Vorbemerkung: im Auftrag einer Zeitung habe ich 2015 ein Porträt der Russen in Warschau geschrieben, wie sie seit der Krim-Annexion angesehen wurden. Er wurde drei mal von oben gekippt und ist schließlich nie erschienen. Warum, weiss ich nicht und ich will hier auch nicht spekulieren. Heute ist er ein “Zeitdokument”.
Eine Chopin-Etüde schäumt auf, ritterfräuleinhaft; dann folgen die Zuhörer Mussorgski durch die Bilder seiner Ausstellung bis zum heftigen Schlussakkord – im Russischen Kulturzentrum Warschau spielt die Pianistin Daria Kotschetkowa aus St Petersburg polnische wie russische Komponisten. Das Publikum, ebenfalls gemischt und zumeist silberhaarig, applaudiert begeistert. Nach der Vorstellung wird ungezwungen mit der jungen Musikerin in beiden slawischen Sprachen geplaudert. Im Saal, der ein wenig die Patina der Siebziger atmet, hängen von Schulkindern gemalte Pastellbilder des Kremls und von Ikonen.
Ein seltenes Bild der Eintracht. Zwischen beiden Nationen herrscht auf der offiziellen Ebene sonst diplomatische Funkstille oder der Austausch von Protestnoten. So will Polen nach einem neu erlassenen Gesetz flächendeckend sowjetische Denkmäler abbauen, das Land fordert weiterhin Sanktionen gegen den Nachbarn aufgrund der Ukrainekrise. Russland hingegen hat in der Oblast Kaliningrad Kurzstreckenrakten gegen den Nachbarn in Positur gebracht. Das russisch-polnische Verhältnis ist mit einer von Kriegen belasteten Geschichte belastet. Die Bruderschaft im Sozialismus war erzwungen, wie das größt Baudenkmal - der hellgraue Kulturpalast. Ein Geschenk Stalins an das polnische Volk, das auch heute von keinem der gläsernen Bürotürme westlicher Firmen überragt wird.
Doch von offizieller Machtdemonstrationen sind derzeit Russen in Warschau weit entfernt. „Nein, nein“ über alles was Politisch klingt, mag der Direktor des Kulturzentrums Igor Zhukowskii nicht reden, er sei allein für Kultur zuständig, dann gerne und ausführlich.
Igor, ein Mann mittleren Alters, will zuerst den Presseausweis sehen. „Es lebt sich mieser in Polen. Ich prügele mich letztens oft, weil ich dumm angemacht werde, wenn ich irgendwo Russisch spreche“, so der Tschetschenenkriegsveteran, der seinen wirklichen Namen nicht nennt, aber die Mütze verschiebt, um die Kopfverletzung zu zeigen.
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