Wie würde Kafka das wohl finden? Im März habe ich einen Text geschrieben, in dem ich mich entschieden habe, meine privaten Notizbücher schon zu Lebzeiten zu öffnen – zumindest teilweise. Nun teile ich hier hin und wieder ausgewählte Einträge in ungeordneter Reihenfolge.
Ilhéus, 30.01.2026
Ich bin immer noch hier, im Haus von Virginia. Es ist erst halb neun und das Thermometer misst bereits 27 Grad. Aber es tut mir gut in dieser Klimazone aufzuwachen. Erstaunlicherweise schlafe ich super, trotz tropischer Wärme, der wegen der Moskitos geschlossenen Fenster und morgendlicher Verkehrskulisse.
Bei Spotify läuft auch in meiner Nature-Sounds-Playlist Werbung, in einer Sprache, die mir immer vertrauter wird. Ich sitze drinnen auf der Couch meiner Gastgeberin, höre trotzdem den Rasenmäher und die Autos von draußen, bin aber nicht gestresst, sondern entspannt. Verrückt. Morgen fahre ich weiter nach Maraú, wo ich L. kennenlernen werde, einen Meeresbiologen, bei dem ich eine Woche wohnen darf.
Heute sitzt neben mir auf einem Sessel M. aus der Schweiz, den ich seit zwei Tagen kenne und mit dem ich gestern so lange geredet habe, dass wir jetzt beide Halsschmerzen haben. Während ich schreibe, liest er leise laut aus einem portugiesischen Buch, um sich das, was er liest, besser merken zu können. Ich verstehe seine Worte nicht, höre sie nur im Hintergrund, als wären sie Teil der Musik und des Vogelgezwitschers in meinen Ohren. Es hört sich schön an, als würde jemand aus einer anderen Zeit zu mir flüstern.
Ich will ein Buch schreiben.
Eben, in diesem Moment, war dieses Gefühl so klar in meinem Körper, so bildlich in meinem Kopf, dass es für eine Sekunde real wurde. Eine Melodie, eine Stimme, das Schreiben mit Bleistift auf rauem Papier … Eine Vision, vielleicht. Oder eine Erinnerung:
Wenn nicht jetzt, wann dann?
Wie oft denken wir diesen Satz und tun dann doch nichts? Warten auf einen besseren Zeitpunkt, der nie kommt. Also – wenn nicht jetzt, wann dann? Schreiben, leben, solange, bis das bisschen Geld ausgeht, und danach wird es schon irgendwie weitergehen.
Irgendwie geht es immer weiter…
Wir sitzen hier gemeinsam an einem Ort wie zwei Reisende, ohne dass wir welche sind. Weil es mehr ist als eine Reise. Es ist eine andere Lebensart, bei der wir an allen Erwartungen vorbeiziehen – langsam, suchend, und ohne es zu merken, finden wir unterwegs eine Möglichkeit zu existieren, die anders ist als alles, was uns beigebracht wurde. Und bei der wir uns begegnen, als wären wir schon immer da gewesen. Nebeneinander, auf der Couch, auf dem Sessel, schreibend und lesend.
Es ist fast ein wenig surreal, als befänden wir uns in einer Parallelwelt, in der ich nur das brauche, was ich schon habe und unterwegs zufällig finde. Und während viele Menschen in diesem Moment ihrem Alltag nachgehen und vielleicht denken „endlich Wochenende“, merke ich nicht mal, dass Freitag ist. Die Wochentage spielen schon lange kaum noch eine Rolle... Wenn überhaupt, tut es der Stand der Sonne, die Tatsache, ob es heute regnet oder nicht, ob man allein ist oder zusammen. Redet oder schweigt.
Ich will nichts mehr schaffen, will nur noch erschaffen. Will noch weniger wollen, noch mehr loslassen können. Und dranbleiben an dem, was sich gut und richtig anfühlt, auch wenn es nicht glänzt und die Möglichkeit besteht, dass es niemand außer mir sieht.
Andere sagen vielleicht, wir tun nichts. Dabei tun wir mehr, als wir es in der anderen Welt jemals getan haben. Und ich kann in diese Welt blicken wie durch eine Glasscheibe. Ich erinnere mich an sie. Ich sehe sie, höre sie, kann teilweise auch noch immer mit ihr kommunizieren, aber ich stehe völlig daneben. Ich kann nicht mehr eintreten, schaffe es einfach nicht – und eigentlich will ich es auch nicht.
Ich habe keine Ahnung, wie meine Zukunft aussieht, nicht mal, wo genau ich morgen sein werde und wer der Mensch ist, den ich dort kennenlerne. Aber ich bin ruhig, trinke meinen letzten Schluck Kaffee und weiß genau, dass ich richtig bin, wo ich bin.
Heute in Ilhéus, morgen in Maraú. Irgendwann woanders.
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