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Wissenschaft - News und Hintergründe zu Wissen & Forschung | NZZ · Aug 23, 2026

Paare sprechen mehr als die fünf Sprachen der Liebe

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Auswärtige Autoren NZZaS · Neue Zürcher Zeitung

Paare sprechen mehr als die fünf Sprachen der Liebe

Der Bestseller «Die fünf Sprachen der Liebe» aus den 1990er Jahren prägt bis heute, was Menschen in Partnerschaften voneinander erwarten. Heute weiss man: Auf die Vielfalt kommt es an. Die Kolumne «Psychologie des Alltags».

Franca Cerutti

3 Leseminuten


Liebe kann auf unterschiedliche Weise ausgedrückt werden.

Liebe kann auf unterschiedliche Weise ausgedrückt werden.

Aitor Diago / Moment RF / Getty

Kaum ein Beziehungskonzept hat sich so tief in unseren Alltag eingenistet wie «Die fünf Sprachen der Liebe». Erdacht hat sie Gary Chapman, Baptistenpastor und Eheberater aus North Carolina. In seiner Gemeindearbeit hörte er über Jahre hinweg dieselbe Klage: «Ich spüre nicht, dass mein Partner mich liebt.»

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Psychologie des Alltags

In dieser Kolumne schreibt die Psychotherapeutin, Autorin und Podcasterin Franca Cerutti regelmässig über Alltägliches mit psychologischem Tiefgang.

Chapman sichtete seine Beratungsnotizen und meinte darin fünf Grundformen zu erkennen, in denen Menschen ihre Zuneigung ausdrücken und empfangen: anerkennende Worte, ungeteilte Zweisamkeit, Geschenke, Hilfsbereitschaft und körperliche Berührung. 1992 machte er daraus ein Buch, das sich über zwanzig Millionen Mal verkauft hat und bis heute die Paartherapie prägt.

Chapmans Theorie beruht auf drei Behauptungen. Erstens: Jeder Mensch hat eine primäre Liebessprache, einen bevorzugten «Kanal», über den Zuneigung ihn wirklich erreicht. Zweitens: Es gibt genau fünf davon. Und drittens, die Kernthese des Buches: Alle Mühe verpufft, wenn der Partner den «falschen» Kanal wählt – wer Berührung braucht, dem nützen die schönsten Komplimente nichts, denn Liebe kommt nur an, wenn sie in der «richtigen» Sprache gesprochen wird.

Die Psychologin Sharon Flicker von der California State University hat diese Annahmen an 499 Personen geprüft, die seit mindestens fünf Jahren in einer festen Partnerschaft leben. Und es zeigte sich: Keine der drei Annahmen von Chapman hielt der Untersuchung stand. Nur bei knapp der Hälfte der Befragten liess sich überhaupt eine dominante Liebessprache ausmachen.

Auch die Kernthese fiel durch: Wer sich in seiner bevorzugten Sprache geliebt fühlte, führte keine bessere Beziehung als jemand, dem Zuneigung auf anderen Wegen gezeigt wurde. Was zufriedene von unzufriedenen Paaren unterschied, war die Vielfalt: Menschen in glücklichen Beziehungen erlebten im Schnitt acht bis neun verschiedene liebevolle Verhaltensweisen ihres Partners als erfüllend, Menschen in unglücklichen nur zwei bis drei. Als besonders wichtig für ein glückliches Beziehungsleben erwiesen sich anerkennende Worte, Beistand in schweren Zeiten und die Bereitschaft, Fehler einzugestehen – zwei dieser Dimensionen kommen in Chapmans Katalog gar nicht vor.

Ist Chapmans Idee damit wertlos? In Partnerschaften auf Augenhöhe kann sie etwas Schönes in Gang bringen: ein Gespräch darüber, wie wir Zuneigung zeigen und was beim anderen tatsächlich ankommt. Die Gefahr liegt in der Umdeutung, die das Modell nahelegt. Denn wer seine vermeintliche Liebessprache kennt, kann sie einfordern: Berührung wird zur Bringschuld, weil der eine «nun mal so liebt», Kochen und Umsorgen werden zur Liebespflicht, weil der andere angeblich hilfsbereite Taten braucht, um sich gesehen zu fühlen.

Mit Chapmans Vokabular lässt sich herbeiargumentieren, was in Wahrheit stereotype Rollenerwartungen sein könnten – sie klingen nur besser, wenn man sie eine «Sprache der Liebe» nennt. Die neuen Befunde entziehen dieser Logik den Boden: Wo es die eine richtige Sprache nicht gibt, gibt es auch keinen Anspruch, in ihr bedient zu werden.

Franca Cerutti ist Psychotherapeutin, Autorin, Podcasterin. Ihr Sehnsuchtsort ist Finnland, ohne Kaffee ist sie nicht sie selbst.

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