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Buchingers Randnotizen · May 31, 2026

Die Kunst, nicht erreichbar zu sein

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Michael Buchinger · Buchingers Randnotizen

Chillin’ with my homies und daher nicht erreichbar

Irgendwann haben wir beschlossen, dass Erreichbarkeit ein Liebesbeweis ist. Dass ein guter Mensch schnell zurückschreibt. Dass man als verlässlicher Freund innerhalb von sieben Minuten auf eine Sprachnachricht reagieren muss, die mit den Worten beginnt: „Sorry, ist ein bisschen lang geworden“ und dann neun Minuten dauert. Das ist keine Nachricht. Das ist ein Hörbuch ohne Verlag.

Meiner Meinung nach ist eine der wichtigsten Fähigkeiten im Erwachsenenleben: nicht mehr ständig verfügbar zu sein.

Und ich meine damit nicht, dass man plötzlich kalt, rätselhaft und abweisend wird wie eine Nebenfigur in einem skandinavischen Krimi, die in einer dunklen Küche steht und sagt: „Darüber möchte ich nicht sprechen.“ Ich meine auch nicht, dass man seine Freunde ghostet und alle drei Wochen eine Instagram-Story aus dem Nebel postet: „So zeigen manche Menschen nunmal ihr wahres Gesicht…“ Bitte nicht. So viel Mystik braucht kein Mensch.

Ich meine etwas viel Banaleres: Nicht sofort antworten. Nicht jede Einladung annehmen. Nicht jede Absage in eine Doktorarbeit verwandeln. Nicht permanent beweisen, dass man eh dankbar, unkompliziert und emotional in Rufbereitschaft ist.

Früher rief jemand am Festnetz an. Wenn man nicht da war, war man nicht da. Niemand sagte: „Komisch, Michael ist seit drei Stunden nicht zuhause, vielleicht hasst er mich ja.“ Heute sieht jemand, dass man vor zwölf Minuten online war, aber nicht geantwortet hat, und schon befindet man sich in einem sozialen Kriegsverbrechen.

Dabei kann „online sein“ alles bedeuten. Vielleicht habe ich eine wichtige Nachricht gelesen. Vielleicht habe ich gegoogelt, ob man an zu viel Feta sterben kann. Vielleicht habe ich WhatsApp versehentlich geöffnet und bin in der Story meiner Tante Irmi hängengeblieben. Wer hätte gedacht, dass es so viele verschiedene Arten von Rosen gibt?

Das eigentliche Problem beginnt aber danach. Man liest eine Nachricht. Man hat grad keine Energie zu antworten und legt das Handy weg. Zwei Minuten später denkt man: Jetzt ist es schon komisch. Nach zehn Minuten: Jetzt muss ich besonders lieb antworten. Nach einer Stunde: Jetzt brauche ich eine Erklärung. Nach drei Stunden: Vielleicht sollte ich meinen Tod vortäuschen.

Mein Gehirn ist bei unbeantworteten Nachrichten sofort bei Identitätswechsel. Neuer Name, neues Leben, kleine Pension in Slowenien. Dort antworte ich dann auch nicht, aber wenigstens mit Aussicht. Besonders schlimm sind Einladungen. Aus irgendeinem Grund reicht ein einfaches „Ich kann leider nicht“ nicht mehr. Sobald man absagt, hat man das Gefühl, man müsse eine Krankengeschichte, eine emotionale Landkarte und drei eidesstattliche Erklärungen mitschicken.

„Danke für die Einladung, ich kann leider nicht.“ Das wäre erwachsen, stabil und würdevoll; drei Wörter, die noch nie jemand verwendet hat, um mich zu beschreiben.

Was ich stattdessen tippe:

„Danke dir soooo sehr, das klingt wirklich ur schön und ich wäre wirklich sehr gerne dabei, aber leider ist es bei mir an dem Tag ein bisschen schwierig, weil ich die Woche davor schon recht viel habe und dann wahrscheinlich eher Ruhe brauche, aber bitte fühl dich nicht abgewiesen, es liegt wirklich nicht an dir, ich bin nur gerade allgemein ein bisschen drüber, haha, aber ganz viel Spaß euch!!!“

Was ist das? Warum erkläre ich so unnötig viel? Meistens interessiert das niemanden so genau. Die Leute lesen „kann nicht“ und denken: Okay. Moving on.

Ich habe definitiv verlernt, dass Grenzen nicht erst dann gültig sind, wenn sie spektakulär begründet werden. Man muss nicht kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehen, um zu Hause bleiben zu dürfen. Man muss kein Fieber haben, keinen familiären Notfall und keine kaputte Waschmaschine, aus der schwarzer Schleim rinnt wie in einem Horrorfilm aus den Achtzigern.

Man darf einfach nicht wollen. Was ein radikaler Satz: Ich will nicht.

Er klingt richtig brutal. Wie etwas, das eine böse Stiefmutter sagt, bevor sie ein Kind in den Wald schickt. Dabei ist „Ich will nicht“ oft die ehrlichste und freundlichste Antwort. Viel besser als hinzugehen, obwohl du nicht willst, und dann den ganzen Abend innerlich so passiv-aggressiv zu werden, dass ob deiner negativen Schwingungen alle Glühbirnen in Raum zu flackern anfangen.

Ich war viel zu lange der Meinung, ich müsse für alles verfügbar sein, weil sonst etwas Schlimmes passiert. Menschen wären enttäuscht. Chancen würden verschwinden. Freundschaften würden Risse bekommen. Irgendwo würde eine Tür zugehen, und dahinter stünden alle, die ich kenne, mit verschränkten Armen und sagen: „Na bravo, jetzt hat er einmal nicht sofort geantwortet.“

Aber in Wahrheit passiert meistens: nichts.

Man antwortet später und die Welt dreht sich weiter. Man sagt ab und die Party findet trotzdem statt. Man erklärt sich nicht bis zur Selbstauflösung und niemand ruft die Polizei.

Natürlich plädiere ich nicht dafür, ein emotionaler Briefkasten zu werden, der nur alle acht Werktage geleert wird. Verlässlichkeit ist wichtig. Aber zwischen „Ich bin für dich da“ und „Ich bin jederzeit abrufbar wie die Kundenhotline von der Rückseite einer Shampoo-Flasche“ liegt ein Unterschied.

Nicht jede Pause ist eine Ablehnung. Manchmal ist eine Pause einfach nur eine Pause. It’s not that deep.

Ich finde es fast peinlich, wie schwer mir das fällt. Ich kann Zahnarzttermine überstehen, Flughafen-Sicherheitskontrollen und Smalltalk mit Menschen, die mich fragen, ob ich “gläubisch“ bin, was, unter uns, kein echtes Wort ist. Aber eine Nachricht unbeantwortet lassen? Da beginne ich zu zittern.

Dabei geht es eigentlich um eine simple Frage: Wem gehört mein Tag? Mir? Oder jedem Menschen, der gerade ein rotes Benachrichtigungssymbol auf meinem Handy hinterlässt?

Klar, das klingt gerade gefährlich nach Achtsamkeitsratgeber. Gleich sage ich noch „Ich wähle mich selbst“ und dann muss mich bitte jemand mit einem nassen Waschlappen schlagen. Aber es stimmt! Ich will wieder Herr über mein eigenes Leben sein. Oder zumindest Hausmeister. Jemand mit Schlüsselgewalt. Jemand, der sagen kann: Heute wird hier nicht mehr geöffnet. Kommen Sie morgen wieder.

Verfügbarkeit tarnt sich oft als Freundlichkeit, ist in meinem Fall aber eigentlich Angst. Angst, nicht gemocht zu werden. Angst, kompliziert zu wirken. Angst, egoistisch zu sein. Angst, dass Menschen einen nur mögen, solange man verfügbar ist. Aber wer mich nur mag, solange ich sofort antworte, immer Zeit habe und jede Einladung annehme, der mag vielleicht gar nicht mich. Der mag meinen Kundenservice.

Und der hat ab sofort eingeschränkte Öffnungszeiten. Ich übe das jetzt. Noch nicht elegant, eher wie ein Reh auf Laminat, aber immerhin. Ich antworte nicht mehr immer sofort. Ich sage manchmal ab, ohne einen Roman zu schreiben. Ich lasse Nachrichten liegen, ohne innerlich mein Testament aufzusetzen.

Vielleicht werde ich dadurch nicht kälter, sondern wärmer. Weil ich nicht ständig das Gefühl habe, von allen Seiten angezapft zu werden wie ein Fass auf dem Oktoberfest. Vielleicht ist genau das die Kunst: nicht verschwinden, sondern freundlich bleiben und trotzdem eine Tür haben.

Eine, die man öffnen kann - aber eben auch schließen ;)

Mein Buch “Wer später kommt, darf früher gehen” könnt ihr hier bestellen!

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