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Zürich – News aus der Stadt & Region | NZZ Nachrichten · Aug 22, 2026

Die Stadt Zürich soll ein Babyfenster bekommen – FDP, SP und AL spannen zusammen für eine umstrittene Idee

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Francesca Prader · Neue Zürcher Zeitung

Die Stadt Zürich soll ein Babyfenster bekommen – FDP, SP und AL spannen zusammen für eine umstrittene Idee

Bei den linken Parteien haben Babyklappen einen schweren Stand. Dass sie sich in Zürich dafür einsetzen, liegt an zentralen Unterschieden zum bestehenden Angebot.

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Babyfenster bieten Frauen in Notsituationen die Möglichkeit, ihr Neugeborenes anonym an einem sicheren Ort abzugeben. Hier ein Symbolbild vom Babyfenster im Spital Lindenhof in Bern.

Babyfenster bieten Frauen in Notsituationen die Möglichkeit, ihr Neugeborenes anonym an einem sicheren Ort abzugeben. Hier ein Symbolbild vom Babyfenster im Spital Lindenhof in Bern.

Peter Schneider / Keystone

An einem nasskalten Oktobertag 1999 machte eine Spaziergängerin am Sihlsee eine schreckliche Entdeckung: Sie fand die Leiche eines Säuglings. Der Bub war offenbar entweder während der Geburt oder kurz danach gestorben, die Mutter unauffindbar.

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Der Fund des Neugeborenen am Sihlsee führte dazu, dass 2001 im Spital Einsiedeln das erste Babyfenster der Schweiz eingerichtet wurde. Es sollte Müttern in Notsituationen die Möglichkeit geben, ihr Baby anonym an einem sicheren Ort abzugeben.

Laut der Stiftung Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind (SHMK) wurden seither 32 Neugeborene in einem solchen Fenster deponiert – 14 von ihnen in Einsiedeln. Demgegenüber sei die Zahl ausgesetzter oder getöteter Babys markant zurückgegangen.

Inzwischen gibt es schweizweit acht sogenannte Babyklappen. Seit 2014 betreibt das Spital Zollikerberg eine. Bisher wurden dort zwei Neugeborene abgegeben. Zudem betreibt das Spital eine Helpline für Schwangere in sozialer Not.

Das Babyfenster in Zollikerberg ist das einzige im Kanton. In der Stadt Zürich verfügt kein Spital über ein solches Angebot. Dabei ereignete sich ausgerechnet im Jahr der Eröffnung des ersten Babyfensters in Einsiedeln mitten in der Stadt ein trauriger Fall.

Im November 2001 entdeckten Passanten einen Neugeborenen, der in einer Garageneinfahrt im Niederdorf lag. Wie sich später herausstellte, hatte die damals 27-jährige Mutter das Baby auf der Toilette der Kontakt- und Anlaufstelle für Drogenabhängige am Seilergraben zur Welt gebracht und danach aus dem Fenster geworfen. Der Säugling erlag seinen Verletzungen. Die Mutter wurde später zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, die zugunsten einer stationären Massnahme aufgehoben wurden.

Postulanten wollen Schwangeren in Notlagen helfen

Babyklappen sind politisch höchst umstritten. Vorstösse dafür kommen in der Regel aus konservativen Kreisen, die Abtreibungen ablehnen. Vor drei Jahren forderte ein EDU-Kantonsrat, dass in Zürich ein zweites Babyfenster eingerichtet wird. Der Regierungsrat erachtete das bestehende Angebot auch deshalb als ausreichend, weil im Spital Zollikerberg erst zweimal ein Baby abgegeben wurde.

Die meist aus dem linken Parteispektrum stammenden Kritiker von Babyklappen befürchten derweil, dass das Angebot Schwangere in Notlagen eher dazu verleiten könnte, allein zu gebären und damit das eigene Leben und dasjenige des Kindes zu riskieren.

Umso ungewöhnlicher ist das Trio aus dem Zürcher Stadtparlament, welches sich jetzt dafür stark macht, dass die Stadt ein Babyfenster einrichtet. In einem gemeinsamen Postulat fordern Jehuda Spielman (FDP), Vera Çelik (SP) und Tanja Maag (AL) den Stadtrat auf, zu prüfen, wie Schwangere in Notlagen unterstützt werden können und wie das Überleben von Neugeborenen gesichert werden kann.

Konkret schlagen die Postulanten vor, dass das Stadtspital Triemli besser über verschiedene Möglichkeiten und Hilfsangebote informiert. Zudem soll das Spital Triemli ein Babyfenster einrichten und jenes im Spital Zollikerberg ergänzen.

«Zürich ist gross, und das Triemli hat ein beachtliches Einzugsgebiet», sagt Jehuda Spielman. Es sei wichtig, dass Mütter, die sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befänden, eine Möglichkeit hätten, um diese Notlage zu überbrücken. «Ein Babyfenster kann nicht nur das Leben des Babys retten», sagt Spielman. «Die Mütter können zur Ruhe kommen und sich stabilisieren.»

Jehuda Spielman, FDP.

Jehuda Spielman, FDP.

PD

Wer sein Baby in ein Babyfenster legt, kann sich später bei der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) melden und das Kind wieder zu sich nehmen. Gemäss der Stiftung SHMK war das bei etwa der Hälfte der abgegebenen Säuglinge der Fall.

Spielman betont, dass das Stadtzürcher Babyfenster ein neutrales Nothilfeangebot sein solle, ohne «irgendeinen religiösen Hintergrund». Damit unterscheide sich das Angebot von den anderen – die Hälfte der bestehenden Babyfenster in der Schweiz entstand in Zusammenarbeit mit der SHMK, die 2001 vom Verein Mamma gegründet wurde. Der Verein lehnt Abtreibungen ab und gilt in linken Kreisen als «reaktionär». Auch deshalb herrscht dort eine gewisse Skepsis gegenüber Babyklappen.

SP betont das Recht auf Selbstbestimmung

Die SP-Gemeinderätin Vera Çelik teilt diese Skepsis nicht, solange Babyfenster nicht als Alternative zur Abtreibung verstanden werden. «Es geht nicht darum, Abtreibungen zu verhindern, sondern darum, das Leben eines bereits geborenen Babys zu schützen.»

Vera Çelik, SP.

Vera Çelik, SP.

PD

Die 21-Jährige sitzt seit wenigen Monaten im Stadtparlament. Für sie ist das Postulat mit Spielman und Maag bereits das zweite zu Schwangerschaft, Geburt und dem Umgang mit werdenden Müttern. Das kommt nicht von ungefähr, die ausgebildete Dentalassistentin arbeitet zurzeit im Rahmen eines Vorpraktikums auf einer Geburtenabteilung und will Hebamme werden.

Das Recht auf Selbstbestimmung stehe für sie an vorderster Stelle, sagt Çelik. «Frauen sollen abtreiben können, wenn sie das wollen. Sie sollen das Kind aber auch dann in einem sicheren Rahmen auf die Welt bringen können, wenn sie die Geburt für sich behalten und das Kind zur Adoption freigeben wollen.» Es sei Sache der Politik, für Notlagen passende Lösungen zu bieten. Die Babyklappe sei nur eine davon.

Eine weitere ist eine sogenannte «vertrauliche Geburt». Das heisst, dass der Name der Mutter zwar erfasst wird, aber bis zum 16. Geburtstag des Kindes unter Verschluss bleibt. Nur Personenstands- und Kindesschutzbehörden werden informiert. Für eine komplett anonyme Geburt gibt es in der Schweiz keine rechtliche Grundlage.

Doch der Begriff «vertrauliche Geburt» ist alles andere als geläufig.

Jehuda Spielman ist erst vor wenigen Monaten zum dritten Mal Vater geworden – sein Kind kam im Triemlispital zur Welt. Dort sei ihm aufgefallen, dass zwar allerlei Informationsbroschüren zu Schwangerschaft und Geburt auflagen. Doch keine davon habe auf die Möglichkeit, vertraulich zu gebären, hingewiesen. Das habe ihn stutzig gemacht, sagt der FDP-Gemeinderat. Im Austausch mit Çelik sei dann das Postulat entstanden. Sie sagt: «Wenn die Stadt über ein bestehendes Angebot nicht genügend informiert, ist das ein strukturelles Problem, das gelöst werden muss.»

Am Mittwoch hat der Gemeinderat das Postulat einstimmig an den Stadtrat überwiesen.

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Seit einem Jahr gibt es am Spital Zollikerberg eine Babyklappe. Nun hat dort erstmals eine Mutter ihr Kind abgegeben. Der Vater wusste davon nichts.

Babyklappen sollen verzweifelten Müttern helfen, ihr Neugeborenes anonym abzugeben. Ziel ist es, die Aussetzung von ungewollten Kindern zu verhindern. Kritiker halten jedoch dagegen, Kindern werde das Recht auf das Wissen über ihre Herkunft verweigert.

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