Seit 1986 fand die Internationale Thüringen-Rundfahrt der Frauen jährlich statt, oft mit Etappen in Gera. Doch 2025 kam das plötzliche Aus. Die Förderung vom Freistaat Thüringen blieb aufgrund der Haushaltslage aus, woraufhin die Organisatoren das Rennen komplett einstellten. Die Rundfahrt war das einzige Frauen-Etappenradrennen und das zu dem Zeitpunkt älteste der Welt. Dann sprang Gera in die Lücke. Recht kurzfristig geplant und angekündigt, fand am 21. Juni die LOTTO Thüringen Women Cycling Challenge statt. Es war ein Eintagesrennen der höchsten Klasse der UCI, des internationalen Radsportdachverbands.
Auch wenn gleichzeitig die Tour de Suisse der Männer und Frauen stattfand, lockte das Event zahlreiche Teams und Starterinnen an. Für viele war es sicherlich eine Vorbereitung auf die Deutsche Straßenrad-Meisterschaft, die vom 26. bis 28. Juni in Thüringen stattfindet.
Das Starterinnenfeld war international zusammengesetzt. Zwar kamen die meisten Fahrerinnen aus Europa, darunter besonders viele aus Deutschland, den Benelux-Ländern und der Tschechischen Republik. Doch auch aus Neuseeland und Australien waren Sportlerinnen da. Insgesamt waren 14 verschiedene Nationen vertreten.
Alle 82 Starterinnen der 16 Teams wurden zu Beginn auf die Bühne geholt und vorgestellt. Unter ihnen war auch Lena Charlotte Reißner, die in Gera geboren wurde, beim SSV Gera 1990 e.V. trainierte und 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris antrat.
Der Start- und Zielbereich war auf der De-Smit-Straße eingerichtet. Auf dem Parkplatz vom ehemaligen Druckhaus, wo jetzt vor kurzem das Ordnungsamt eingezogen ist, gab es eine Eventfläche inklusive der Bühne für die Siegerehrung.
Mit einem Startschuss durch Oberbürgermeister Kurt Dannenberg erfolgte der Start. Im lockeren Tritt ging es los, über die Breitscheidstraße und den Stadtgraben zum Ferberturm hoch und von dort über die B92 runter Richtung Elster. Auf der Vogtlandstraße, Höhe der Star-Tankstelle, sollte der scharfe Start erfolgen. Doch anstelle des scharfen Starts wurde das Feld gestoppt. Aus dem Livestream war zu erfahren, dass es Probleme mit dem Rennfunk gibt. Später wurde auf der Bühne obendrein bekanntgegeben, dass eine Gewitterzelle über Zeulenroda aufzog und man diese erst vorbeiziehen lassen wollte.
Mit knapp einer halben Stunde Verzögerung ging es los. Für das Aufwärmen der Muskeln war die Pause nicht gut. So blieben die Attacken erstmal aus. Über Weida ging es in das ostthüringische Hinterland.
Am berühmten Hanka-Berg an der Ortseinfahrt von Dörtendorf gab es die erste Bergwertung. Die Szenen erinnerten ein wenig an die Tour de France, so wie die Menschen am Rand standen und die Fahrerinnen anfeuerten. Das Feld war hier bereits auseinandergegangen. Die erste Bergwertung ging an Corinna Lechner (Wheel Divas Cycling Team), die sich auch die Bergwertung insgesamt sicherte.
Während in Zeulenroda Nässe das Fahren erschwerte, war das Wetter insgesamt schwül und stellenweise heiß und sonnig. Einige Fahrerinnen gaben vorzeitig auf.
Durch einen Zwangsstopp an einem Bahnübergang wurde das Feld zusammengestaucht. Über Weißig und Dürrenebersdorf zog das Feld als ein Pulk wieder nach Gera ein.
Auf der De-Smit-Straße befand sich die erste Sprintwertung, die im ersten Durchgang an Lokalmatadorin Lena Charlotte Reißner ging.
Nachdem Start und Ziel passiert worden waren, standen noch vier Runden durch Gera an. Über Breitscheidstraße, Stadtgraben und Turmstraße ging es rauf bis zum Ferberturm. Von dort ging es über die Naulitzer Straße, die Süd-Ost-Umfahrung der B92 und den Elsterdamm zurück ins Ziel. Dreimal bildeten dabei der Aufstieg zum Ferberturm die Berg- und der lange Sprint auf der De-Smit-Straße die Sprintwertung. Am Berg punkteten Malou Eisen, Maud Rijnbeek und Corinna Lechner. Maud Rijnbeek gewann zudem die zweite Sprintwertung, während sich die spätere Siegerin Marit Raaijmakers die dritte Sprintwertung schnappte.
Bei den Runden durch Gera riss der Peleton auseinander. Es gab einen Ausrissversuch von der Niederländerin Maud Rijnbeek (VolkerWessels Cycling Team), die jedoch wieder eingeholt wurde.
Oben am Ferberturm hatte der Ortsteil Ostviertel, Südhang und Leumnitz zusammen mit lokalen Vereinen eine Eventfläche organisiert. Entlang des Aufstiegs zu Geras höchsten Punkt standen viele Menschen und feuerten die Sportlerinnen an.
Vier Fahrerinnen hatten sich an die Spitze abgesetzt und duellierten sich bis ins Ziel um den Sieg. Der ging an die Niederländerin Marit Raaijmakers (Human Powered Health). Zweite wurde ihre spanische Teamkollegin Iurani Blanco Calbet, die knapp vor der Niederländerin Malou Eisen (VolkerWessels Cycling Team) und der Tschechin Kristýna Zemanová (VIF Cycling Team) über den Zielstrich rollte.
Beste Deutsche wurde Lisa Klein (REMBE | rad-net Women), die als Fünfte ankam und lange Zeit führte. Lena Charlotte Reißner kam auf Platz 31 an. Von den insgesamt 88 Starterinnen erreichten 69 das Ziel. Man ließ den Sportlerinnen etwas Zeit zum Ankommen, Herunterfahren und Trinken, bevor man mit der Siegerehrung startete.
Zuerst bekam die Slowakin Sofia Ungerova als beste Nachwuchsfahrerin, also die zeitschnellste Fahrerin unter 25 Jahren, das grüne Trikot verliehen. Die 20-Jährige fährt für das polnische Team MAT Atom Deweloper Wrocław und kam als Achte ins Ziel. Als Preisgeld erhielt sie 100 Euro.
Die Thüringer Polizeisportlerin Corinna Lechner (Wheel Divas Cycling Team) bekam das rot-gepunktete Trikot (und 200 Euro Geldpreis) für den Sieg bei der Bergwertung. Von zwölf möglichen Bergpunkten sammelte sie acht. Im Gesamtklassement wurde sie 24.
Die Polin Urszula Sipko (MAT Atom Deweloper Wrocław) gewann die Sprintwertung und bekam das orange Trikot sowie 150 Euro. Sie gewann zwei keine Sprintwertung an sich, holte insgesamt aber die meisten Punkte. Im Ziel kam sie auf Platz 35 an.
Die Teamwertung sowie damit einhergehende 200 Euro Preisgeld ging an die US-amerikanische Mannschaft (Human Powered Health). Bei denen fuhr nicht nur die Rennsiegerin Raaijmakers mit, sondern auch die amtierende österreichische Straßenmeisterin Kathrin Schweinberger.
Human Powered Health hatte auf dem Podium gleich zwei Fahrerinnen stehen: die Siegerin Marit Raaijmakers und die Zweitplatzierte Iurani Blanco Calbet. Malou Eisen vom VolkerWessels Cycling Team komplettierte das Podium. Raaijmakers erhielt für ihren Sieg ein Preisgeld von 1025, ihre Teamkollegin 790 Euro und Eisen 555 Euro.
Zum Schluss bekamen OB Dannenberg und die Stadt Gera die Tafel mit den Unterschriften der Starterinnen überreicht. Auf der Bühne wurde angekündigt, dass es keine einmalige Sache war. Tatsächlich soll das Rennen größer werden. Wie der MDR berichtet, sind für 2027 drei Tage und ab 2028 sechs Tage für die Ausrichtung geplant.
Gera zeigt mit der Austragung nicht nur, dass es immer noch eine Radsportstadt ist, sondern macht damit auf sich aufmerksam für eine Teilhabe am größten Radsportevent: der Tour de France. 2029, 40 Jahre nach der Wiedervereinigung, soll es einen Grand Départ Allemagne geben. Diese Initiative hat das Ziel, den Start der Tour, der nicht immer in Frankreich ist, in Ostdeutschland stattfinden zu lassen. Dabei möchte man symbolträchtige Orte der deutschen Einheit und Regionen mit Radsporttradition passieren. Auch Gera ist in der Initiative beteiligt. Als Stadt, in der 1989/90 demonstriert wurde und mit einer umfangreichen Radsporthistorie, von Friedensfahrt und Olaf Ludwig bis Hanka Kupfernagel und Lena Charlotte Reißner, stehen die Chancen gut. Ob die Initiative Erfolg hat und wo der Grand Départ letztendlich langführt, soll nach der diesjährigen Tour bekannt gegeben werden.
LOTTO Thüringen Ladies Tour 2024: Italienischer Dreifachsieg bei Hitze-Etappe in Gera
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July 1, 2024
Einen Tag nach dem Start der 36. Internationalen LOTTO Thüringen Ladies Tour am 25. Juni in Jena fand die zweite Etappe in Gera statt. Mit Start/Ziel am Hofwiesenparkplatz ging es Richtung Süden nach Zeulenroda-Triebes und über Ronneburg zurück. Für die Zuschauenden bot sich am Hofwiesenparkplatz ein vielfältiges Programm rund um Fitness und Radsport.

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