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Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung · Aug 26, 2026

Nick Cave & The Bad Seeds in Bonn: Rockgewitter am Rhein

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Dennis Drögemüller · Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung

Wenn man an diesem Dienstagsabend sagen müsste, was anders ist bei Nick Cave als vor zwei, vier oder zehn Jahren, dann wohl das: Der Schmerz hat die Bühne wieder verlassen. Als 2015 Caves Sohn Arthur mit nur 15 Jahren ums Leben kam, begann für den Vater eine jahrelange künstlerische Trauerarbeit; mit betäubten Ambient-Songs, mit intimen Publikumsbegegnungen auf Caves Blog „The Red Hand Files“ und bei Gesprächsabenden, und mit Konzerten, bei denen sich der Australier manchmal regelrecht an den Händen seiner Fans festzuhalten schien. Das 18. Bad-Seeds-Studioalbum „Wild God“ markierte 2024 den finalen Befreiungsschlag: Auf der zugehörigen Tour wirkte Nick Cave in Oberhausen wie ein Versehrter, in dessen Leben das Licht zurückgekehrt war.

Heute nun scheint der tragische Verlust nicht einmal mehr im Hintergrund zu wabern: Meditationen aus der Schock-Phase wie „Rings Of Saturn“ intonieren Cave und seine Bad Seeds auf dem mit rund 10.000 Besuchern ausverkauften Gelände des Bonner Kunst!Rasen Open Air direkt am Rhein voller Milde. Durch „Joy“ huscht das Bild des verstorbenen Teenagers nicht mehr wie ein Geist, sondern als freundliches Nicken aus der Vergangenheit. Selbst das wundervolle „Bright Horses“ erklingt – trotz des herzzerreißenden Sirenengesangs von Caves Bandleader und Intimfreund Warren Ellis – nicht als brüchiges Stochern im Nebel, sondern viel gefasster. Dass Cave seit 2022 die Bad Seeds live um ein Gospel-Quartett verstärkt, wirkt jetzt überall so richtig durch: Erhebend, warm und glückselig klingt diese Band heuer in vielen Momenten.

Nick Cave & The Bad Seeds sprengen in Bonn beim Kunst!Rasen Open Air ihre Ketten

So viel Akzeptanz und Demut münden schnell in gepflegte Langeweile. Bei Cave sprengt die Heilung jedoch Ketten: „Get Ready For Love“ ruft er dem Publikum direkt zu Beginn entgegen und röhrt los. Der auf Krawall gebürstete Gospel-Rock des Songs gibt die Marschrichtung des Abends vor: So drückend und entfesselt haben die nie um eine Eskalation verlegenen Bad Seeds lange nicht geklungen. Bei infernalischen Ausbrüchen wie „From Her To Eternity“, „Tupelo“ oder „The Mercy Seat“ erwartet man solches Rockgewitter als Cave-Fan, zumal viele Arrangements die gleichen sind wie auf der Tour 2024. Aber auch andere Songs zeigen Zähne: Für „Jubilee Street“ steigert sich die Band in ein noch orgiastischeres Finale als sonst. „The Weeping Song“, eigentlich ein maßvolles Klagelied, wirkt angespannt, vibriert mit seinen klirrenden Metallophon-Akzenten wie kurz vor der Kneipenschlägerei – und Cave baut noch ein kompliziertes Mitklatschspiel ein, das angeblich an diesem vorletzten Tourstop nun erstmals gelungen ist, wie er schelmisch verkündet.

Überhaupt Nick Cave: Der Mann wird in ein paar Wochen 69 Jahre alt, aber glauben kann man das nicht recht. Die rabenschwarz gefärbten, zurückgekämmten Haare und sein Maßanzug lassen ihn noch immer wie einen Gentlemen-Poeten erscheinen, darunter schlägt jedoch weiterhin das Herz eines jugendlichen Punks und Agent Provocateur. Halb Maestro, halb Panther schreitet er immer wieder den Bühnenrand ab, packt Hände, peitscht die Menge zum Mitklatschen oder zu fiebrigen Call-and-Response-Gesängen. Für das ekstatische „Papa Won‘t Leave You, Henry“ klettert er gar ins Publikum, stellt sich auf die Schultern einiger Fans und formt mit diesen schließlich, zurück am Boden, einen manisch hüpfenden Pulk. Vor einigen Jahren hätte das nach Exorzismus ausgesehen, heute verströmt es einfach die pure Lust an der Rock-Show.

Intime Schönheit trifft auf Rock-Exzesse

Dazu passen die kleinen unbekümmerten Späße: „I love you“ ruft ein Fan dem Sänger fröhlich entgegen, „danke, dass du meine Vermutung bestätigst“, entgegnet dieser grinsend. Als ihm jemand ein Taschentuch hinstreckt, bedankt sich Cave damit, dass das „sehr mütterlich“ sei. Und als der 2024 zu den Bad Seeds gestoßene Colin Greenwood seinen Bass stimmen muss, unkt der im Post-Punk-Underground sozialisierte Cave, dass man das in seiner Band eigentlich nicht mache, das sei eher „so ein Radiohead-Ding“, in Anspielung auf Greenwoods intellektuell angehauchte Hauptband.

So entwickelt sich über zweieinhalb Stunden und 19 Stücke ein Konzert, das intime Schönheit zulässt, in dem die Rock-Exzesse aber die Oberhand behalten – und in dessen besten Momenten beides gleichzeitig erfahrbar wird. Etwa im gewaltigen „Hollywood“, das Cave zu Recht als „lange Reise“ ankündigt: Über gut zehn Minuten bauen er und die Bad Seeds ein hypnotisches, dringliches Klangpanorama auf, Cave erzählt von Verlust und Akzeptanz; als ein „Kind in die Sonne klettert“, entfährt ihm ein greller Schrei, rotes Licht blendet auf, die Band kocht kurz hoch, und schließlich kulminiert der Song in einem buddhistischen Gleichnis – eine audiovisuelle Wucht, die nur einen kleinen Schönheitsfehler hat: Caves Songtext wird in deutscher Übersetzung im Hintergrund eingeblendet, was eher irritiert als hilft.

Der vielsagendste Moment der Show aber kommt zum Schluss: Das Liebeslied „Into My Arms“ verwandelt gerade das Zuschauer-Meer in ein andächtiges Summen, als Cave bei der Textzeile „But I believe in love“ ankommt. Aus dem Publikum schallt spontane Zustimmung. Und Cave: nickt. Es tut gut, das zu sehen.

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