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Living with Lemons · Jul 17, 2026

Drei Jahre Schweden-Leben

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Lea Lüdemann · Living with Lemons

An diesem Tag vor drei Jahren, am 17.07.2023, kamen wir in Stockholm an: mit zwei Koffern, einem vierjährigen Kind und einem 1,5-jährigen, in einer Wohnung, die wir vorher nur via Video-Call gesehen haben, in einem Stadtteil, der uns nichts sagte. Sowohl mein Partner als auch ich waren schon mal in Stockholm gewesen, aber wir hatten absolut keine Orientierung.

Es stellte sich heraus: Wir waren im an einem unglaublich schönen Ort gelandet. Ich frage mich oft, wirklich oft: Wie konnte ich so viel Glück haben? Wie ist es möglich, dass sich alles, was mir widerfahren ist, nachdem ich nach Stockholm gezogen bin, so gut anfühlt? Die Freundschaften, die Schule, der Kindergarten, unsere Wohnung. Wenn ich Leuten, mit denen ich über unser Stockholm-Leben rede, erkläre, wie es uns geht, nenne ich es „ein echtes Bullerbü-Leben“. Draußen treffen wir immer jemanden, den wir kennen, unsere Schule ist Laufminuten entfernt, überhaupt, dass wir für unsere ältere Tochter einen Platz an der internationalen Schule bekommen haben vor zwei Jahren, war großes Glück. Dieses Jahr startet unsere zweite Tochter an derselben Schule mit der Vorschulklasse, und ich bin so, so froh, dass sie dieses Jahr vor sich hat.

Ich kann mir ein Leben woanders derzeit nicht vorstellen. Das letzte Jahr war mein Wolke-Sieben-Jahr. Der Start mit Stockholm war kurz holprig, erstmal war ich ganz schön überfordert von dem großen Schritt ins Unbekannte und brauchte eine Weile, um mich und uns einzugrooven. Zwei Jahre hat es schon gedauert, bis man so richtig drin war, verstanden hatte, wie die Anmeldungen zum Turnen ablaufen, wann Ferien sind, wie Luzia und Midsommar gefeiert werden, wo man im Winter Schlittschuhe fährt und im Sommer baden geht. Das dritte Jahr war: Genuss. Freundschaften so richtig leben und zelebrieren. Wir sind mittlerweile total integriert in unserem schwedischen Freundeskreis (im deutschen und internationalen sowieso), wir verbringen Wochenenden gemeinsam im Sommerhaus von Freunden, haben gemeinsame Abendessen, mit einer Gruppe „Schul-Mums“ unternehme ich regelmäßig Aktivitäten von Sauna über Bar-Abende bis hin zu Pole-Dancing-Kursen.

Ich habe im dritten Stockholm-Jahr Schwedisch gelernt. Meine schwedische Freundin, mit der ich wöchentlich eine Sprach-Café-Stunde halte, feuert mich an, in meinen Lebenslauf zu schreiben, dass ich fließend schwedisch spreche. Ganz so erfahren fühle ich mich nicht, aber das Kompliment nehme ich dankend und gerne an.

Ich habe ein kleines Business gestartet im letzten Jahr, und irgendwie gehört auch das hier in diesen Text rein: Denn sowas im Ausland zu machen, sich durch die Registrierung, die Steuervorgaben und all das zu kämpfen, ist schon auch ein Meilenstein, auf den ich stolz bin und der so viel besser angenommen wird als ich es mir vorgestellt habe.

Ich fühle mich in unserem Leben so richtig, richtig wohl. Ich liebe Stockholm. Ich liebe die schwedische Kultur. Die Sprache. Die Menschen, die ich täglich in unserem Umfeld sehe. Ich liebe unseren Stadtteil, der sich so richtig nach zu Hause mittlerweile anfühlt. Selbst jetzt gerade, im Urlaub, in dem ich ganz woanders, weit weg aus Stockholm, bin, denke ich täglich, wirklich mehrmals täglich an unser Leben, das uns in Schweden erwartet, wenn wir zurückkommen, und ich freue mich schon jetzt so richtig doll wieder darauf zu Hause zu sein – fast ein bisschen verliebt, so wie wenn man sich auf ein Date freut, das lange geplant war.

Ich freue mich darauf, die letzten Wochen des Sommers vor uns zu haben, und ich freue mich genauso darauf, wenn sich die Bäume vor unserem Wohnzimmerfenster bunt färben. Der Winter in Schweden wird sicherlich wieder lang und herausfordernd wie schon die letzten Jahre, aber ich freue mich auf den Teil mit der Gemütlichkeit und auf den Schnee und das Eislaufen. Ich freue mich, wenn dann im Mai langsam die Tage wärmer werden – und dass ich mich schon jetzt auf den Sommer 2027 freue, ist für jemanden, der in Schweden lebt, auch ganz normal, denn da lebt man einfach von Sommer zu Sommer.

Ich weiß nicht, wie lange wir noch in Schweden leben werden bzw. können. Es wird leider nicht für immer sein. Den Gedanken, mich in mittelfristiger Zukunft damit auseinander setzen zu müssen, wohin es uns dann verschlägt, schiebe ich immer ganz schnell weg. Für mich steht fest: Ich liebe unseren Abschnitt Schweden gerade ganz, ganz arg. So richtig „kneift-mich-mal-jemand“-arg. Ich habe mein Herz Stockholm geschenkt und bin jeden Tag dankbar dafür, diesen Ort mein neues, nicht mehr ganz so neues, aktuelles, derzeitiges Zuhause nennen zu dürfen.

  • an Papas, die „in charge“ sind: Sie nehmen die Hälfte der Elternzeit, gehen zum Kinderturnen, sind beim Elternabend. In unserem Freundeskreis teilen sich wohl so 95% der Paare die Kinderbetreuung wirklich 50/50 auf mit festen Tagen, an denen der eine bzw. die andere verantwortlich ist – für alles (Abholen, Bringen, packed lunch, Antworten im Whatsapp Chat,…)

  • Man geht raus. In die Natur, auf den Spielplatz. Da kann es noch so dunkel, nass und kalt sein. Das Leben findet draußen statt. Auch im Sommer, wenn wir (Deutschen) vielleicht von „schlechtem Wetter“ sprechen würden, so 17 Grad und leichter Regen, sind die Leute draußen. Sommer ist Sommer, Urlaub ist Urlaub. Keine Frage, ob dann das Wetter gut oder schlecht ist.

  • an Kanelbulle an jeder Ecke und Kardamom in jedem Essen. Das muss nicht heißen, dass ich es liebe, aber ich erwarte nichts anderes mehr. Kuchen, zum Beispiel, ist in den Cafés rares Gut. Ich kann Pastries ehrlicherweise nicht mehr sehen.

  • Der Sommer heißt: Leben leben. Im Juli steht die Zeit still und jeder ist raus aus der Stadt, um „semester“ (Urlaub) zu machen. Dieser kollektive Urlaub tut so besonders gut, weil man einfach weiß: Man verpasst nichts (vor allem arbeitstechnisch), alle sind weg.

  • dass viel gesungen wird, zu Geburtstagen, beim Midsommarfest, beim Luziafest. Die Schwed:innen lieben es zu singen.

  • Schweden-Flaggen in jedem Garten, auf dem Tisch, an der Wand. Als Deutsche war das anfangs so ungewohnt. Aber ich hab mich schnell dran gewöhnt, dass die Schweden-Flagge einfach überall zu finden ist.

  • an die Kinderfreundlichkeit oder irgendwie so den Punkt, dass an Kinder und Familien als Ganzes gedacht wird: tolle Spielplätze, Freizeitparks mitten in der Stadt, Kindermuseen, Kinderbereiche in „normalen“ Museen, Toiletten und Cafés auf dem Spielplatz.

  • an „lagom“ – das bedeutet: „gerade richtig“, nicht zu viel, nicht zu wenig. Der/die Schwed:in liebt lagom. Bloß nicht zu viel arbeiten, bloß nicht Familienzeit verpassen, aber eben auch: nicht in Übermaß leben, nicht zu viel Mühe geben bei der Einladung zum Abendessen. Ich selbst bin nicht sonderlich lagom und mag es einfach gerne, mich selbst immer wieder zu übertreffen und stets Vollgas zu geben. Aber als Mentalität einer ganzen Nation ist „lagom“ einfach wahnsinnig angenehm und sympathisch.

  • Ich denke an drei Sachen immer wieder ganz besonders gerne: unseren Urlaub auf Gotland 2024, unsere Südschweden-Reise im Sommer 2025 und die zwei Trips nach Kiruna in den Norden Schwedens. Alle drei Orte waren an Magie nicht zu übertreffen und mit Gründe dafür, warum ich Schweden als Land so abgöttisch liebe.

  • unser Stadtteil Södermalm, rund um den „Nytorget“, ist schwer zu übertreffen. Die Restaurants hier, die Geschäfte, die Spielplätze, der Fakt, dass alles autofrei ist und die Straßen voller Blumenkästen, Tische und Bänke sind, ist einfach so wahnsinnig toll. Ich freue mich jeden Tag aufs Neue, hier zuhause zu sein.

  • dass es eigentlich von Oktober bis Mai Winter ist. Damit zusammenhängend nervig finde ich auch, zwei Drittel des Jahres in Daunenjacke und Stiefeln mit Profil rumzurennen.

  • Die Dunkelheit kickt nicht mehr ganz so krass wie die ersten zwei Jahre. Aber dass es im Dezember um 14.30 Uhr dämmert, ist einfach – suboptimal.

  • keinen Frühling zu haben. In Stockholm setzt der einfach aus. Jedes Jahr hat es bislang im Mai nochmal geschneit, und im Juni ist dann plötzlich Sommer.

  • die Handynutzung. Ob Kinder im Restaurant, Kinder im Kinderwagen, Erwachsene beim Laufen durch die Straßen: JEDE:R hängt gefühlt die ganze Zeit hinterm Bildschirm.

  • dass die Schwed:innen nichts annehmen bzw. irgendwie immer das Gefühl haben, sie müssen einem etwas zurückgeben. Ich biete oft Playdates bei uns zuhause an – gefühlt haben die Eltern jedes Mal ein schlechtes Gewissen, mich mit der „Mehrarbeit“ zu konfrontieren, obwohl ich es ja vorgeschlagen habe. Ich starte mittlerweile schon jede Whatsappanfrage mit „It really is no issue for me – would xyz like to come over after school today?“

  • an Milch! Milch als Getränk in der Schule, als „Stand-alone-Getränk“ im Café. An Erdbeeren mit Milch… An die zig Optionen, Milch zu konsumieren im Supermarkt. Wer schonmal in Schweden war, weiß, was ich meine. Es ist verrückt, wie sehr die Schwed:innen glauben, Milch gehöre zu einer ausgewogenen, gesunden Ernährung.

  • daran, dass die Auswahl an Bio-Lebensmitteln einfach sooo klein ist. Und dm, Rossmann & Co. fehlen mir auch sehr!

  • daran, dass es in aller Regel nur Croissants und Zimt- oder Kardamomschnecken gibt. Plus zwei, drei andere Formen von „Pastries“ – selten aber Kuchen. Ich konnte schon nach einem Jahr keine „Kanelbulle“ mehr sehen.

  • meine jüngste Schwester und meine Eltern, vor allem mein Papa ist nicht mehr der jüngste, und ihn so selten sehen zu können, ist schwer.

  • Freundinnen aus Frankfurt, Berlin, Hamburg: ein bis zwei Handvoll Freundinnen aus vorherigen Lebensabschnitten hätte ich einfach so richtig gerne bei mir in meinem „neuen Leben“.

  • Brezeln

  • Lebkuchen

  • Weihnachtsmärkte

Ich bin mir sicher, mir fällt eigentlich noch viel mehr ein, was ich zu den jeweiligen Punkten ergänzen könnte. Aber so gibt es schon mal einen Gesamteinblick. Fest steht vor allem: Ich freue mich richtig arg darauf, wieder in Stockholm zu sein und dort unserem Alltag nachzugehen!

Liebst,
Lea Lou

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