Im ersten Teil ging es um eine generelle Betrachtung des Fürs und Widers eines Worldbuildings, das sich entlang irdisch-historischer Vorbilder bewegt. Mit diesem Teil möchte ich einen möglichen Weg vorstellen, um sich der Entwicklung einer Spielwelt mit einem anderen Mindset zu nähern.
Vorweg sei gesagt, dass sich diese Reihe vor allem auf große, kulturell diverse Fantasywelten bezieht, wie man sie aus Midgard, Das Schwarze Auge oder Splittermond kennt: „Kitchen Sink“-Spielwelten, die irgendwie alles oder zumindest möglichst viel anbieten wollen. Das heißt nicht, dass fokussiertere Settings mit engen irdisch-historischen Vorbildern nicht ähnlichen Herausforderungen gegenüberstehen, wie ich sie im ersten Teil gesprochen habe; sie bewegen sich allerdings ganz natürlich in klar abgesteckten Erzählräumen.
Daher sind sie Vorbilder für den hier vorgestellten Ansatz, eine Spielwelt in Erzähl- statt in Kulturräumen zu denken. Diesen Ansatz verfolgen wir auch bei Midgard – Legenden von Damatu.
Beginnen wir mit der Definition der beiden großen Schlagwörter:
Ein Erzählraum ist die Antwort auf die Frage, welche Art von Geschichten die Spielenden in einer bestimmten Region erleben können.
Der Begriff “Fantasy” als Genrebeschreibung ist ähnlich unspezifisch wie “Science Fiction”. Es gibt unzählige Subgenre der Fantasy und mit ihnen gehen unterschiedliche Spielerlebnisse und Erwartungshaltungen einher. Conan steht für etwas anderes als Der Herr der Ringe, und beides unterscheidet sich von Shadow & Bones oder Das Lied von Eis und Feuer, auch wenn alles Fantasy ist.
Rollenspiele mit engem Fokus rücken ein bestimmtes Subgenre und Spielerlebnis in den Vordergrund. Die verbotenen Lande setzen auf die Erkundung eines für lange Zeit unzugänglichen Landstrichs; in Symbaroum geht es um den Konflikt zwischen Natur und Zivilisation; in Household spielt man Feen in einem menschlichen Anwesen; und das kommende Twilight Sword will das Spielgefühl der Zelda-Spiele an den Spieltisch bringen. Ihre (oft in der Größe überschaubaren) Settings sind diesem Erzählfokus unterworfen: Der Erzählraum definiert den Rahmen für das kulturelle Umfeld.
Klassische Fantasyrollenspielwelten stammen meist aus einer Zeit, als es noch nicht so viele Angebote gab. Als ich zum Beispiel in den 1990ern angefangen habe, hatte ich die Wahl zwischen Das Schwarze Auge und Dungeons & Dragons (Midgard spielte niemand in meinem Umfeld). Und es wurde möglichst viel in diese Spiele gepackt, um (fast) die gesamte Bandbreite von Fantasy abzudecken.
Diese Welten sind überwiegend als Kulturräume gedacht:
Ein Kulturraum ist die Antwort auf die Frage, welche (irdisch inspirierte) Kultur die Spielenden in einer bestimmten Region vorfinden können.
Sie nähern sich der Gestaltung der Welt vorrangig geographisch statt erzählerisch.
Da viele prägende Rollenspielwelten aus dem westlichen Kulturkreis stammen – und Menschen einen Hang zur Bequemlichkeiten haben –, sehen sich viele Fantasyspielwelten sehr ähnlich. Meist gehen sie von einer irgendwie europäischen Region als Ausgangspunkt aus – ob nun Klischee-Fäntelalter oder mediterrane Antike –, mit einem kalten Norden, einem heißen Süden und einem fernen Osten und allem, was sich an irdischen Referenzen dort ansiedeln lässt.
Diese eurozentrische Perspektive hinterlässt oft Spuren auf Weltkarten, sei es durch ein mächtiges Zentralreich (Aventurien) oder ein großes Meer in der Mitte, um das herum die bekannte Welt angesiedelt ist (Midgard oder teils Lorakis).
Die vertraute Geographie kann dazu verleiten, Kulturen, Reiche und Geschichte ebenfalls vertraut zu gestalten. Das geht in beide Richtungen: Wenn der Subkontinent schon wie Indien aussieht, sollte dort nicht auch ein Fantasy-Indien sein? Oder: Warum sollte ich mein Fantasy-Indien anderswo als das irdische Indien ansiedeln?
Ich denke Erzählräume und Kulturräume nicht antagonistisch. Sie können einander gut ergänzen und teilweise bedingen. Für mich sind sie Fragen, die die Richtung vorgeben, aus der ich mit der Spielwelt nähere: Frage ich mich zuerst, welche Geschichten ich erzählen möchte? Oder welche Kulturen ich ansiedeln möchte?
Für Midgard – Legenden von Damatu setzen wir mittlerweile auf Erzählräume als Kompass. Auch Damatu fällt, in Tradition der vorhergehenden Editionen, in die Kategorie Kitchen Sink: eine riesige Welt mit gewaltigen Distanzen und viel Platz für alle möglichen Geschichten. Um uns und später den Spielrunden eine bessere Orientierung zu geben, unterteilen wir Damatu nicht vorrangig in Kulturregionen (dies ist Fantasy-Afrika, dies ist Fantasy-Asien und so weiter), sondern in Genres: Der Archipel der Winde (eine Region, die wir in Die Umstürmten bereits näher beleuchtet haben) ist High Fantasy. Nordsirao. zu dem dieses Jahr mehr folgt, bietet klassische Fantasy inklusive uralter elfischer und zwergischer Reiche und Kulturen (mit dem einen oder anderen Twist). Andere Regionen denken wir als Sword & Sorcery, oder wir lassen dort Raum für Subgenres wie Science Fantasy oder Noir Fantasy.
Eine Welt, die stärker in Genres gedacht wird, hat andere Referenzen. Die irdischen Geschichtsbücher werden zu einer untergeordneten oder vielleicht sogar irrelevanten Quelle. Es geht nicht darum, existierende Kulturen möglichst authentisch abzubilden, sondern darum, ein möglichst authentisches Spielgefühl für eine bestimmte Art von Geschichten zu schaffen. Dabei können irdische Referenzen natürlich helfen, doch sie sind ein Baustein, nicht das Fundament.
Der Genrebezug hilft zudem, den Mitspielenden eine gemeinsame Grundlage für die Vorstellung von der Spielwelt zu geben. “Sword & Sorcery” kann ebenso verbindend sein wie “Stadtstaaten der italienischen Renaissance“, ohne dabei per se den Anspruch oder das Versprechen mit sich zu bringen, historischen Vorbildern zu folgen.
Letztlich geht es darum, wie ich mich als weltenschaffende Person meinem Vorhaben nähere; die erzählerische statt der historisch-kultuellen Annäherung ist eine alternative Möglichkeit. Im dritten Teil erweitere ich diesen Ansatz um eine weitere Richtung: die Welt von Innen statt von Außen zu denken.
Mit dem kostenlosen und umfangreichen Playtest Guide kannst du in die laufende Beta-Phase für Midgard – Legenden von Damatu einsteigen und mit deinem Feedback die abschließende Entwicklung des neues Regelwerks unterstützen.
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