RSS Amplifier

Wissenschaft - News und Hintergründe zu Wissen & Forschung | NZZ · Aug 19, 2026

Wie wir über unser Leben erzählen, prägt Gesundheit, beruflichen Erfolg und Glück in der Liebe

0
Sign in to vote or save

Manuel Stark · Neue Zürcher Zeitung

Wie wir über unser Leben erzählen, prägt Gesundheit, beruflichen Erfolg und Glück in der Liebe

Aus Erfahrung konstruierte Geschichten bestimmen, wie wir der Welt begegnen. Diese aktiv zu verändern, ermöglicht uns Selbstbestimmung in einer oft chaotischen Welt.

4 Leseminuten


Wir haben wenig Kontrolle darüber, welche Erfahrungen wir machen. Auf welche Weise Erinnerungen uns prägen, können wir beeinflussen.

Wir haben wenig Kontrolle darüber, welche Erfahrungen wir machen. Auf welche Weise Erinnerungen uns prägen, können wir beeinflussen.

Ute Grabowsky / Photothek / Imago

Es gibt einen Unterschied zwischen einem Ereignis und einer Erfahrung. Ein Ereignis ist der Impuls von aussen, die Macht des Zufalls, die uns trifft und auf die wir mal umarmend, mal abwehrend reagieren. Erfahrungen sind etwas anderes. Sie entstehen, wenn wir Geschehnisse bewusst wahrnehmen, sie in einen Kontext integrieren und fragen: Was haben all diese Ereignisse zu bedeuten? Was können wir aus ihnen lernen? Warum kam alles so, wie es gekommen ist?

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Blöd nur, dass das Leben vor allem eines ist: Chaos. Durch Bildung, ein gutes Elternhaus oder Ehrgeiz und Fleiss lässt sich ein gelingendes Leben wahrscheinlicher machen. Wer aber Erfolg hat und wer Niederlagen erfährt, bleibt letztlich auch Zufall; das Leben entzieht sich unserer Kontrolle.

Selbst nichts tun können, keinen Einfluss haben, das ist ein Kontrollverlust – nur wenig macht so viel Angst. Unser Hirn verweigert sich daher diesem Chaos. Wo immer eine akzeptable Erklärung fehlt, konstruiert es sich eine. Vor allem in schwierigen Momenten sucht es nach Sinn: Eine Beziehung scheitert, eine Arbeitsstelle wird gekündigt, eine Krankheit wühlt sich durch unseren Körper; falls wir im Ganzen wenigstens einen Sinn erkennen, schenkt uns das zumindest das Gefühl, dass dieses Tief für irgendetwas gut sein wird.

Welche Geschichten wir über die Wendepunkte unserer Biografie entwickeln, prägt unser Leben: Wer vom Meistern von Prüfungen erzählt, vom Überwinden von Hindernissen und vom Lernen und Weiterentwickeln, der lebt gesünder, hat beruflich mehr Erfolg und erfährt wahrscheinlicher Glück in der Liebe. Wer sich hingegen in seinen Erzählungen als Opfer präsentiert, schreibt auf zerstörerische Weise an seinem eigenen Schicksal.

Mithilfe von Geschichten entwickeln wir Identität

Muster und Zusammenhänge erkennen – auch dort, wo womöglich gar keine sind –, das tut jeder Mensch jeden Tag. Unser Gehirn nimmt eine Sammlung von Ereignissen und gliedert sie nach einem Ursache-Wirkung-Prinzip. Bekannt ist das vor allem aus der Religion: Wenn ein Schmetterling auf dem Grab eines geliebten Menschen landet (Aktion), deuten Gläubige das als Botschaft des Verstorbenen (Reaktion) und entwickeln daraus die Überzeugung (Folge), irgendwo und irgendwie sei dieser andere Mensch noch da draussen, nur eben in einer anderen Form. Indem wir zwischen verschiedenen Ereignissen Zusammenhänge herstellen und sie so zu Erfahrungen umdeuten, gestalten wir unsere Identität.

Beim Konstruieren von Erfahrungsgeschichten folgt das Gehirn zwei Leitfragen: Verspricht uns eine Wiederholung dieser Erfahrung einen Genuss? Oder können wir aus der Erfahrung lernen, um künftigen Schmerz zu verhindern?

Dieses Vorgehen kann produktiv sein. Wenn ich merke, dass es mir guttut, Sport in meinen Wochenplan zu integrieren, lebe ich gesünder. Wenn ich hingegen andere Menschen beleidige oder verletze und diese sich daraufhin entfernen, ist es gut, daraus zu lernen und das eigene Verhalten zu ändern. Leiten wir aus Ereignissen die richtigen Erfahrungsgeschichten ab, können Persönlichkeit und Charakter wachsen.

Interpretieren wir Ereignisse falsch, entstehen durch denselben Prozess falsche Überzeugungen: Eine Person investiert kaum Zeit in eine Prüfungsvorbereitung, sie blättert nur flüchtig über die Seiten und hat das Glück, dass sie genau die Zeilen überfliegt, die später abgefragt werden. Ihre Schlussfolgerung wird womöglich sein: «Ich habe kaum gelernt und hatte Erfolg. Lernen wird überbewertet!»

Jemand anderes wird von einem wichtigen Menschen verlassen und sucht nach einem Grund, warum. Manchmal gibt es da etwas, das sich ändern lässt, etwa ein sozial schwer verträgliches Verhalten. Oft genug aber gibt es das nicht. Ein Mensch verlässt einen anderen zuweilen deshalb, weil er gerade zu wenig Raum für fremde Bedürfnisse besitzt – daran können wir nichts ändern, egal, wie sehr wir uns bemühen. Wenn da aber nichts ist, was wir tun können, empfinden wir auch das als Kontrollverlust. Viele konstruieren daraufhin eine Ursache, die zwar falsch ist, aber plausibel scheint: «Ich bin es nicht wert, dass andere bleiben.»

So können wir unsere Narrative verändern

Was mit uns und der Welt geschieht, wie andere mit uns umgehen, all das können wir nur bedingt kontrollieren. Welche Erfahrungsgeschichten wir uns daraufhin aber erzählen, bestimmt, wie wir die Welt wahrnehmen und uns in ihr behaupten – und über unsere Geschichten haben wir sehr viel mehr Macht. Deshalb versucht moderne Psychotherapie zu helfen, dass Patienten ihre Narrative aktiv verändern.

Für den Erfolg einer Traumatherapie ist es entscheidend, ob jemand, der als Kind geschlagen wurde, sich weiterhin als Opfer seiner Eltern sieht – oder als Überlebender, der die Kraft hatte, sich zurück ins Leben zu kämpfen.

Auch das Ende einer Beziehung oder der Verlust eines Jobs lassen sich als Schlag begreifen, der uns zu Boden wirft – oder als Chance dafür, etwas Neues auszuprobieren. Angenehm wird die Situation durch einen reinen Perspektivwechsel nicht, aber mithilfe von dynamischen, offenen, schöpferischen Geschichten werden wir mehr Zuversicht spüren, dieselbe Situation mit mehr Energie und Optimismus anzugehen; langfristig haben wir so auch wieder Erfolg.

Wichtig ist, die eigenen Geschichten als Etappen zu begreifen, die zu einem Ende kommen und auf die etwas Neues folgt: Mir wurde gekündigt (Aktion), daraufhin ging es mir erst einmal schlecht (Reaktion), nun habe ich die Chance, etwas Neues, vielleicht sogar Besseres für mich zu finden (Folge). Ein gesundes Narrativ benötigt einen befriedigenden Abschluss – fehlt dieser, verliert sich das Gehirn in depressivem Grübeln.

Geschichten beeinflussen unsere Gesundheit

Das Erzählen von zugewandten Geschichten hilft unserem Geist genauso wie unserem Körper: Wer seine Erlebnisse in Form einer kongruenten Geschichte ordnet und diese anderen gegenüber offenbart, entlastet sein Nervensystem, senkt seine Herzfrequenz und verbessert seinen Blutdruck. Auch das Immunsystem arbeitet langfristig besser.

Andersherum sind destruktive Narrative schädlich: Probleme mit dem Blutdruck, Depressionen und ein geschwächtes Immunsystem sind mögliche Folgen. Psychosomatische Spitäler behandeln viele Patienten, bei denen sich keine klaren Ursachen für ihre körperlichen Beschwerden finden lassen. Die Ärzte und Therapeuten dort helfen ihren Klienten auch, indem sie mit ihnen an deren Lebensgeschichten arbeiten.

Sie wissen: Ob unsere Vergangenheit uns als Last erscheint oder als Erfahrungsschatz und wie wir daraufhin in die Zukunft schauen, hängt erheblich davon ab, welche Lebensgeschichte wir uns erzählen.

Passend zum Artikel

Menschen fühlen sich gut, wenn sie handeln. Diese Tendenz beeinflusst unser Verhalten bei Problemen – oft zum Schlechten. Wer lernt, Herausforderungen auch einmal mit Nichtstun zu begegnen, führt ein besseres Leben.

Lange dachten Wissenschafter, die Persönlichkeit bleibe im Erwachsenenalter, wie sie sei. Neue Forschung zeigt hingegen: Auch im Pensionsalter kann man mutiger und kontaktfreudiger werden. Wie das geht und wie viel Durchhaltevermögen man dafür braucht.

Alfred Nobel las zu Lebzeiten einen vernichtenden Nachruf auf sein Leben, der versehentlich publiziert worden war. In der Folge vermachte er sein Geld einer Stiftung, die seither den Nobelpreis verleiht. Die Kolumne «Psychologie des Alltags».

Read the original on nzz.ch

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.