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no destination · Aug 2, 2026

Unfuck Germany: Eigentlich wollten wir nach Berlin tanzen

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kathikaze · no destination

Ausnahmsweise mal was anderes als sonst: Im Rahmen meiner Recherche für eine geplante Reportage habe ich im Juli ein Interview mit den Initiatoren von Unfuck Germany geführt - und mich entschieden es für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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Was können wir tun, wenn wir einen Monat Zeit haben, um etwas zu verändern? Vielleicht einfach erstmal losgehen und unterwegs schauen, was daraus entsteht. Zwei Freunde aus Trier haben keinen Bock mehr auf eine Politik, die nur an den Stellen spart, wo es sowieso schon zu wenig gibt, während gleichzeitig 1% der Deutschen ein Drittel des Gesamtvermögens besitzt. Mit einer Wanderung von Trier nach Berlin wollen Simon und Olli von Unfuck Germany deshalb auf das Thema Überreichtum aufmerksam machen - und unter dem Motto „Es ist möglich“ viele Menschen zum Mitmachen bewegen. Im Interview erzählen sie, warum sich diese Bewegung nicht gegen jemanden richtet, weshalb extreme Vermögenskonzentration die Demokratie gefährdet – und warum sie überzeugt sind, dass politische Veränderungen trotzdem möglich sind.

Simon (l) und Olli (m) laufen für Demokratie und faire Vermögensverteilung von Trier nach Berlin und laden zum Mitwandern ein (Foto: Unfuck Germany)

Ihr wollt unter dem Motto „Es ist möglich“ von Trier nach Berlin wandern und daraus eine Mitmachbewegung machen. Wie ist die Idee entstanden?

Simon: Das hatte einen sehr persönlichen Ausgangspunkt. Olli und ich wohnen zusammen und reden oft über Politik. Wir haben darüber gesprochen, wie viele Entwicklungen gerade falsch laufen und dass wir das nicht einfach alles hinnehmen wollen. Ich habe gefragt: Was können wir tun? – und Olli antwortete: Das kommt darauf an, wie viel Zeit du hast. Und dann war schnell klar, es wird erstmal ein Monat. Das war ein realistischer Zeitraum, um etwas Konkretes auf die Beine zu stellen. Dann haben wir viele Ideen entwickelt, einiges wieder verworfen – und sind schließlich beim Thema Überreichtum gelandet.

Olli: Danach kam die Überlegung: Mit welcher Aktion können wir am besten auf dieses Thema aufmerksam machen? Wir wollten etwas Aufregendes machen, etwas das Menschen verfolgen können, das motiviert mitzumachen und gleichzeitig eine gesellschaftliche Debatte anstößt.

Also sollte es nicht nur eine politische Aktion sein, sondern auch etwas, das Spaß macht?

Olli: Genau. Unsere erste Idee war eigentlich, nach Berlin zu tanzen. Aber dafür hätte der Monat nicht gereicht… :)

War das auch der Punkt, an dem „Unfuck Germany“ entstanden ist?

Simon: Das ist erst im Prozess danach entstanden. Für uns ist wichtig, zwischen der konkreten Aktion und dem größeren Gedanken dahinter zu unterscheiden. „Unfuck Germany“ beschreibt eher unsere Überzeugung, dass wir an vielen Stellen gesellschaftlich etwas verändern müssen. Unfuck Germany auf allen Eben. Aber das ist viel zu groß; man kann nicht alle Probleme gleichzeitig lösen. Es ist wie bei einem großen Wollknäuel: Wir müssen mit einem Faden, den wir gut greifen können, anfangen um es zu entwirren. Für uns ist Überreichtum dieser erste Faden, weil es ein Thema ist, bei dem in Theorie die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung dahinterstehen müsste. Laut einer aktuellen Studie halten 81% der Bevölkerung den Wohlstand in Deutschland für ungerecht verteilt1.

“Unsere erste Idee war eigentlich, nach Berlin zu tanzen… Aber dafür hätte der Monat nicht gereicht.”

Wer steckt hinter Unfuck Germany?

Olli: Im Kern wir beide, aber auch unsere Mitbewohnerin und Freund*innen von uns. Insgesamt sind es bisher ungefähr zehn bis fünfzehn Menschen.

Simon: Aber wir sind sehr offen dafür, dass es wächst. Wir wollen nichts dominieren, sondern uns geht es darum, eine Initialzündung zu geben. Das ist eine Organisation, die daraus jetzt entstehen kann.

Was zeichnet euch als Initiatoren dieser Organisation aus?

Simon: Wahrscheinlich vor allem, dass wir ganz normale Bürger sind. Wir leben in Trier, studieren beziehungsweise arbeiten und kommen nicht aus irgendeiner krassen gesellschaftspolitischen Bubble. Wir sind einfach Menschen, die wie viele andere Menschen auch, wollen, dass wir gerechtere Verhältnisse bekommen. Insofern zeichnet uns vielleicht aus, dass wir eben nicht besonders ausgezeichnet sind.

Olli: Es geht nicht um persönlichen Neid auf das Vermögen anderer. Ich bin Student und hatte nie viel Geld. Aber das ist mir auch völlig wurscht. Es geht mir darum, dass extreme Ungleichheit die Demokratie angreift, das ist die Kernmotivation.

“Wir sind einfach Menschen, die wie viele andere Menschen auch, wollen, dass wir gerechtere Verhältnisse bekommen. Insofern zeichnet uns vielleicht aus, dass wir eben nicht besonders ausgezeichnet sind.”

Was ist euer konkretes Ziel mit der Aktion?

Simon: In erster Linie wollen wir sichtbar machen, dass wir eine große Mehrheit sind, die ähnliche Vorstellungen haben und dass wir auch die Möglichkeit besitzen, gemeinsam etwas durchzusetzen. Unser konkretes Ziel ist, dass das Thema Überreichtum auf die politische Agenda kommt und bei Entscheidungen über Steuerpolitik nicht mehr ausgeblendet wird. Natürlich würden wir uns wünschen, dass daraus auch konkrete Veränderungen entstehen, die Ungleichheit reduzieren. Davon würde die gesamte Gesellschaft profitieren: es gäbe mehr Geld an Stellen, wo es gebraucht wird, mehr Zusammenhalt im Land und mehr Vertrauen in die Demokratie. Es geht uns nicht darum, irgendjemandem etwas wegzunehmen. Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, die für eine funktionierende Gesellschaft nötig sind.

Habt ihr in dem Zusammenhang konkrete politische Forderungen?

Olli: Dazu gehört für uns eine Wiedereinführung der Vermögensteuer und eine Reform der Erbschaftsteuer - die muss erhöht werden. Ebenso wie die Erbschaftssteuer auf Betriebsvermögen.

Simon: Außerdem müssen sogenannte Steuerschlupflöcher, aber eigentlich sind es ja offene Tore, geschlossen werden. Dem Staat gehen dadurch wahnsinnige Summen an Geld verloren. Viele Organisationen beschäftigen sich ja auch schon lange mit Steuergerechtigkeit: Vergnügt, TaxMeNow, Finanzwende, Oxfam oder andere Initiativen. Wir sehen uns da einfach als Personen, die das mit unterstützen.

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Könnt ihr nochmal etwas konkreter erläutern, warum ihr euch ausgerechnet für das Thema Überreichtum entschieden habt?

Olli: Das war sehr schnell klar. Weil es sehr aktuell ist und an vielen Stellen Geld fehlt: bei der Infrastruktur, in der Bildung, bei Pflege, Gesundheit und Rente. Gleichzeitig gibt es Menschen mit extrem großen Vermögen. Hinzu kommt, dass finanzielle Macht auch Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs ermöglicht - etwa durch den Einfluss auf Medien. Nicht alle Stimmen haben dadurch das gleiche Gewicht.

Simon: Genau. Überreichtum ist ein Thema, was ganz viele Folgeprobleme nach sich zieht und Demokratiedefizite wachsen lässt. Dass einige Menschen unfassbar viel Geld haben, wäre kein Problem, wenn das nicht automatisch bedeuten würde, dass ganz viele Menschen zu wenig Geld haben. Die Geschichtsforschung zeigt auch, dass viele Gesellschaften an zu großer Ungleichheit zerbrochen sind. Gleichzeitig ist es ein Thema, bei dem viele Menschen schon intuitiv sagen: Da stimmt etwas nicht. Also greifen wir diesen Faden als erstes auf.

“Dass einige Menschen unfassbar viel Geld haben, wäre kein Problem, wenn das nicht automatisch bedeuten würde, dass ganz viele Menschen zu wenig Geld haben.”

Ab wann wird Reichtum aus eurer Sicht problematisch für die Gesellschaft und die Demokratie?

Olli: Wir sagen ungefähr ab 100 Millionen Euro Vermögen fängt es an. Wenn einige wenige Menschen genauso viel besitzen wie ein großer Teil der Bevölkerung zusammen, ist das eine Ungleichheit, die nicht akzeptabel ist.

Simon: Wir stellen uns vor, dass uns unterwegs jemand fragt: „Wollt ihr mir mein Eigenheim wegnehmen?“, dann können wir zurückfragen: „Hast Du mehr als 100 Millionen auf dem Konto?“ Wenn die Antwort erwartungsgemäß nein ist, sagen wir: „Dann laufen wir auch für Dich.“

Es geht nicht darum, normale Menschen oder gar Millionär*innen zu besteuern. Es geht um groteske Formen des Reichtums, die eine solche Machtkonzentration bedeuten, dass sie demokratisch problematisch werden.

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Wen wollt ihr mit eurer Aktion erreichen?

Olli: Vor allem Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Wir glauben, dass viele ähnlich denken, aber ihre Meinung nicht unbedingt nach außen tragen. Nicht, weil es ihnen egal ist, sondern weil sie mit ihrem Alltag und ihren Verpflichtungen beschäftigt sind. Diese Menschen wollen wir erreichen und motivieren, selbst aktiv zu werden und mitzuhelfen unsere Demokratie zu retten.

Simon: Menschen, die mittlerweile glauben: „Ich habe schon so viel gesehen und egal was ich wähle, es ändert sich nichts.“ Wir wollen diese Menschen an ihrer Selbstwirksamkeit packen, ihnen zeigen, dass sie etwas bewirken können. Das betrifft sehr viele, weil die Frage nach Vermögensverteilung nicht nur eine kleine Gruppe betrifft. Sie hat Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft.

Ihr nennt eure Aktion eine „Mitmachrevolution“. Gibt es dabei politische Grenzen?

Simon: Grundsätzlich kann erstmal jede*r mitmachen. Also, wir laufen ja ohnehin – die Frage ist dann eher, wer mit uns laufen möchte :) … Aber natürlich gibt es Grenzen: Gewalt, Menschenfeindlichkeit oder das Verlassen der Gesetzmäßigkeit tolerieren wir nicht.

Olli: Mit Mitmachrevolution meinen wir auch keinen Umsturz der politischen Ordnung, sondern eine Revolution, die zum Mitmachen aufruft. Das Revolutionäre ist also das Mitmachen. Es geht darum, dass Menschen sich einbringen und gemeinsam demokratisch etwas verändern. Das ist erstmal unabhängig von links, rechts, grün, schwarz oder gelb.

Simon: Wir bauen sogar darauf, dass eine gerechtere Gesellschaft im grundlegenden Interesse aller demokratischen Kräfte sein sollte.

Und gegen wen richtet sich die Bewegung?

Olli: Gegen niemanden.

Simon: Das ist noch ein revolutionäres Element: Sie richtet sich für etwas. Für Gerechtigkeit, für Demokratie, für mehr Gleichheit und für bessere Lebensbedingungen für alle.

Würdet ihr also sagen, ihr wollt damit auch einen Raum für Kommunikation und Verbindung bieten, die mittlerweile sonst oft im gesellschaftlichen Diskurs fehlt?

Olli: Ja, wir wollen Offenheit bieten. Weniger konfrontativ sein, als es in der Politik oft der Fall ist, wo sofort jeder gegen jeden argumentiert.

Simon: Menschen haben ja alle ihre Gründe für das, was sie glauben und denken. Uns geht es nicht darum, daraus einen Konflikt zu kreieren, sondern wir wollen versuchen, Teil der Lösung zu sein. Wenn wir es schaffen, weniger gegeneinander zu kämpfen, dann sind wir einen guten Schritt weiter.

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Warum glaubt ihr, dass eine Wanderung quer durch Deutschland das geeignete Format für eure Ziele ist?

Simon: Wir wollten etwas Aktives machen, das Mut macht und bei dem möglichst viele Menschen mitmachen können. Deshalb laufen wir und fahren nicht Fahrrad. Zu Fuß unterwegs zu sein schafft Begegnungen und Präsenz auf der Straße. Es macht sichtbar, wie viele Menschen das gleiche wollen. Außerdem eignet sich die Aktion gut, um Menschen vor Ort abzuholen, die Stimmung zu verbessern und online zusammenzubringen.

Wenn wir es schaffen, weniger gegeneinander zu kämpfen, dann sind wir einen guten Schritt weiter.

Wie sieht eure Route aus? Und welche körperliche Voraussetzung müssen Menschen mitbringen, wenn sie mitlaufen wollen?

Simon: Wir starten in Trier und laufen über Mainz, Frankfurt, Erfurt, Jena, Leipzig und Potsdam nach Berlin. Dazwischen liegen natürlich auch viele kleinere Orte.

Olli: Wir laufen schon recht zügig, ungefähr 25 Kilometer am Tag. Aber niemand muss von Anfang an alles mitlaufen. In den Städten werden wir außerdem langsamer unterwegs sein, damit Begegnungen möglich sind und Menschen dazukommen können.

Simon: Unser Ziel und der Zeitrahmen stehen zwar fest, aber wir sind in der Lage zu reagieren, wenn sich Dinge unterwegs ändern. Das Wichtigste ist, dass möglichst viele Menschen Teil davon werden.

Wenn ihr am Ende in Berlin ankommt: Woran erkennt ihr, dass die Aktion erfolgreich war?

Simon: Das große Ziel wäre natürlich, dass das Thema Überreichtum tatsächlich politisch verhandelt wird. Das wäre bombastisch. Aber wir sind auch schon viel früher zufrieden. Wir bekommen jetzt schon viele positive Rückmeldungen. Und wenn wir am Ende anderen Menschen einen Impuls geben konnten, wieder an ihre eigene Selbstwirksamkeit zu glauben, ist das bereits viel wert.

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Wie können Menschen konkret mitmachen und unterstützen?

Simon: Am einfachsten kann man über Social Media mit uns in Kontakt treten. Wir sind als „Unfuck Germany“ auf allen Plattformen, die man sich nur ausdenken kann. Dort findet man auch alle tagesaktuellen Informationen zur Route und Anschlussmöglichkeiten. Wer nicht mitlaufen kann, kann uns aus der Entfernung unterstützen: bei der Medienarbeit, Organisation oder durch Spenden, mit denen wir unsere Reichweite erhöhen können. Eigentlich ist jede Person, die etwas beitragen möchte willkommen – wir finden eine Möglichkeit.

Olli: Auch entlang der Strecke können Menschen helfen. Wir freuen uns über Kontakte in den Orten, durch die wir laufen, über Unterstützung bei der Organisation und wir brauchen auch Menschen, die uns zum Beispiel auf ihrem Acker übernachten lassen. Und wer nicht unterwegs dabei sein kann, kann auch in Berlin auf uns warten und wir machen dort was Schönes zum Abschluss.

Was möchtet ihr den Menschen am Ende noch mitgeben?

Simon: Es ist möglich! Man hat manchmal das Gefühl, alles sei sauschwer und man hätte schon zu viel Enttäuschungen gesehen. Und natürlich gibt es Korruption und andere Hindernisse. Aber wir leben in einem demokratischen Land und können Dinge verändern. Es ist möglich.

Das Interview führte Katharina Happel
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