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Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung · Aug 23, 2026

Bravo feiert Geburtstag: 70 Jahre Sex, Stars und Rock ‘n‘ Roll

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Andreas Böhme · Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung

Bei vielen Eltern hat das Heft ungefähr den Beliebtheitsgrad von Fußpilz. Genau deshalb lieben es ihre Kinder. Am 26. August 1956 erscheint die erste Bravo, 50 Pfennig kostet sie vor 70 Jahren – und Deutschland ist noch ein anderes Land.

Die Röcke der Mädchen sind lang, die Haare der Jungen kurz. Fernsehen gibt es, wenn überhaupt, nur wenige Stunden am Tag. Im Radio läuft Musik für Erwachsene. Wenn nicht gerade ein Klassikkonzert über den Äther geht, singt Freddy „Heimweh“.

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Marilyn Monroe ist auf dem ersten Cover

Kein Popstar ziert deshalb das erste Titelbild, sondern eine lächelnde, aber angezogene Marilyn Monroe. „Die Zeitschrift für Film und Fernsehen“ will das Blatt sein. Doch das ändert sich schnell. Denn die Macher merken, wo im Nachkriegsdeutschland die Lücke liegt: bei Jugendlichen, die sich aus dem Mief der Adenauer-Ära befreien wollen. Die sich nach Rock ’n’ Roll sehnen, nach Rebellion, nach eigenen Vorbildern.

All das vereint Elvis Presley, über den die Bravo kurz vor Weihnachten 1956 erstmals berichtet. Die Auflage steigt sprunghaft. Fortan tauchen im Magazin immer wieder deutsche Rock ’n’ Roller wie Peter Kraus oder Ted Herold auf. Die Bravo erfindet sich neu. Anfangs allerdings nur halbherzig. Einerseits will sie zum Sprachrohr der jungen Generation werden, andererseits deren Eltern nicht vor den Kopf stoßen.

Ausstellung zu "Bravo" Jugendzeitschrift

So sah die erste Bravo-Ausgabe vom 26.8.1956 aus, mit Marilyn Monroe auf dem Titel. Sie kostete 50 Pfennige. © picture-alliance/ dpa/dpaweb | Repro-Jansen

Viele Stars hätte es ohne die Bravo nie gegeben, erzählt Alexander Gernandt, der ehemalige Chefredakteur des Magazins, heute gerne. Später mag das stimmen, in den Anfangsjahren aber wird andersherum ein Schuh daraus: Ohne die Rolling Stones und erst recht nicht ohne die Beatles wäre die Bravo vielleicht nie so erfolgreich geworden. Eines muss man ihr allerdings lassen. Sie erkennt Stars und Trends lange, bevor andere es tun. Und hat sie einen entdeckt, kümmert es die Redakteure nicht, was sie früher über ihn geschrieben haben.

So lästert Bravo 1964 in einem Artikel über die Mitglieder der Rolling Stones: „Sie stecken in erbarmungswürdig schäbigen Anzügen. Und sie sehen überhaupt höchst verhungert und verkommen aus.“ Als Umfragen dann zeigen, dass die Band auch in Deutschland immer mehr Fans gewinnt, präsentiert die Zeitschrift 1965 die deutsche Bravo-Blitztournee von Mick Jagger und seinen Kollegen. Ein Jahr später auch die der noch erfolgreicheren Beatles. Immerhin: Die Pilzköpfe tragen die Haare zwar lang, dazu aber Krawatte. Damals einzigartig: Neben den neuen Beat-Helden sind oft auch deutsche Stars wie Roy Black oder Uschi Glas ein Thema.

Plattenfirmen betteln um Homestorys

Diese Mischung bleibt über Jahrzehnte: In den 1970er-Jahren berichtet die Bravo über Sweet, Smokie, Boney M., ABBA, David Cassidy, die Bay City Rollers oder Suzi Quatro – und räumt zugleich Juliane Werding, Chris Roberts oder Jürgen Drews viel Platz ein. Selbst als in den 1980er-Jahren mit Michael Jackson und Madonna die Ära der absoluten Superstars beginnt, findet sich stets ein Plätzchen für Nena, Falco oder Herbert Grönemeyer. Vor allem aber für Modern Talking: Mitte des Jahrzehnts ist in fast jeder Ausgabe etwas über Dieter Bohlen und Thomas Anders zu lesen.

«Bravo-Starschnitt» - Vom Jugendzimmer ins Museum

Vom Jugendzimmer ins Museum: Historische Starschnitte aus der Bravo werden in einer Ausstellung in Rüsselsheim gezeigt. © picture alliance/dpa | Boris Roessler

Es sind die Jahre, in denen die Bravo im Zenit steht. Deutsche Plattenfirmen betteln förmlich um eine Homestory, wenn sie eine neue Band unter Vertrag haben. Denn eine Doppelseite im Jugendmagazin lässt die Schallplattenverkäufe sofort nach oben schnellen. Die Bravo ist eine Macht. Allerdings eine, die ihre Grenzen kennt. Schon weil sie weiß, dass es ein Geschäft auf Gegenseitigkeit ist und es auch jede Menge Stars gibt, die für die Zeitschrift wichtiger sind als die Zeitschrift für sie. Die ganz Großen in Film und Musik werden deshalb von Reportern und Fotografen der Bravo hofiert – im Gegenzug gibt es Geschichten und Bilder, die sonst niemand hat.

Hinzu kommt: Wie kaum eine andere Zeitschrift pflegt Bravo den Kontakt zu ihren Lesern und Leserinnen. Schon 1957 dürfen die Leser erstmals eine Trophäe an die beliebtesten Künstler und Künstlerinnen vergeben – eine Figur in Bronze, Silber und Gold, die der Verlag damals „Indianer“ nennt und auf den Namen „Otto“ tauft. Bald ist die Otto-Wahl das jährliche Stimmungsbarometer einer ganzen Generation. Später kommen die Wahlen zum Bravo-Boy und Bravo-Girl des Jahres hinzu. Bei Preisausschreiben gewinnen Leser Reisen zu den Stars, persönliches Gespräch garantiert.

Starschnitt und Dr. Sommer

Schon lange zuvor hat die Redaktion den Starschnitt erfunden: das Foto eines Stars in Lebensgröße, verteilt auf eingeheftete Poster in Fortsetzungen. Der erste Starschnitt erscheint 1959 und zeigt Brigitte Bardot. Wer sich 20 Jahre später die Village People an die Wand hängen will, muss dafür rund ein halbes Jahr lang die Bravo kaufen. So lange dauert es, bis alle Teile erschienen sind, dass zwischenzeitlich der Leadsänger der Gruppe gewechselt hat.

«Bravo»

Alexander Gernandt, langjähriger Bravo-Chefredakteur, hält Ausgaben mit Marilyn Monroe, Elvis Presley, Michael Jackson und Eminem auf dem Cover in den Händen.© Matthias Balk/dpa | Matthias Balk

Doch die stärkste Bindung schafft kein Poster, sondern ein Arzt aus Kaarst. Martin Goldstein, jungen Menschen seit 1969 besser bekannt als Dr. Sommer. Ihm vertrauen die Teenager, wenn es um Sex geht. Ein Thema, mit dem sich die Bravo lange schwertut: Noch 1966 nennen Goldsteins Vorgänger Selbstbefriedigung warnend „Selbstbefleckung“ und Homosexualität „abartig“.

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Unter Dr. Sommer ändert sich das. In seiner „Sprechstunde“ hebt er keinen Zeigefinger, er mahnt nicht, er wertet nicht. Er „lauscht“, er liest „zwischen den Zeilen“ – und dann berät er. Penis zu klein? Angst vor dem ersten Mal? Nichts ist tabu, kein Problem zu profan, manche Lösung provokant. Binnen kürzester Zeit gehen 5000 Briefe pro Monat ein. Die Rubrik wird zur beliebtesten im ganzen Heft – ja gut, wenn man ehrlich ist, auch deshalb, weil recht freizügige Fotos viele Erklärungen illustrieren.

Die Bravo erklärt, belehrt aber nicht

Vielleicht war das damals das Geheimnis des Erfolges. Die Bravo erklärt Musik, Mode und Gefühle, ohne von oben herab zu belehren. Sie schreibt nicht über, sondern für Teenager. Und sie blickt hinter Türen von Prominenten, die für andere geschlossen bleiben. Seriös geht es dabei nicht immer zu. Angelo Kelly hat das jüngst in der ARD-Doku „Bravo – Headlines, Hypes und Herzschmerz“ erzählt: Die Redaktion habe ein Interview mit ihm verfälscht, damit nicht der Eindruck entstehe, er habe eine Freundin. „Pop ist eine Illusion“, sagt Alex Gernandt in derselben Doku zu solchen Fällen. „Wir haben da – auch im Sinne der Fans – letztendlich geholfen, diese Illusion zu bewahren.“

Bravo Cover Titel

Unvermeidlich: Modern Talking.© Bauer Media Group/Bravo

Der Protest bleibt überschaubar, vor allem bei deutschen Stars. Mit der Bravo will es sich niemand verderben. „Wer dort nicht stattfand, war praktisch unsichtbar“, erinnert sich Jasmin Wagner alias „Blümchen“. Doch selbst sie ärgert sich lange über Schlagzeilen wie „Blümchens Knospen blühen“.

Die Konkurrenz des Musikfernsehens steckt die Bravo Mitte der 80er-Jahre noch weg. Der Fall der Mauer bringt ihr Hunderttausende neue Leser im Osten, die Boybands der 1990er-Jahre liefern Titelthemen im Wochentakt. Im neuen Jahrtausend aber kommt das Internet zum Alltag und verändert alles. Nun ist so gut wie nichts mehr exklusiv. Tausende Seiten im Netz berichten über Stars und Sternchen, umfangreicher und viel schneller, als eine Zeitschrift es kann. Und immer öfter melden sich die Stars über ihre eigenen Kanäle selbst zu Wort.

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Die Auflage bricht ein. Bis zu 1,8 Millionen Hefte verkauft die Bravo einst pro Woche, heute sind es 43.000 im Monat. Inzwischen erscheint das Heft auch nur noch monatlich. Die Macht der Redaktion löst sich auf in den Algorithmen, die es Instagram und TikTok ermöglichen, jedem Jugendlichen passgenau das auszuspielen, was ihn interessiert. Da hilft es auch nicht mehr, dass die Bravo in der aktuellen August-Ausgabe warnend fragt: „Bist du Social-Media-süchtig?“

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