„Ohne Streikende gibt es keinen Streik“ hatte Veli-Pekka Säikkälä, Sprecher der schwedischen Dachgewerkschaftsorganisation LO die Misere zusammen gefasst.
Der seit dem 27. Oktober 2023 andauernde Streik mehrerer Arbeitnehmerkonflikte Schwedens gegen Tesla ging offiziell am 19. August zu Ende. Und somit der längste Arbeitskonflikt Schwedens innerhalb von 100 Jahren. Der mächtigste Mann der Welt hat die einflussreichste Gewerkschaft der Welt (so ihr Selbstbild) besiegt.
Das US-Unternehmen hat das Gros der über achtzig Streikenden einfach Schritt für Schritt mit einem halben Jahreslohn „aufgekauft“ und so bewegt, das Unternehmen zu verlassen, ein paar wenige Arbeiter sind zu dem Autohersteller zurückgekehrt.
Der Konfliktpunkt war der Tarifvertrag, auf dessen Einführung die schwedischen Gewerkschaften bestehen, den jedoch Konzernchef Elon Musk, der Gewerkschaften im allgemeinen vorwirft „soviel Negativität“ in ein Unternehmen zu bringen, bei seinen Unternehmensstandorten weltweit stets verweigert hat.
Der Konzern selbst nannte den kommenden Mittwoch „einen großen Tag für alle Fahrer eines Elektrofahrzeugs“ und versprach die Öffnung von 250 Ladestationen im Königreich, da die Gewerkschaften auch die Stromversorgung blockiert haben. https://www.di.se/nyheter/if-metall-avbryter-strejken-mot-tesla/
Schließlich war Streik ein umfassender „Sympathiestreik“, bei der mehrere Gewerkschaften die initiierende Arbeitervertretung „IF Metall“ unterstützen, deren Mitglieder in den zehn Tesla-Werkstätten des Landes wirkten.
Bestreikt wurde auch die Auslieferung der Autos in den schwedischen Häfen, die Gewerkschaftler der Post stellte sich quer und verschickten keine Nummernschilder. Lackierer verweigerten sich. Tesla hielt dagegen, ließ die PKWs auf dem Landweg einführen, stellte neue Leute ein. Ihre angestrengten Gerichtsprozesse gegen die Streikenden verlor das Unternehmen jedoch allesamt.
Der Arbeitgeberverband SN war hiervon wenig begeistert und forderte und fordert Einschränkungen in das schwedische Recht des „Sympathiestreiks“. Die Mitte-Rechts-Regierung unter Ulf Kristersson hat sich aus dem Konflikt herausgehalten.
Dies hat schwedische Tradition. Im „Abkommen von Saltsjöbaden“ 1938 konnte nach langjährigen Arbeitskämpfen der Grundstein für ein Arrangement zwischen Gewerkschaften und Unternehmern ausgehandelt werden. Teil des Deals war auch, dass sich der Staat möglichst zurück hält.
Bislang haben 90 Prozent der Unternehmen in Schweden Tarifverträge abgeschlossen. Innovative schwedischen Startups wie der Streaming-Dienst „Spotify“ und das Bezahlsystem „Klarna“ hatten zwar versucht, dieses Abkommen zu umgehen, beugten sich schließlich dem allgemeinen Druck.
Glaubt man dem Musk-Konzern, so hat der Streik der Ausbreitung der Elektromobilität in dem Land mit zehn Millionen Einwohnern geschadet. Doch dies ist nicht wirklich richtig – in Schweden gibt es über 9000 Ladestationen, welche zumeist ungenutzt bleiben. Eine Folge der Steuersenkung für Diesel und Benzin und der Steuererhöhung für die Elektromobilität durch die Führung in Stockholm https://www.noz.de/deutschland-welt/politik/artikel/elektro-autos-in-schweden-unbeliebt-werden-ladesaeulen-abgebaut-50565074
Schaden erlitt jedoch das Image von Tesla, auch durch die politischen Aktivitäten von Elon Musk, der in Europa rechte Parteien unterstützt.
So ging der Verkauf von Tesla-Modellen 2025 im Vergleich zum Vorjahr in Schweden um 66 Prozent zurück. Zwar steigt er nun wieder an, dies kann jedoch auch mit besagtem Richtungswechsel der Regierung in Sachen E-Mobilität zusammen hängen.
Auch meinen einige, dass das gezeigte Durchhaltvermögen der schwedischen Gewerkschaften weiterhin Unternehmen abschrecke, keinen Tarifvertrag anzubieten.
Doch in den Gewerkschaften aber auch den schwedischen Medien geht primär die Angst um, dass das Tesla-Beispiel, bei dem in den knapp drei Jahren umgerechnet sechs Millionen Euro aus der Streikkasse aufgewendet wurden, Schule macht. Und somit das „Schwedische Modell“, die Suche nach dem Konsens, im Ringen mit aggressiv agierenden Konzernen künftig den Kürzeren ziehen wird.
Schließlich wird das Land weitere Großprojekte anziehen. Denn die nordschwedische Küste bietet gewisse Vorzüge etwa für die energieintensiven KI-Rechenzentren. Der Strom Dank Wasserkraft recht billig, Wasser ist reichlich vorhanden, um die Server zu kühlen, die Temperaturen sind im Schnitt niedrig, auch dies wirkt sich günstig aus. Gleichzeitig werden in den USA Restriktionen eingeführt, was den weiteren Aufbau von KI-Datenzentren betrifft. Somit wird in andere Länder ausgewichen.
Von den (vermutlich recht überforderten) Kommunalpolitikern im schwedischen Sundsvall und Timrå wurde diese Woche beschlossen, ein Google KI-Rechenzentrum nahe der Küste zu genehmigen. Mit einem Stromverbrauch, welcher größer sein würde, als der der Metropole Stockholm.
Eingefädelt wurde der Deal jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit von der Energie- und Wirtschaftsministerin Ebba Busch, welche die Google-Führung 2025 traf, die auch den Bau von weiteren Atomkraftwerken vorantrieb, welche den Energiebedarf des Google-Zentrum decken würden. Sie gehört der kleinen Partei „Christdemokraten“ an und derzeit sieht es so aus, dass die bürgerlich-rechte Koalition von den Sozialdemokraten am 13. September abgelöst wird. Busch flirtet darum mit deren Parteichefin Magdalena Andersson und könnte so ihre Industrie-Lobby-Tätigkeiten mit in die kommende Regierung nehmen und fortsetzen. Die Landespolitiker wollen sich erst nach der Wahl zu diesem Thema äußern. Selbstbewußtsein signalisiert ein solches Verhalten nicht.
Ein voriger Interessent des Standorts bei Sundsvall war übrigens der chinesische Konzern PTL, der dort das für die Elektromobilität so wichtige Graphit synthetisch herstellen wollte, aber angeblich aufgrund von Entscheidungsverzögerungen wieder abgesprungen war.
Doch die schwedische Nordküste ist lang und kaum besiedelt, an Platz für groß angelegte Industrieprojekte fehlt es nicht.
Und somit auch nicht an weiteren Konfrontationen zwischen dem “Schwedischen Modell” und „Big Money”. Worüber hier noch berichtet wird.
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