Erklärt
Das kann doch nicht sein: Wasser in Glasflaschen enthält besonders viel Mikroplastik
Eine französische Studie hat genau das ergeben. Ein Mikroplastik-Forscher trinkt trotzdem aus Glasflaschen.
3 Leseminuten

Illustration Simon Tanner / NZZ
Leserfrage: Eine Studie aus Frankreich hat gezeigt, dass Getränke in Glasflaschen oft mehr Mikroplastik enthalten als Getränke in Plastikflaschen. Welche Verpackungsart würden Sie einem gesundheitsbewussten Verbraucher empfehlen?
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«Schauen Sie», sagt Christian Laforsch und hält eine Glasflasche mit Mineralwasser in die Kamera. Der Sprecher des Sonderforschungsbereichs Mikroplastik an der Universität Bayreuth schraubt die Flasche auf und sagt: «Ich kann Ihnen auch zeigen, dass ich daraus trinke.» Das klingt wie eine Mutprobe, seit eine französische Studie ergeben hat: Wasser aus Glasflaschen enthält sogar mehr Mikroplastik als Wasser in Plastikflaschen.
Wohl & Sein antwortet
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Die französischen Wissenschafter haben untersucht, wie viel Mikroplastik in verschiedenen Sorten Wasser, Cola, Limonade, Tee, Bier und Wein enthalten ist. Mithilfe eines Mikroskops haben die Forscher geschaut, welche Partikel in welchen Farben und Formen in den Getränken enthalten sind. Sie haben dabei Mikroplastikteilchen entdeckt, die in Form und Farbe der Lackierung auf den Metalldeckeln der Glasflaschen glichen. Das könnte daran liegen, dass sich beim Auf- und Zuschrauben Teile dieser Farbe vom Deckel lösen und in die Flasche fallen. Die Wissenschafter vermuten darüber hinaus, dass sich bereits in der Fabrik lose Reste der Farbe auf den Deckeln befanden, die beim Aufsetzen schnell in die Flüssigkeit gelangten.
Kritik an der Studie
Doch Christian Laforsch kritisiert die Untersuchungsmethode. «Bei solch einer rein optischen Zuordnung liegt man in bis zu 50 Prozent der Fälle daneben.» Die Studie habe zwar ihre Stärken, aber auch gravierende Schwächen – so wie laut Laforsch ein grosser Teil der Mikroplastik-Studien.
Als Christian Laforsch seine Glasflasche in die Kamera hält, ist kein Metalldeckel wie in der französischen Studie darauf zu sehen. Seine Glasflasche hat einen blauen Plastikdeckel. Er schraubt ihn ab, setzt ihn wieder auf und schraubt ihn zu. «Auch dabei gelangt Mikroplastik ins Getränk», sagt er. Wie viel das ist? Ungewiss. Selbst wenn er eine Glasflasche mit Metalldeckel hätte, würde er die Ergebnisse der französischen Studie nicht auf sein Getränk übertragen. Denn letztlich könne die Studie nur Aussagen über die dort untersuchten Marken und die ausgewählten Chargen treffen.
Aber Christian Laforsch ist klar, dass er auf jeden Fall geringe Mengen an Mikroplastik zu sich nimmt, sobald er sein Wasser trinkt. Die Anzahl der Partikel sei aber vermutlich geringer als die Menge durch die ständige Aufnahme von Mikroplastik über die Atemluft. Die winzigen Teilchen kämen nicht nur von den Deckeln, sondern gelangten im Laufe des gesamten Abfüllprozesses in die Flaschen. Denn an den Maschinen sind jede Menge Plastikteile verbaut. Auch im Wasser sei von Anfang an Mikroplastik enthalten. «Es gibt heute keinen Ort der Welt mehr, der frei von Mikroplastik ist», sagt Laforsch. Wichtig sei, dass ein Unternehmen die Hauptquellen für Mikroplastik identifiziere. So könne es den Anteil im Getränk reduzieren.
Die Studie hat auch ergeben, dass in Glasflaschen mit Tee, Limonade, Cola und Bier weitaus mehr Mikroplastik enthalten ist als in Wasserflaschen. Das liegt laut Laforsch daran, dass Wasser am wenigsten stark verarbeitet ist. Die anderen Getränke durchlaufen viel mehr Produktionsschritte, bei denen sich möglicherweise Mikroplastik ansammelt.
Wir scheiden viel Mikroplastik einfach aus
Wie schlimm es ist, mit dem Wasser auch Plastikteilchen zu verschlucken, ist ungewiss – und es kommt darauf an, was für Teilchen man schluckt. «Es gibt Tausende unterschiedliche Mikroplastikpartikel, die jeweils unterschiedliche Formen, Grössen und chemische Ausstattungen haben. Und je nach Eigenschaft der Partikel können Effekte auftreten oder eben nicht», stellt Laforsch klar. Manche schaden uns, andere flutschen durch den Verdauungstrakt wie ein Wassermelonenkern. «Ich trinke das Wasser mit der guten Gewissheit, dass ich vermutlich das meiste Mikroplastik wieder ausscheide», sagt der Forscher.
Und für welche Flaschenart soll man sich im Supermarkt nun entscheiden, wenn man möglichst wenig schädliches Mikroplastik abbekommen will? Aus der Plastikflasche, so Laforsch, können mit der Zeit chemische Verbindungen direkt in die Flüssigkeit gelangen. Diesen Nachteil hat Glas nicht. Aber weil es noch so viele Unklarheiten in der Forschung gibt, sagt er entschlossen: «Ich kann darauf keine klare Antwort geben.» Er selbst trinkt, wann immer es geht, aus Glasflaschen: «Vor allem, weil es mir besser schmeckt.»
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