Neulich ertappte ich mich dabei, wie ich wehmütig an eine Zeit zurückdachte, die ich damals nachweislich gehasst habe. Und mit „nachweislich“ meine ich: Es gibt Tagebucheinträge, Chatverläufe und mindestens drei Personen, die vor Gericht aussagen könnten, dass ich in dieser Lebensphase ungefähr so glücklich war wie eine Topfpflanze in einem Raucherhaushalt.
Trotzdem saß ich letztens auf meinem Sofa, trank meinen zweiten Protein-Shake des Tages, was übrigens der Gipfel menschlicher Kultur ist, und dachte plötzlich: Ach, war das schön damals.
Damals! Dieses gefährliche Wort. Kaum spricht man es aus, verwandelt sich selbst die erbärmlichste Lebensphase in einen weichgezeichneten Werbespot für Hafermilch. Die toxische Freundschaft, bei der man nach jedem Treffen drei Tage lang erschöpft war und bei Google „Freundschaft beenden wie?“ eingab, wird plötzlich zu: „Wir hatten schon eine besondere Verbindung.“
Nein, hatten wir nicht. Wir hatten nur beide keine richtigen Jobs und rauchten gerne.
Ich glaube mittlerweile: Erinnerung ist Betrug. Ein Anlagebetrug. Man investiert echte Schmerzen, echte Peinlichkeiten und echt schlechte Frisuren, und Jahre später bekommt man dafür eine romantische Rendite ausgezahlt, die in keiner Weise der Realität entspricht.
Nehmen wir zum Beispiel meine Schulzeit. Wenn ich heute daran denke, sehe ich mich in einem melancholischen Musikvideo durch die Gänge schreiten, irgendwo zwischen Alanis Morissette und sehr traurigem H&M-Model. Wie rührend! In Wahrheit bestand meine Schulzeit vor allem daraus, dass ich auf die Uhr starrte und hoffte, ein kleiner, aber effektiver Meteorit möge exakt auf das Turnsaalgebäude fallen, bevor wir Völkerball spielen mussten.
Und trotzdem überkommt mich manchmal eine absurde Sehnsucht nach diesen Tagen. Dabei hätte ich damals alles dafür gegeben, nie wieder in diesem Gebäude auftauchen zu müssen.
Vielleicht ist genau das auch der Grund, warum sich diese ganzen Legacy Sequels, Serien-Revivals und sonstigen Nostalgia-Bait-Projekte so seltsam anfühlen. Natürlich schalte ich ein, wenn irgendein Streamingdienst verkündet: „Wir bringen die Serie deiner Kindheit zurück!“ Ich bin ja kein Monster. Aber nach zehn Minuten sitzt man dann da und denkt: Hm. Irgendwas stimmt nicht.
Und das Gemeine ist: Meistens liegt es nicht einmal daran, dass die neue Serie schlecht ist. Vielleicht ist sie sogar ganz okay. Das Problem ist nur, dass die alte Serie nie so gut war, wie wir dachten. Wir wollen nicht wirklich Full House zurück. Wir wollen das Gefühl zurück, krank auf dem Sofa zu liegen, Kakao zu trinken und noch nicht zu wissen, was eine Betriebskostenabrechnung ist.
„Aber Michi“, fragt ihr euch bestimmt, während ihr verträumt ein altes Klassenfoto betrachtet, „ist es nicht schön, dass der Mensch fähig ist, selbst schwierige Zeiten im Nachhinein milder zu betrachten?“
Ja. Natürlich. Aber wisst ihr, wer schwierige Zeiten ebenfalls im Nachhinein milder betrachtet? Menschen, die wieder mit ihrem Ex zusammenkommen. Und wie geht das meistens aus? Eben.
Besonders schlimm wird es bei alten Wohnungen. Meine erste eigene Wohnung war winzig, schlecht isoliert und hatte eine stinkende Küche, in der man sich nur umdrehen konnte, wenn man vorher einen schriftlichen Antrag bei der Hausverwaltung einreichte. Und trotzdem denke ich heute manchmal: Ach, diese Wohnung hatte Charakter.
Ähm…einfach nein.
Aber Erinnerung ist eine talentierte Innenarchitektin. Sie stellt ein paar Kerzen auf, legt eine alte Indie-Playlist darüber und plötzlich sieht selbst Elend aus wie ein Urban-Outfitters-Katalog.
Am betrügerischsten ist Erinnerung aber bei Menschen. Es gibt Leute, die ich damals aktiv gehasst habe. Und dann, Jahre später, sehe ich zufällig ein Foto von ihnen. Vielleicht auf Instagram. Vielleicht in einer Story, in der sie ein Baby halten oder in Portugal barfuß in die Kamera lächeln, weil offenbar jeder Mensch irgendwann beschließt, barfuß in Portugal zu stehen. Und plötzlich denke ich: Ach, Sarah. Eigentlich war sie schon lustig.
Nein, war sie nicht. Sarah hat immer „per se“ falsch verwendet, ihre eigenen Geburtstage einen Monat lang gefeiert und einmal gesagt, sie sei „empathisch, aber halt brutal ehrlich“, was bekanntlich nur bedeutet: Ich bin ur-gemein und habe dafür ein hübsches Wort gefunden. Nicht zuletzt hat sie mich auf Partys so oft unabsichtlich mit ihren Zigaretten verbrannt (damals durfte man noch drinnen rauchen), dass es mit Sicherheit kein Zufall mehr war.
Vielleicht sind wir nostalgisch nach Zeiten, die wir damals gehasst haben, weil sie wenigstens abgeschlossen sind. Die Vergangenheit ist vorbei und kann einem nichts mehr antun. Niemand kann in einer Erinnerung plötzlich sagen: „Wir müssen reden.“ Egal, wie oft ich davon träume, ich muss nie wieder eine Mathematikschularbeit hinlegen und noch unwahrscheinlicher komplett nackt mit Whoopi Goldberg als meiner Mathelehrerin.
Vergangenheit ist sicher, weil sie vorbei ist. Und deshalb erlauben wir ihr, schöner zu sein, als sie war.
Vielleicht brauchen wir diesen Betrug sogar. Vielleicht ist Nostalgie die kleine Lüge, die uns davor bewahrt, das Leben als endlose Abfolge von Zumutungen zu betrachten. Trotzdem möchte ich mir vornehmen, meiner Erinnerung nicht alles zu glauben. Wenn sie mir das nächste Mal erzählt, dass früher alles leichter, wilder, echter und schöner war, werde ich sie kurz zur Seite nehmen und sagen: „Hey du deppate Funsn, ich war dabei. Du kannst mich nicht komplett verarschen.“
Denn früher war nicht alles besser. Früher war nur früher.
Ich sollte es wissen, ich war ja dabei.
Mein Buch “Wer später kommt, darf früher gehen” könnt ihr hier bestellen!
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