Ich bin gerade aus zwei Urlaubswochen von der Insel zurückgekehrt. Nein nein, nix Karibik. England. Viel Popkultur, viel Fußball, viel Land und Leute. Herrlich. Ich weiß mit den ganzen Eindrücken immer noch nicht so recht, wo hin. Und auch wenn so ein Urlaub ja dafür da ist, mal die Gedanken an Arbeit und Alltag hinter sich zu lassen, geht das nicht immer und ich gucke auch genau hin, in so einem fremden Urlaubsland. Seit dem 31. Januar 2020 ist UK nicht mehr in der Europäischen Union, seit dem 1. Januar 2021 ist das Vereinigte Königreich wieder eigenständig. Oder wie man eigentlich heute sagen müsste: Auf sich allein gestellt. Die populistischen Scharfmacher um Nigel Farage hatten den Menschen damals weisgemacht, dass man mit dem Austritt vor allem rasend viel Geld sparen und dieses Geld dann in die eigene Infrastruktur, allem voran in das marode NHS, das Gesundheitssystem stecken könnte. Aus heutiger Sicht und mit den Eindrücken der letzten beiden Wochen war der Brexit eher eine typisch britische, aus der Vergangenheit übernommene Reflexhandlung. Wenn es schwierig wird, kümmern wir uns einfach um uns. Königshaus und jahrhundertelange Führungsrolle und Traditionsbewusstsein und bewundernde oder gar unterwürfige Blicke der Nachbarvölker in Europa und der Welt - einfach Teil von vielen zu sein war halt eine blöde Idee. Commonwealth heißt zwar Gemeinwohl, meinte aber immer schon eigentlich England. Also Rückbesinnung auf eigene Stärken. Dann wird das schon.
Wer heute durch England reist, sieht tolle Landschaft, Schlösser, brodelndes Kulturleben, eindrucksvolle Fassaden. Wer hinter die Glitzerfassaden des ohne Eintritt zu betretenden Touristen-Vergnügungsparks London blickt, stellt jedoch auch ohne tieferen Einblick schnell fest: Großbritannien ist ein abgehängtes Land. Vieles, was man hier als stolze Tradition vor sich her trägt, ist Errungenschaft und Innovation vergangener Zeiten und wirkt heute oft altbacken. Ein paar Beispiele - wie gesagt, einfach nur in vierzehn Urlaubstagen aufgeschnappt:
1.) England hatte in Europa lange ein - vom Linksverkehr mal abgesehen - sehr fortschrittliches Straßensystem. Es gab neben den typischen schmalen Landstraßen und den Autobahnen (mit M bezeichnet) auch schon früh das, was bei uns vielleicht Bundesstraßen wären (die werden hier mit A bezeichnet). Die A-Straßen waren vielerorts schon vierstreifig ausgebaut, große Kreisverkehre ließen den Verkehr flüssig über Kreuzungsbereiche fließen, nur hin und wieder gab es schmalere Abschnitte durch Orte. Als ich vor 30 Jahren das letzte Mal in UK war, hat mich da begeistert. Es würde nicht mehr lange dauern und dann wären auch die letzten Umgehungen gebaut und dann freie Fahrt für alle. Toll. Und genau so, sieht es heute in Südengland, wo ich im Urlaub war, noch immer aus. Parkplätze an den A-Straßen sind eigentlich nur schmale Randstreifen mit zwei meist übervollen Mülleimern und Büschen in denen alle ihre Notdurft verrichten. Toiletten gibt es an diesen Straßen nämlich nicht. Auf den Straßen selbst liegen Straßeneinläufe und Kanaldeckel oft schief in der Fahrbahn - nach Jahrzehnten der Nutzung auch kein Wunder. Durch das auch hier stark angestiegene Verkehrsaufkommen funktionieren die Kreisverkehre ohne zusätzliche Ampeln meist nicht mehr, es bilden sich lange Staus, besonders wenn mal zwei A-Straßen aufeinander treffen.
2.) Die Londoner U-Bahn - die Tube - ist das älteste U-Bahnsystem der Welt und noch immer eindrucksvoll. Die Taktfrequenz der Züge ist unfassbar hoch und es gibt inzwischen sogar hoch moderne, völlig autonom fahrende Linien. Verlässt man jedoch die Zentrumsbereiche und will mit der Bahn z.B. nach East London fahren (so wie ich das getan habe), ist der Hightech-Glanz schnell vorbei. Die Northern Line z.B. ist eine winzige, runde, nicht behindertengerechte Bahn in der ich nur in der Mitte aufrecht stehen kann. Das war noch hinzunehmen, aber die Bahn ist so schlecht gedämmt, dass im Fahrgastraum oft ein unerträglicher Lärm herrscht, in jeder Kurve, verstärkt durch die Reflexionen in der Tunnelröhre und dadurch, dass das Gefährt nur durch offene Fenster an den Wagenenden belüftet werden kann. Tickets kaufen mit dem Handy geht super easy - aber wer eine Sonderkarte braucht, oder eine Kinderermäßigung will, kauft eine mit Magnetstreifen ausgerüstete Karte aus Papier, die nach Kontakt mit einem Magneten (z.B. einem Mobiltelefon) sofort ihre Information vergessen hat und man also an jeder Station bei Ein- und Ausgang den Support des Bahnhofspersonals braucht.
3.) Wir - und damit meine ich ganz bewusst auch mich selbst - schimpfen in Deutschland gern über den schlechten Mobilfunkausbau - besonders im ländlichen Raum. Seit meinem Englandaufenthalt schimpfe ich nicht mehr. Auf meiner gesamten Reise von Dover ganz im Osten bis St.Ives ganz im Westen Englands schwankte die Mobilfunkabdeckung fast durchgängig zwischen „geht so“ und „unterirdisch“. Gerade in Cornwall haben ganze Landstriche nur Edge oder hoffnungslos langsame zwei Balken 4G. 5G gab es nur in London und auch da nur entlang der Themse.
Ich könnte noch eine Weile weiter aufzählen, über Verpackungsberge, Wasserverschwendung und Umweltschutz will ich hier gar nicht sprechen, aber vielleicht dann doch noch zwei Dinge: ein Netzstecker-Standard, den in der Europäischen Union, dem nach wie vor wichtigen Handelspartner, außer Irland niemand benutzt, wird eher kein Wettbewerbsvorteil werden. Und vielleicht weiht unsere königlichen Nachbarn mal irgendjemand in die Geheimnisse einer Mischbatterie für Waschbecken ein. Hände waschen heißt hier meistens noch wie im 19.Jahrhundert, ein Hahn eiskalt, ein Hahn kochend heiß und nun kümmer dich…. Zwischen Vintage und Rückständig ist nur eine schmale Grenze…
England fühlte sich für mich tatsächlich manchmal an, wie eine neuzeitliche DDR, die über ihren bröckelnden Glanz hinwegsieht und einfach gute Miene zum verlorenen Spiel macht.
Ohne Frage finden wir in Deutschland auch eine Menge infrastrukturelle Wunden. Von der Welt ausgelacht zu werden, weil das selbstbewusste Deutschland keine Bahn auf die Reihe bekommt, die Digitalisierung verpennt und Angst vor Kartenzahlung hat, ist natürlich auch nicht schön. Aber wir sind Teil einer Staatengemeinschaft. Wir sind Teil der Europäischen Union. Wir sanieren unsere Straßen aus gemeinsamen Töpfen, wir reden mit beim Aufbau von Standards, wir verhandeln tatsächlich auf Augenhöhe mit den USA, China und Indien. Das Vereinigte Königreich ist nur noch ein irgendwie muffiges Überbleibsel aus vergangener Zeit, längst überholt von ehemaligen Kolonien, mit einem König und schlechtem Bier und ohne Handyempfang und einem übergroßen Nationalstolz als Heizung für die kommenden kalten Tage. Wenn Keir Starmer jetzt eine Wiederannäherung an die EU möchte, dann ist das nach dem Selbstverständnis der Briten schon fast ein Zu Kreuze kriechen.
Am Sonntag wird gewählt in Sachsen. Ich werde im Wahllokal in der Weinauschule als Wahlhelfer arbeiten. Und ich habe schon jetzt ein wenig Angst vor der Auszählung, denn es werden diejenigen die meisten Stimmen bekommen, die am liebsten sofort den Weg der Briten gehen wollen. Mit genau den gleichen preiswerten Argumenten, mit dem populistischen Duktus eines Nigel Farage. Ich will hier heute gar nicht aufrufen, zur Wahl zu gehen und die demokratischen Kräfte zu stärken. Wer meinen Newsletter liest, braucht diesen Aufruf höchstwahrscheinlich nicht. Aber ich möchte Sie und Euch bitten, nein tatsächlich dazu auffordern, auch nach dem Wahlsonntag lauter zu sein. Leichtfertig geäußertem Unfug von Nachbarn entgegen zu treten, Argumente zu sammeln und diese einzusetzen, wenn ein Facebook-Kommentar Fake News verbreitet, viel häufiger dem allgemeinen Gejammer und Geschimpfe entgegen zu treten. Denn eines habe ich von den Engländern auch gelernt in den letzten zwei Wochen: Es ist möglich, bei allen Schwierigkeiten und Ängsten und Unzufriedenheiten, miteinander freundlich zu sein, sich zu helfen, zu sehen und anzuerkennen, dass es schlechte und auch gute Dinge im täglichen Leben gibt und dass man nicht hinter jedes „Ich finde es schön“ immer sofort ein „aber“ hängen muss.
Vor zwei Wochen ist dieser Newsletter zwei Jahre Alt geworden. Vielen Dank allen, die seitdem so aufmerksam mitlesen und auch mit Kommentaren oder direkten Mailantworten mit mir in Kontakt treten. Bitte leitet den Newsletter gern weiter, gebt mir Feedback, teilt die Texte in Eure Netzwerke. Vielen Dank für die letzten zwei Jahre.
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