Als ich die ersten Klienten für meine Schreibbegleitung auf LinkedIn gesucht habe, habe ich viele Nachrichten bekommen, in denen sinngemäß stand: „Ich will authentisch sein und meine Stimme finden.”
Aber eigentlich stand dort: „Ich will authentisch sein, aber bitte ohne Risiko.”
Mhm.
In der Finanzanlage ist uns völlig klar: Ohne Risiko gibt’s auch keine großen Gewinne. Da dümpeln wir mit unserem Tagesgeldkonto bei 2 Prozent rum.
Doch beim Schreiben wollen wir die 30 Prozent Rendite – aber bitte mit der Sicherheit eines Tagesgeldkontos.
Warum ist das so?
Ich glaube, weil es bei der Finanzanlage nicht um uns geht. Wenn eine Aktie ihren Wert verliert, dann ist das eine Marktschwankung. Wir verlieren zwar Geld und das ist ärgerlich, aber es hat nicht so viel mit uns als Person zu tun.
Aber wenn ich einen Text veröffentliche, den andere kritisieren? Dann bin ich blöd. Dann bin ich nicht gut genug. Dann bin ich falsch.
Und das macht Angst.
In der Finanzanlage geht es ums Geld.
Beim Schreiben geht es um unser Selbstbild, um Eitelkeit, Angst, Zugehörigkeit, Scham, Sichtbarkeit, Zweifel.
Kurz gesagt: um Identität.
Und deshalb tun wir alles, um uns irgendwie abzusichern:
Wir nutzen ChatGPT – dann ist der Text ja nicht wirklich von uns, also sind wir auch nicht falsch, wenn er nicht gut ankommt.
Wir schreiben generisch und nach Templates – dann kann uns niemand angreifen.
Wir verstecken uns hinter verschachtelten Sätzen und abstrakten Formulierungen, denn wenn’s keiner versteht, kann’s auch keiner kritisieren.
Wir schreiben ständig „Ich glaube”, „vielleicht”, „möglicherweise” – damit wir uns später rausreden können.
Wir schreiben ellenlange Disclaimers („Das ist nur meine Meinung!”, „Ich bin keine Expertin, aber...”) – um uns vorsorglich zu entschuldigen.
Wir zitieren eine Studie nach der anderen – damit jeder sieht, dass wir Ahnung haben.
Wir packen alle erdenklichen Perspektiven in 300 Wörter – damit niemand denkt, wir hätten was übersehen.
Das sind alles Strategien, um uns zu schützen.
Aber das Problem ist: Man kann nicht seine eigene Stimme finden und sich gleichzeitig schützen.
Viele denken, „die eigene Stimme finden” bedeutet:
Einen bestimmten Schreibstil entwickeln
Die richtigen Wörter lernen
Authentischer wirken
Etwas persönlicher schreiben
Und vielleicht mal vom Hund erzählen
Aber das ist es nicht.
Die eigene Stimme zu finden, bedeutet nicht, etwas hinzuzufügen.
Es bedeutet, etwas wegzunehmen.
Es bedeutet, all die Schichten abzutragen, die wir uns zum Schutz zugelegt haben:
Die professionelle Fassade
Die Angst, dumm zu wirken
Die Sorge, was andere denken
Das Bedürfnis, jedem zu gefallen
Und das ist schmerzhaft, weil du dich damit auseinandersetzen musst, warum du dich überhaupt so lange versteckt hast. Warum du Angst hast, dumm zu wirken. Warum dir wichtig ist, was andere denken. Warum du jedem gefallen willst.
Das ist nicht einfach nur „eine Stimme entwickeln”. Das ist innere Arbeit.
Aber nur so kommst du irgendwann von der Frage: „Wie soll ich das sagen?” zu der eigentlichen Frage: „Was denke ich wirklich?”
Und dann schreibst du einfach.
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