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Schneller ins Gefühl · Jul 5, 2026

Wut auflösen (Teil 3)

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Henry Schneller · Schneller ins Gefühl

Es gibt Momente, in denen ein Mensch vollständig im Recht ist und trotzdem verliert. Nicht, weil er falsch liegt, sondern weil das System, dem er sich ausgesetzt sieht, keine Wahrheit kennt, sondern nur Verfahren. Thomas war so ein Mensch.

Er hatte zwei Kinder, vier und sieben Jahre alt. Nach der Trennung beanspruchte seine Frau das alleinige Sorgerecht. Um diesen Anspruch durchzusetzen, warf sie ihm vor, sie und die Kinder körperlich misshandelt zu haben. Eine Lüge, die er mit dem ganzen Nachdruck seiner Verzweiflung zu widerlegen versuchte. Vor Gericht. Vor der Richterin. Vor einer Anwältin, die ihm nicht glaubte.

Seine Version der Ereignisse wurde als unglaubwürdig eingestuft. Die Atmosphäre im Gerichtssaal war beklemmend, die Zeit lief gegen ihn, der emotionale Druck war kaum auszuhalten. In diesem Zustand innerer Überwältigung stimmte er einem Vergleich zu, den er für zutiefst ungerecht hielt und den er in der Sekunde bereute, in der er seinen Mund wieder schloss. Danach versank er. Die Wut, die er fühlte, war von einer Qualität, die er vorher nicht kannte: laut, kreisend, ohne Ausweg.

Wo Wut wirklich herkommt

Wut, wie wir sie aus solchen Situationen kennen, entsteht selten dort, wo sie sich zeigt. Sie ist fast immer ein nachträgliches Produkt, ein Signal, das zu spät kommt, weil ein früheres Signal nicht gehört werden konnte. Genauer gesagt: Eine Wutemotion baut sich dann auf, wenn es in einer Belastungs- oder Überforderungssituation nicht möglich war, das zugrunde liegende Gefühl zu spüren und zuzulassen.

Hier ist es wichtig, eine Unterscheidung zu treffen, die in der Alltagssprache kaum vorkommt, psychologisch aber von erheblicher Bedeutung ist: der Unterschied zwischen einem Gefühl und einer Emotion. Unter einem Gefühl verstehe ich in meiner klinischen Arbeit eine unmittelbare, körperlich verankerte innere Regung, die uns etwas über unsere Lage mitteilt, so etwas wie Schmerz, Trauer, Ohnmacht oder Scham. Eine Emotion hingegen ist die aktivierte, nach außen gerichtete Bewegung, die einsetzt, wenn das ursprüngliche Gefühl nicht gespürt werden konnte oder durfte. Emotion ist oft Schutz. Wut ist der Versuch des Organismus, handlungsfähig zu bleiben, wenn Ohnmacht und Hilflosigkeit das System zu überfluten drohen.

Im Fall von Thomas hatte der Körper in jenem Gerichtssaal sehr wohl gespürt, was geschah: Er war in einer Situation völliger Hilflosigkeit, wurde in seiner Version der Realität nicht gehört, verlor etwas von unersetzbarem Wert und hatte keine Möglichkeit, das zu verhindern. Darunter lag eine Trauer, eine Kränkung, eine tiefe Ohnmacht. Diese Gefühle aber konnten in diesem Moment nicht zugelassen werden, nicht in diesem Umfeld, nicht unter diesem Druck. Und so verwandelten sie sich, wie Wasser unter zu hohem Druck, in etwas anderes: in eine Emotion, die sich zyklisch entlud, manchmal nach außen in Form von Wut, manchmal nach innen in Form von Depression und Suizidgedanken.

Dieses Muster ist klinisch gut dokumentiert. In der Traumaforschung beschreiben Peter Levine (2010) und Bessel van der Kolk (2014) übereinstimmend, wie nicht abgeschlossene Abwehrreaktionen des Nervensystems im Körper gespeichert bleiben und sich in chronischen Aktivierungszuständen äußern, also in anhaltender Wut, Erschöpfung, Taubheit oder Zusammenbruch. Das Nervensystem hat keine Uhr. Es weiß nicht, dass die Gefahr vorbei ist. Es wiederholt, was einmal überlebenswichtig war.

Das Geheimnis hinter der Schutzwand

Und hier liegt das, was ich als den entscheidenden Schritt bezeichnen möchte, der in Selbsthilferatgebern erstaunlich selten vorkommt, weil er unspektakulär klingt und sich dennoch als das Schwierigste erweist, was ein Mensch in solcher Lage tun kann.

Die Auflösung einer Wutemotion ist nur in einem nachholenden Akt des Fühlens möglich.

Das bedeutet: Wir müssen nachträglich das spüren, was wir damals nicht spüren konnten. Nicht analysieren, nicht erklären, nicht rechtfertigen. Fühlen. Und zwar die Ohnmacht, die Hilflosigkeit, die Trauer, den Schmerz der Kränkung.

Das klingt nach dem einfachsten Ding der Welt. Es ist das Schwerste.

Denn zwischen uns und diesem Fühlen steht eine Schutzwand. Diese Schutzwand ist keine Schwäche, sie ist eine Leistung. Sie entstand zu einem früheren Zeitpunkt, vielleicht in der Kindheit, vielleicht in einem späteren Trauma, und hat seither gute Dienste geleistet: Sie hat uns davon abgehalten, von dem überwältigt zu werden, was wir damals nicht tragen konnten.

Die Überzeugung, die sich dabei herausgebildet hat, lautet sinngemäß: Wenn ich das zulasse, bricht es mich. Wenn ich das fühle, verliere ich die Kontrolle. Wenn ich aufgebe zu kämpfen, bin ich verloren.

Wirkliches Fühlen ist immer mit einem Aufgeben von Kontrolle verbunden. Genau darin liegt die Schwierigkeit. Und genau darin liegt, wenn es gelingt, die Befreiung.

Wie Veränderung entsteht

Es wäre zu einfach zu sagen, man müsse diese Schutzwand nur einreißen. Das Nervensystem lässt sich nicht überreden und nicht überrumpeln. Was tatsächlich hilft, ist etwas Unscheinbareres, aber Tieferes: neue Erfahrungen, die oft genug gemacht werden, um die alten Erwartungen zu relativieren.

Das Nervensystem ist plastisch. Es lernt durch Wiederholung. Wenn Aktivierung über lange Zeit mit Sicherheit verknüpft war, bleibt diese Aktivierung auch dann noch eine gewisse Zeit erhalten, wenn die äußere Gefahr längst vorbei ist. Die Auflösung geschieht deshalb weniger durch das Brechen einer Blockade als durch die behutsame Erfahrung, dass das gefürchtete Gefühl aushaltbar ist, dass es einen Anfang und ein Ende hat, dass der Körper danach zur Ruhe zurückfindet. Das Nervensystem darf die Aktivierung durchlaufen und dann in die Entspannung zurückkehren. Erst dadurch entsteht, was wir Regulation nennen (Levine, 2010; Porges, 2011).

Diesen Prozess schaffen wir allerdings nur selten allein. Nicht, weil wir zu schwach wären, sondern weil das Nervensystem auf Ko-Regulation ausgelegt ist, also auf die regulierende Wirkung eines anderen Menschen. Das ist keine therapeutische Erfindung, sondern evolutionäre Biologie. Schon das Neugeborene reguliert sich nicht selbst, sondern durch die Resonanz der Mutter. Diese Fähigkeit verlieren wir im Erwachsenenalter nicht. Wir verlernen sie manchmal, oder sie wird uns in frühen Jahren verweigert. Aber sie ist wieder aktivierbar.

Was ein solcher Prozess benötigt, ist deshalb dreierlei: einen Raum, der sicher ist; ein Gegenüber, das hält; und genug Zeit, um das zu erlauben, was sich so lange verweigert hat.

Was aus Thomas wurde

Thomas gelang es über Monate hinweg, zunächst seinen enormen inneren Widerstand zu erkennen. Nicht als Feind, sondern als verständliche Reaktion auf das Unerträgliche. Er lernte zu verstehen, wie sehr ihn diese Kränkung in einen Zustand von Hilflosigkeit und Ohnmacht versetzt hatte. Nicht nur das aktuelle Gerichtsurteil, sondern ältere Verletzungen, die darin widerhallten.

Sich das einzugestehen, war für ihn ein Akt von erheblichem Mut. Die darunter liegende Trauer zu betrauern, den schmerzhaften Verlust des alltäglichen Lebens mit seinen Kindern, die leeren Abende, die verpassten Momente – das eröffnete für ihn erst die Möglichkeit, aus der tiefen Depression aufzutauchen. Langsam, nicht linear, mit Rückfällen. Aber beständig.

Thomas nahm wieder Kontakt zu seinen Kindern auf. Behutsam, auf die Art, die ihm der Vergleich noch erlaubte. Die Wut verschwand nicht vollständig, sie veränderte ihren Charakter. Sie wurde weniger heiß, weniger kreisend. Sie wurde zu etwas, das er tragen konnte, ohne von ihr weggetragen zu werden.

EMDR: Ein Werkzeug für diesen Weg

Ein Verfahren, mit dem ich seit vielen Jahren arbeite und das solche Prozesse anstoßen und beschleunigen kann, ist EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Entwickelt wurde es ursprünglich Ende der 1980er Jahre von Francine Shapiro (1989) zur Behandlung schwer traumatisierter Kriegsveteranen in den USA. Heute zählt es zu den am besten wissenschaftlich belegten Verfahren in der Traumatherapie und ist von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Behandlungsmethode für posttraumatische Belastungsstörungen empfohlen.

Was EMDR in einem solchen Kontext leistet: Es ermöglicht dem Nervensystem, festgehaltene, unverarbeitete Erinnerungen und die daran gekoppelten körperlichen Aktivierungszustände nachzuverarbeiten, ohne sie erneut zu überwältigen. Es schafft, unter günstigen Bedingungen, genau jenen Zustand, in dem das Gefühl gespürt werden kann, das damals nicht gespürt werden durfte.

Es ist kein Wundermittel. Kein Verfahren ist das. Aber es ist ein Werkzeug, das ich in Situationen wie in der von Thomas immer wieder als wirksam erlebt habe, manchmal als entscheidenden Türöffner in einem Prozess, der ohne professionelle Begleitung kaum in Gang gekommen wäre.

Manchmal reicht es nicht, im Recht zu sein. Manchmal muss man zuerst das fühlen, was man nicht fühlen wollte, um überhaupt wieder in Bewegung kommen zu können. Thomas wollte kämpfen. Er lernte zu trauern. Das war, obwohl es sich anders anfühlte, der mutigste Schritt.

Dies war der letzte Teil meiner Trilogie über die Wut. Teil 1 findest du hier, Teil 2 findest du hier.

Literatur

Levine, P. A. (2010). In an unspoken voice: How the body releases trauma and restores goodness. North Atlantic Books. ISBN: 978-1556439438

Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. W. W. Norton & Company. ISBN: 978-0393707007

Shapiro, F. (1989). Efficacy of the eye movement desensitization procedure in the treatment of traumatic memories. Journal of Traumatic Stress, 2(2), 199–223. https://doi.org/10.1002/jts.2490020207

Schneller, H. (2026). Emotionen sind keine Gefühle: Eine traumatherapeutische und neurobiologische Perspektive auf unmittelbares Erleben und biografisch gebundene Affektmuster.
Zenondo-Verlag, (V2.0) 1-20; https://doi.org/10.5281/zenodo.20473804

van der Kolk, B. (2014). The body keeps the score: Brain, mind, and body in the healing of trauma. Viking. ISBN: 978-0670785933

Read the original on henryschneller.substack.com

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