sich erklären zu müssen», sagt Koul. Diese lebten oft abgeschottet und kennten ihre Rechte nicht. In den rund 5000 Beratungen, die das Frauenzentrum im vergangenen Jahr in 15 Sprachen durchführte, ging es in einem Drittel der Fälle um Gewalt und fehlende Selbstbestimmung. «Wir klären aber auch über Pflichten auf», betont Koul. Bei der Genitalverstümmelung sind es meist weibliche Verwandte, die Mädchen zur Beschneiderin bringen – oft in der Herkunftsregion, teilweise soll die Praxis aber auch in Österreich ausgeübt werden.
Hier betrifft die Verstümmelung vor allem Frauen aus Somalia. «Es drohen lange Haftstrafen bis zum Entzug des Kindes. Das wirkt bei den Frauen abschreckend», sagt Koul. Ab Herbst soll Gefährdeten ein «Schutzbrief» ausgehändigt werden, wie es in der Schweiz und in Deutschland schon üblich ist. Das einem amtlichen Ausweis nachempfundene Dokument informiert über die Strafbarkeit und soll Familien helfen, wenn sie in der Heimat von Verwandten unter Druck gesetzt werden.
Männer drohen damit, die Kinder nach Syrien zu bringen
An der Wand des Frauenzentrums hängen Schwarz-Weiss-Bilder berühmter Österreicherinnen, von Kaiserin Maria Theresia bis zur bekannten Fernsehmoderatorin Arabella Kiesbauer. «Heimat grosser Töchter» steht über der Galerie, ein Zitat aus der 2011 geschlechtergerecht angepassten Nationalhymne. Sahir hat selbst drei Töchter. Sie sollten einmal selbst entscheiden, wie sie lebten und wen sie liebten, beteuert sie.
Ihre Kinder gaben Sahir auch die Kraft, sich schliesslich aus ihrer Ehe zu befreien. Nachdem sie mit ihrem Mann erstmals über eine Trennung gesprochen hatte, drohte er damit, die Kinder nach Syrien zu bringen. Das sei eine gängige Strategie, wie Koul bestätigt. Männer tauschten dafür sogar Tipps in den sozialen Netzwerken aus. In Syrien basiert das Familienrecht auf der Scharia, und Väter erhalten bei einer Scheidung meist die Vormundschaft über die Kinder.

Im Frauenzentrum erzählen Bilder die Geschichte von Pionierinnen, in Österreich und weltweit.
Sahir versteckte daraufhin die Reisepässe: Sie hängte sie in einem Plastiksack aus dem Badezimmerfenster. Plötzlich habe sie keine Angst mehr gehabt und einfach funktioniert, erzählt die Frau. Es ist einer der wenigen Momente in dem langen Gespräch, in denen ihr die Stimme versagt. Weil er die Dokumente nicht fand, wurde ihr Mann so wütend, dass er Sahir mit dem Tod bedrohte – bereits zum zweiten Mal. Ihre älteste Tochter bekam die Szene mit und rief eine Bekannte an, die die Polizei verständigte.
Seit der Scheidung ist Sahir in ihrem konservativen Umfeld sozial geächtet. Um dennoch als «gute Muslimin» zu gelten, verhülle sie sich heute stärker als früher, erzählt sie. Trotzdem hat ihre Familie sie verstossen und den Kontakt abgebrochen. Ihr Vater starb schon vor einigen Jahren in Jordanien. Zu ihm habe sie immer ein enges Verhältnis gehabt, sagt Sahir. Dass er sie als Kind ihrem Peiniger auslieferte, nimmt sie ihm nicht übel. «Das war normal bei uns. Er musste das tun.»




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