Vor zwanzig Jahren wurde Pluto zum Zwergplaneten degradiert. Was Besseres konnte ihm kaum passieren
Im August 2006 entschied die Internationale Astronomische Union, dass Pluto kein Planet mehr ist. Die öffentliche Empörung darüber hat sich bis heute nicht gelegt.
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Bei ihrem Vorbeiflug fotografierte die amerikanische Sonde «New Horizons» Pluto im Gegenlicht.
Nasa
Der britische Satiriker, der sich Count Binface nennt, weiss, womit er beim Publikum punkten kann. Als er kürzlich bei einer Wahl gegen den Rechtspopulisten Nigel Farage antrat, versprach er in einem Manifest allerhand Kauziges. Unter anderem will er ein Referendum anstrengen, damit Pluto seinen Status als Planet zurückerhält.
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Mit seinem Eintreten für Pluto befindet sich Count Binface in guter Gesellschaft. Auch der Nasa-Direktor Jared Isaacman bekannte kürzlich an einem Hearing, er gehöre zu den Befürwortern der Idee, Pluto wieder zu einem Planeten zu machen. Isaacman will sicherstellen, dass der amerikanische Astronom Clyde Tombaugh die gebührende Anerkennung für die Entdeckung Plutos zurückbekommt.
«Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten»
Am 24. August ist es zwanzig Jahre her, dass die Internationale Astronomische Union (IAU) Pluto den Status eines Planeten entzog. Aber das Thema bewegt die Gemüter immer noch, als wäre es gestern gewesen. Viele, die in der Schule den Merkspruch «Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten» gelernt haben, wollen nicht akzeptieren, dass es heute nur noch acht sind.
Dass es ausgerechnet dem kleinsten Planeten an den Kragen gegangen ist, empfinden viele als schreiende Ungerechtigkeit. In der Populärkultur wird der Underdog gefeiert, als wäre er der Star unseres Sonnensystems. Den Höhepunkt erreichte die Pluto-Euphorie im Jahr 2015. Damals flog die amerikanische Sonde «New Horizons» an Pluto vorbei und funkte das Bild einer herzförmigen Region zur Erde. Das Bild sprach die Gefühle vieler Astronomiebegeisterter an und schürte die Abneigung gegen die IAU. Wie konnte der weltweite Dachverband der Astronomen nur so herzlos sein, Pluto zu einem Zwergplaneten zu degradieren?

Das Herz Plutos ist eine aus Eis bestehende Region mit einem Durchmesser von 1600 Kilometern. Die linke Hälfte des Herzens weist keine Krater auf. Sie muss deshalb geologisch jung sein.
Nasa
Tatsächlich gab es für die Entscheidung triftige Gründe. Nach der Jahrtausendwende begannen Astronomen zu realisieren, dass Pluto nicht allein ist. Jenseits von Neptun gibt es noch andere ähnlich grosse Himmelskörper, die auf teilweise stark elliptischen Bahnen ihre Kreise um die Sonne ziehen. Sie wurden zuvor nur deshalb übersehen, weil sie so weit von der Sonne entfernt sind.
Ein besonders stattliches Exemplar wurde im Jahr 2005 vom amerikanischen Astronomen Mike Brown entdeckt. Der Himmelskörper namens Eris war fast so gross wie Pluto und hatte sogar eine grössere Masse. Die Entdeckung stellte Astronomen vor ein Dilemma. Wenn Pluto ein Planet ist, sollte man dann nicht auch Eris und andere transneptunische Objekte in den illustren Kreis der Planeten aufnehmen?

Mike Brown (links) und sein Assistent Konstantin Batygin besiegelten mit ihrer Entdeckung von Eris das Schicksal von Pluto. Brown bezeichnete sich später selbstironisch als Pluto-Killer.
Ein Sonnensystem mit 24 Planeten? Lieber nicht
Das war die Ausgangslage, als sich die IAU im August 2006 in Prag zu ihrer 26. Generalversammlung traf. Im Vorfeld der Tagung hatte eine Gruppe von Astronomen einen Vorschlag ausgearbeitet, wie der Begriff Planet definiert werden könnte. Ein Planet, so der Vorschlag, ist ein Himmelskörper, der um einen Stern kreist und genug Masse besitzt, um unter dem Einfluss seiner eigenen Gravitation eine nahezu runde Form anzunehmen.
Mit dieser Definition wäre die Zahl der Planeten von neun auf zwölf angestiegen. Neben Eris und dem Pluto-Mond Charon wäre auch der Asteroid Ceres, der im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter um die Sonne kreist, in den Rang eines Planeten aufgestiegen. Das wäre vielleicht zu verkraften gewesen. Es gab aber eine Liste mit zwölf weiteren Kandidaten, deren Form noch genauer untersucht werden musste.

Diese zwölf Himmelskörper wurden als Planeten in Betracht gezogen.
IAU
Es drohte eine inflationäre Zunahme der Planeten. Das wollten viele Astronomen nicht hinnehmen. Nach heftigen Diskussionen schlugen sie eine revidierte Definition vor. Neu war die Forderung, dass ein Planet die Umgebung seiner Umlaufbahn von anderen Objekten freigeräumt haben muss.
Pluto, Eris und andere runde Himmelskörper jenseits von Neptun erfüllen dieses Kriterium nicht. Sie besitzen nicht genug Masse, um kleinere Objekte in ihrer Nachbarschaft aufzunehmen oder aus dem Weg zu katapultieren. Für diese Himmelskörper sollte die Kategorie der Zwergplaneten geschaffen werden.
Die Abstimmung fand am 24. August statt, dem letzten Tag der zweiwöchigen Generalversammlung. Der revidierte Vorschlag wurde mit überwältigender Mehrheit angenommen. Von einem Tag auf den anderen war Pluto kein Planet mehr. Immerhin gestand man ihm eine Sonderrolle zu. Pluto wurde zum Prototyp der eishaltigen Zwergplaneten erklärt, die jenseits von Neptun um die Sonne kreisen.

Offiziell gibt es heute acht Planeten (blau) und fünf Zwergplaneten (rot), mit Pluto als Prototyp.
Universities of Wisconsin
Kritiker beschweren sich über eine unfaire Abstimmung
Erledigt war die Angelegenheit damit aber nicht. Im Gegenteil, die Diskussionen nahmen jetzt erst richtig Fahrt auf. Die Abstimmung sei nicht repräsentativ gewesen, hiess es. Von den mehr als 9000 Mitgliedern der Internationalen Astronomischen Union seien am letzten Tag weniger als fünf Prozent anwesend gewesen. Zudem sei das Kriterium, dass ein Planet die Umgebung seiner Umlaufbahn freigeräumt haben müsse, erst kurz vor der Abstimmung formuliert worden. Es habe deshalb die Zeit gefehlt, darüber zu diskutieren.
Es hagelte auch fachliche Kritik. Planetenforscher bemängelten, dass man bei der Planetendefinition die Geologie vernachlässigt habe. Was ein Planet sei, bestimmten fortan nicht mehr dessen Eigenschaften, sondern die Frage, wo er sich befinde. Das sei absurd. Auch die Erde hätte ihre Umlaufbahn nicht freigeräumt, wenn man sie an die Stelle Plutos setzen würde.

Alan Stern und seine Mitarbeiter feiern den erfolgreichen Vorbeiflug der «New Horizons»-Sonde an Pluto. Stern kämpft bis heute dafür, Pluto wieder zu einem Planeten zu machen.
Bill Ingalls / Nasa
Zu den vehementesten Kritikern der IAU gehörte der amerikanische Planetenforscher Alan Stern. Der leitende Wissenschafter der amerikanischen Pluto-Mission «New Horizons» empfand es als Affront, Pluto ausgerechnet zu einem Zeitpunkt zu degradieren, zu dem sich erstmals eine Sonde auf dem Weg zu ihm befand. Die Definition sei «schlampige Wissenschaft, die niemals eine Begutachtung durch Fachkollegen bestehen würde». Stern war auch Initiator einer Petition, in der namhafte Astronomen und Planetenforscher bekräftigten, sich nicht an die Definition der IAU halten zu wollen.
An diesen Vorsatz hält sich Stern bis heute. Die Ergebnisse der «New Horizons»-Mission haben ihn darin bestärkt. Sie zeigen, dass Pluto und sein etwa halb so grosser Mond Charon geologisch gesehen überraschend komplex sind. Während Charon derzeit geologisch inaktiv zu sein scheint, gibt es starke Hinweise, dass sich die Oberfläche von Pluto auf relativ kurzen Zeitskalen erneuert.
Geologisch ähnelt Pluto eher einem Eismond von Jupiter oder Saturn als einem Planeten. Das ficht Stern aber nicht an. Zwischen Monden und Planeten macht er nur graduelle Unterschiede. Für ihn ist alles ein Planet, was rund ist und keine Kernfusion betreibt. Das trifft auch auf unseren Erdmond zu, den Stern ebenfalls zu den Planeten zählt.
Würde man sich an diese Definition halten, gäbe es heute weit über hundert Planeten in unserem Sonnensystem. Stern sieht darin kein Problem. Die Zahl der Planeten künstlich klein zu halten, wie es die Internationale Astronomische Union mit ihrer Definition getan hat, ist für ihn ein Ausdruck von Bequemlichkeit.
Mehrheitsfähig ist diese Ansicht nicht. Deshalb wird Pluto auf absehbare Zeit bleiben, was er seit zwanzig Jahren ist: ein Zwergplanet, der seine grossen Geschwister an Popularität weit überragt.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»




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