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Wissenschaft - News und Hintergründe zu Wissen & Forschung | NZZ · Aug 22, 2026

Wenn wie jetzt vor Oman Rohöl ins Meer gelangt, ist das immer eine ökologische Katastrophe. Was die Forschung aus vergangenen Unglücken gelernt hat

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Georg Rüschemeyer · Neue Zürcher Zeitung

Wenn wie jetzt vor Oman Rohöl ins Meer gelangt, ist das immer eine ökologische Katastrophe. Was die Forschung aus vergangenen Unglücken gelernt hat

Verklebte Seevögel, Fische bauchoben – die akuten Folgen einer Ölpest sind offensichtlich. Auf längere Sicht erweist sich das Leben aber als erstaunlich resilient.

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Pelikan im Golf von Mexiko, kurz nach dem Blowout der Ölplattform «Deepwater Horizon» im Jahr 2010. Verschmutzte Seevögel vergiften sich mit dem Öl oft erst bei verzweifelten Reinigungsversuchen.

Pelikan im Golf von Mexiko, kurz nach dem Blowout der Ölplattform «Deepwater Horizon» im Jahr 2010. Verschmutzte Seevögel vergiften sich mit dem Öl oft erst bei verzweifelten Reinigungsversuchen.

Win McNamee / Getty

Im Arabischen Meer vor der Küste Omans spielt sich seit Wochen ein bislang wenig beachtetes ökologisches Drama ab. Vor der Insel al-Kibliya liegt der leckgeschlagene Supertanker «Caroline Bezengi» auf Grund. Aus dem Schiff, das zur sogenannten Schattenflotte Russlands gezählt wird, fliessen riesige Mengen Rohöl ins Meer. Experten schätzen die Ladung auf mehr als 100 000 Tonnen. Wie viel davon bereits ausgelaufen ist, lässt sich kaum sagen. Der entstandene Ölteppich bedeckt inzwischen jedenfalls eine Fläche von vielen hundert Quadratkilometern, wie man auf Satellitenbildern gut erkennen kann. Mitte August erreichte er die omanische Küste.

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Die Ölpest entspinnt sich inmitten des Al Hallaniyyat Islands Nature Reserve, eines streng geschützten Meeresschutzgebiets. Die Inseln sind wichtige Brutgebiete für seltene Meeresschildkröten und Seevögel, im Wasser gibt es unter Tauchtouristen berühmte Korallenriffe und eine eigene Unterart des Buckelwals.

Noch ist es zu früh, um die möglichen Schäden am Ökosystem einschätzen zu können. Klar ist: Rohöl ist für alle Lebensräume des Meeres reines Gift, von der Tiefsee bis zum Strand. «Wie schlimm die ökologischen Folgen im Einzelfall ausfallen, hat viel mit den abiotischen Bedingungen der jeweiligen Unglücksstelle zu tun», sagt der Ozeanograf Marcus Dengler vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Dort beschäftigt sich der Physiker vor allem mit Meeresströmungen.

Entscheidend ist, was wo rauskommt

Zunächst ist da die Frage des Austrittsorts. Rohöl, das wie beim Blowout der Bohrplattform Deepwater Horizon am Meeresboden austritt, kann sich bereits in der Wassersäule stark verteilen. Bei Flachwasser-Havarien an der Küste schwimmt der grösste Teil schnell als Ölteppich an der Oberfläche. Dort wird er von der Brandung oft zu einer Suspension aus Öl und Wasser aufgeschlagen, wie man sie auch beim Schütteln einer Vinaigrette erhält. Forscher nennen das Ergebnis verniedlichend «Chocolate Mousse»: eine zähe, an der Meeresoberfläche treibende Masse mit dem vielfachen Volumen des darin enthaltenen Öls. Sie wird von den Meeresströmungen besonders weit transportiert und erschwert es, die Ausbreitung des Öls einzudämmen.

Ob moussiert oder nicht: «Das weitere Schicksal des Öls an der Oberfläche hängt von grossen Meeresströmungen und lokalen Windverhältnissen ab», sagt Dengler. Die können das Öl sowohl aufs offene Meer hinaustreiben wie bei der Havarie des Tankers «Castillo de Bellver» 1983  vor der Küste Südafrikas, die trotz mehr als 100 000 Tonnen freigesetzten Öls ökologisch vergleichsweise glimpflich verlief. Denn verteilt im weiten Ozean wird das Kohlenwasserstoffgemisch relativ schnell durch den Einfluss von Licht zerkleinert und schliesslich von Bakterien abgebaut.

Rohöl ist ein komplexes Gemisch

Wohin auch immer die Reise geht, unterwegs verdampfen leichte Anteile des Rohöls, während sich die verbleibenden langkettigen Bestandteile verklumpen. «Wenn diese Klumpen dichter als das Meerwasser werden, sinken sie in die Tiefe, der Ölteppich verliert weiter an Masse», so Dengler.

Dabei gelte nicht «Aus den Augen, aus dem Sinn», denn in der Tiefe zehre der mikrobielle Abbau stark an dem ohnehin oft knappen Sauerstoff und belaste dadurch die weniger augenfälligen Ökosysteme. «Beim aktuellen Fall im Arabischen Meer wird das besonders spannend, denn dort bestehen in der Tiefe wegen der fehlenden Anbindung an kalte, sauerstoffreiche Ozeangebiete von Natur aus grosse sauerstofffreie Zonen.»

Zum  Sauerstoffmangel trägt auch ein weiterer Effekt bei, mit dem der Ölteppich schon auf dem offenen Meer das darunter wimmelnde Leben stark beeinträchtigt: Er blockiert den Einfall von Sonnenlicht. Den Mikroalgen des Phytoplanktons fehlt dadurch die Lebensgrundlage, zusätzlich werden sie, weil oberflächennah lebend, auch von löslichen Ölbestandteilen vergiftet. Die Folge: Die Basis des gesamten Nahrungsnetzes bricht grossflächig zusammen.

Die Regel bei Ölkatastrophen: Es gibt keine Regel

Trotz allen Abbauprozessen enthält der Teppich in der Regel noch mehr als genug Öl, wenn er schliesslich doch auf eine Küste trifft. Wie schlimm es sich auf die dortigen Lebensgemeinschaften auswirkt und wie lange es dauert, bis sie diese Schäden überwinden, hängt von vielen Faktoren ab: Exponierte Felsküsten leiden weniger als artenreiche Flussmündungen, in polaren Meeren dauert der mikrobielle Abbau des Öls wegen der geringen Temperaturen deutlich länger als in den Tropen. «Jedes Unglück ist anders», fasst es Marcus Dengler zusammen.

Ein beispielhafter Blick auf fünf berüchtigte Ölkatastrophen der Vergangenheit veranschaulicht einige der Lehren, die die Wissenschaft bisher ziehen konnte:

Deepwater Horizon: Golf von Mexiko (2010)

Der Ölfilm am Strand von Grand Isle, Louisiana, am 22. Mai 2010. Die Katastrophe bedrohte auch die Existenz vieler Fischer.

Der Ölfilm am Strand von Grand Isle, Louisiana, am 22. Mai 2010. Die Katastrophe bedrohte auch die Existenz vieler Fischer.

John Moore / Getty

Am 20. April 2010 explodierte im Golf von Mexiko vor New Orleans die Bohrplattform Deepwater Horizon. Bis zur vorläufigen Abdichtung des Bohrlochs im Juli traten mindestens eine halbe Million Tonnen Rohöl aus. «Dieses Unglück unterschied sich in einigen wichtigen Merkmalen von typischen Tankerunglücken», sagt Ozeanograf Marcus Dengler. So trat das Öl in grosser Tiefe aus, zusammen mit riesigen Mengen Methangas. Es verteilte sich bereits in über 1000 Metern Wassertiefe auf grosse Flächen, ein erheblicher Teil sank zu Boden.

Doch was an die Oberfläche stieg, reichte, um mehr als 2000 Kilometer der amerikanischen Küstenlinie zu verseuchen, inklusive des Mississippi-Deltas und empfindlicher Salzwiesen. Eine Übersichtsarbeit kam sechs Jahre nach dem Unglück zu dem Schluss, dass sich viele Lebensgemeinschaften jedoch überraschend gut erholt hätten.

Noch nicht ausgestanden sind die Folgen allerdings für langlebigere Tiere an der Spitze der Nahrungspyramide, darunter grosse Fische, Delfine und Meeresschildkröten. Als besonders belastet mit schädlichen Kohlenwasserstoffen erwies sich in einer 2020 erschienenen Folgestudie der Ziegelbarsch: Die Fische graben ausgedehnte Wohnhöhlen ins Sediment und stossen dadurch regelmässig auf darin versunkenes Öl, dessen Rückstände ihre inneren Organe schädigen.

«Amoco Cadiz»: Bretagne (1978)

Der Bug der «Amoco Cadiz» kurz nach der Havarie 1978. Heute liegen sämtliche Teile des Schiffs unter Wasser und sind ein beliebtes Ziel für Taucher.

Der Bug der «Amoco Cadiz» kurz nach der Havarie 1978. Heute liegen sämtliche Teile des Schiffs unter Wasser und sind ein beliebtes Ziel für Taucher.

Imago

Auf 30 Metern Tiefe vor der Küste der Bretagne liegt heute das Wrack des Supertankers «Amoco Cadiz». Er lief am 16. März 1978 nach einem Ausfall des Ruders auf Felsen, zerbrach und löste mit seiner Ladung von gut 220 000 Tonnen Rohöl eine der gravierendsten Ölkatastrophen aus, noch dazu direkt vor einer europäischen Küste. Das Öl tötete auf 360 Kilometern Küste Seevögel und Meeresgetier, darunter Tausende Tonnen Austern. Die Erholung des betroffenen Gebiets folgte dem typischen Muster der ökologischen Sukzession: Zunächst besiedelten einige wenige, gegen die giftigen Kohlenwasserstoffe weitgehend unempfindliche Arten den frei gewordenen Platz auf Felsen und Sedimenten. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Arten hinzu, bis die Biodiversität Mitte der achtziger Jahre wieder weitgehend jener vor dem Unfall entsprach.

«Exxon Valdez»: Alaska (1989)

Nach der Havarie der «Exxon Valdez» reinigen Helfer den Strand mit heissem Wasserdampf – ein schwerer Fehler, wie sich herausstellen sollte.

Nach der Havarie der «Exxon Valdez» reinigen Helfer den Strand mit heissem Wasserdampf – ein schwerer Fehler, wie sich herausstellen sollte.

Jean-Louis Atlan / Sygma

Über kaum eine Ölpest gibt es so viele Untersuchungen zu den ökologischen Auswirkungen wie zur Havarie des Tankers «Exxon Valdez», der am 24. März 1989 vor der Küste Südalaskas auf ein Riff auflief. Rund 40 000 Tonnen ausgetretenes Rohöl überzogen rund 2000 Kilometer unberührter Küstenlinie mit einer braunen Schmiere.

Seevögel, aber auch Seeotter und andere Meeressäuger verendeten zu Tausenden. Manche Löcher im ökologischen Netzwerk schlossen sich bald von selbst, andere klafften über Jahrzehnte. So konnte sich der grossflächig abgestorbene Blasentang, der zuvor zahllosen Tieren als Lebensraum und Nahrung gedient hatte, nur sehr langsam wieder etablieren: Sein Platz auf den Felsen war in der Zwischenzeit von anderen Algen und Seepocken besetzt worden.

Dabei war der Blasentang vielerorts weniger ein Opfer des Öls als der Reinigungsmassnahmen. Nach der Havarie versuchte man, die Küste mithilfe von Dampfstrahlern vom Öl zu befreien. Das gelang zwar, nur befreite man die Felsen und Kiesstrände damit auch erfolgreich von allem Leben. Seither geht man bei Reinigungsaktionen deutlich zurückhaltender vor.

Ölpest im Zweiten Golfkrieg: Kuwait (1991)

Strand in Kuwait kurz nachdem irakische Kräfte die grösste Ölpest aller Zeiten verursacht haben. Im Hintergrund lodern brennende Ölquellen.

Strand in Kuwait kurz nachdem irakische Kräfte die grösste Ölpest aller Zeiten verursacht haben. Im Hintergrund lodern brennende Ölquellen.

Allan Tannenbaum / Archive Photos / Getty

Um die Landung der Koalitionstruppen zu behindern, leitete die irakische Armee im Zweiten Golfkrieg schätzungsweise über eine Million Tonnen Öl in den Persischen Golf – die grösste Ölpest aller Zeiten. Salzwiesen und Mangrovengürtel starben grossflächig ab – und mit ihnen ihre typischen Tiergesellschaften. Auf den ersten Blick erholten sich viele der betroffenen Ökosysteme schnell von den akuten Schäden. Aber auch hier steckt das Öl bis heute tief im Sediment. Zudem kommt der Persische Golf nicht zur Ruhe: Auch im Rahmen der jüngsten Kriegshandlungen gelangten grosse Mengen Rohöl in das tropische Meer.

Ölpest in der Bahia las Minas: Panama 1986

Eine wissenschaftliche Besonderheit ist die Ölpest durch gerade einmal 8000 Tonnen Öl, die am 27. April 1986 aus einem geborstenen Vorratstank in die Bahia las Minas auf der karibischen Seite Panamas flossen. Betroffen waren neben Korallenriffen empfindliche  Seegraswiesen und Mangrovenwälder, die auf rund 70 Hektaren abstarben. Das Besondere: Mitten in der betroffenen Region liegt das Galeta Marine Laboratory der Smithsonian Institution, von dem aus Biologen seit den sechziger Jahren das Leben im und am umliegenden Meer untersuchen.

Aus diesem Grund waren Forscher sofort vor Ort und konnten auf umfangreiche Datensätze über den Zustand des Ökosystems vor der Havarie zurückgreifen – eine einzigartige wissenschaftliche Gelegenheit, die zahlreiche Publikationen hervorbrachte. So zeigt eine erst kürzlich erschienene Studie im «Bulletin of Marine Science», dass die auf den 1986 betroffenen Flächen nachwachsenden Mangrovenbestände bis zu 20 Jahre lang schlechter gediehen als jene auf unbeeinträchtigten Flächen.

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