„Was für ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung wie bedeutend und bewundernswürdig! Im Handeln wie einem Engel ähnlich! Im Begreifen wie einem Gott ähnlich! Die Zierde der Welt! Das Vorbild der Lebendigen!“ - Hamlet, William Shakespeare
Shakespeare’s Hamlet gilt als das größte Theaterstück der englischen Literatur, wenn nicht sogar der gesamten westlichen Literatur der Neuzeit. Bis heute, mehr als 400 Jahre nach seiner Erstaufführung, hat es nicht an Relevanz verloren, ganz im Gegenteil. Es lässt sich als eines der ersten Werke der Neuzeit verstehen, insbesondere eines mit einem Charakter, der wie kein anderer die Psyche unserer modernen Zeit widerspiegelt.
Im Zentrum der Handlung steht Hamlet, Sohn des kürzlich verstorbenen Königs von Dänemark, der in Wittenberg studiert. Nach dem Tod des Königs wurde dessen Bruder, Hamlets Onkel, Claudius zum neuen König. Nur wenige Monate nach seinem Tod nimmt dieser die Witwe des Königs, Gertrude, zur Frau. Hamlet ist von dieser Entwicklung wenig begeistert und bemängelt vor allem, dass so kurz nach dem Tod seines Vaters, außer ihm, niemand mehr zu trauern scheint. Die Handlung beginnt mit einer Geistererscheinung, die die Freunde Hamlets u.a. Horatio sehen und als Hamlets Vater identifizieren. „Etwas ist faul im Staate Dänemark.“, fasst Freund Marcellus die Gesamtsituation passend zusammen. Sie machen Hamlet auf die Erscheinung aufmerksam und in der nächsten Nacht wohnt er ihnen bei und sieht die Geistererscheinung ebenso. Mit ihm beginnt sie zu sprechen und offenbart sich als der Geist Hamlets Vater. Außerdem offenbart er, dass der neue König Claudius, sein Bruder, ihn ermordet hat und verlangt von Hamlet ihn zu rächen. Hamlet ist von da an mit Unentschlossenheit geplagt, ob er den Forderungen des Geistes nachkommen soll, oder ob er die Geistererscheinung als eine Täuschung abtun kann. Er beschließt, sich verrückt zu stellen, damit Claudius keinen Verdacht schöpft, während er die Beschuldigungen der Geistererscheinung auf seine Wahrheit überprüft.
Schon bald ist man am Hofe besorgt um den verrückt erscheinenden Hammlet. Enger Vertrauter der Königs Polonius glaubt es liegt daran, dass seine Tochter Ophelia seine Liebe nicht erwidert, nachdem er und sein Sohn Laertes sie eindringlich vor dem Umgang mit Hamlet gewarnt haben. Als Hamlet Schauspielern auf der Durchreise begegnet, fasst er den Plan, ein Theaterstück aufführen zu lassen, das den Anschuldigungen an Claudius wie die Faust aufs Auge gleicht. An Claudius’ Reaktion möchte er erkennen ob er in der Tat seinen Vater ermordet hat („Das Stück ist’s, womit ich das Gewissen des Königs fangen werde.“). Der Plan geht auf. Claudius bricht die Veranstaltung ab. Gertrude konfrontiert Hamlet, während Polonius hinter dem Vorhang lauscht. Hamlet hält ihn für Claudius und ersticht ihn versehentlich. Ophelia, die ihren Geliebten an den Wahnsinn verloren glaubt und nun auch ihren Vater verloren hat, verfällt selbst in den Wahnsinn und begeht, wie man später erfährt, allem Anschein nach Suizid durch Ertrinken. Claudius entsendet Hamlet mit einem Auftrag nach England, mit dem Plan, ihn dort umbringen zu lassen.
Als Hamlet dem Mordkomplott entgeht und lebendig von England zurückkehrt, beschließt Claudius Laertes davon zu überzeugen, sich an Hamlet für den Tod seines Vaters Polonius Rache zu üben. Sie planen ein manipuliertes Duell mit vergifteter Waffe und zusätzlich vergiftetem Wein.
Der Plan geht nach hinten los, als Gertrude versehentlich von dem vergifteten Wein trinkt, Hamlet und Laertes werden beide mit der vergifteten Klinge tödlich verwundet und Claudius wird von Hamlet getötet, bevor dieser selbst stirbt. In seinen letzten Worten bittet Hamlet Horatio seine Geschichte zu erzählen und gibt sein Einverständnis, dass der aus Polen einwandernde König von Norwegen, Fortinbras, in Zukunft die Geschicke seines Landes führen wird.
Man sagt Shakespeares Tragödien nach, dass am Ende immer alle tot sind. Das trifft auf Hamlet definitiv zu. Lediglich Horatio bleibt am Leben, um die Geschichte zu erzählen. Für manche mag dies abstoßend wirken. Wer es aber ertragen kann, wird aus diesem Werk viel mitnehmen können. Selbst in solchen Tragödien schwingt bei den Werken Shakespeares immer eine unverkennbare Schönheit mit. Das liegt nicht nur an der nahezu perfekt geschriebenen Prosa. Einerseits ist es so, dass Shakespeare sich in vielen seiner verwendeten Sätze nahe an der Bibel orientiert. So findet sich der im Eingangszitat zitierte Text in seinem Inhalt auch in Psalm 8.
5 Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Sohn, dass du dich um ihn kümmerst? 6 Denn du hast ihn wenig geringer gemacht als Engel, mit Herrlichkeit und Pracht krönst du ihn. - Psalm 8, 5-6
Auf der anderen Seite geht Shakespeare in seinen Werken immer von einer moralischen Ordnung aus. Das Verstoßen gegen diese Ordnung hat tragische Konsequenzen. Diese moralische Ordnung basiert eindeutig auf den in der Bibel präsentierten Wertvorstellungen. Shakespeares Werke werden nicht als christlich angesehen, da selten auf das Christentum explizit Bezug genommen wird. Sie sind aber derart von christlichen Moralvorstellungen durchsetzt, dass sie definitiv christlich genannt werden können.
Doch was beschreibt Hamlet genau? Wie lässt sich dieses Werk deuten?
Hamlet ist der Archetyp des modernen Menschen, das Resultat der alles hinterfragenden Neuzeit. Es ist kein Zufall, dass im Stück Hamlet in Wittenberg, dem Geburtsort der Reformation, studiert. Luthers Reformation und die daraus resultierende Spaltung der Kirche in katholisch und protestantisch führte dazu, dass die Institution, die bis dahin ein Monopol auf die Wahrheit hatte, infrage gestellt wurde. Ein Unterschied im Glauben zwischen Protestanten und Katholiken, der damals sehr stark ausgeprägt war, war der Glaube an das Fegefeuer und damit auch der Glaube an die Existenz von Geistern. Protestanten lehnten dies ab, weshalb Hamlet auch zunächst ob der Realität der Geistererscheinung seines Vaters ins Zweifeln gerät. Dieser Zweifel führt Hamlet in seiner Verrücktheit, von der man nie weiß, in welchem Maße sie nur gespielt und in welchem sie echt ist, dazu viele der Aussagen zu treffen, die wir heute vor allem aus postmodernen Weltanschauungen kennen.
So antwortet er spöttisch auf die Frage Polonius’ was er gerade lese
„Worte, Worte, Worte.“
Damit untergräbt er die Bedeutung von Sprache und dessen Fähigkeit, wahre Sachverhalte zu beschreiben. Auch in postmodernen Theorien wird die Sprache meist nur als ein Vehikel zur Machtausübung verstanden.
Deutlicher wird dieses Appellieren an postmoderne Weltanschauungen in einem Zitat an Rosencrantz, in welchem er Dänemark als Gefängnis erachtet, was Rosencrantz nicht bestätigt
„Denn an sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu.“
Hier leugnet Hamlet eindeutig die moralische Ordnung der Welt. Gut und Böse existieren nicht außerhalb des menschlichen Denkens und sind somit auch subjektiv, was für den einen Gut ist, mag dem anderen Böse erscheinen. Das steht in enger Übereinstimmung mit postmodernen Theorien, die Gut und Böse als relativ betrachten und ihnen keine Realität jenseits der subjektiven menschlichen Wahrnehmung zuordnen.
Es ist interessant, dass diese Weltanschauungen erst sehr viel später entstanden, ihre Grundzüge in diesen Worten Hamlets, aber bereits enthalten sind. Damit sieht Shakespeare in diesem Werk bereits die Konsequenzen dieser neuen Neuzeit vorher. Ideen arbeiten sich bis zu ihrem Endzustand aus, wer also die Konsequenzen einer neuen Idee absehen kann, ist häufig, wie Shakespeare, in der Lage, Teile der Zukunft sehr genau vorherzusehen. Doch hört Hamlets Hinterfragen hier nicht auf. Auf seinem Höhepunkt resümiert er über das Leben und kommt zu einem Schluss, der in meinen Augen aufzeigt, dass diese postmodernen Ansichten sich letztlich in Widersprüchen verlieren. Er sinniert über die Existenz und fragt sich, warum es ob der vielen Widrigkeiten im Leben nicht Sinn macht, sich diesem zu entschlafen (sich das Leben nehmen). In diesem Kontext erscheint das prägende Zitat
“Sein oder Nichtsein. Das ist hier die Frage.”
Hamlet fragt sich, ob er in diesem letzten Schlaf träumen würde, d.h. ob es ein Leben nach dem Tod gibt und ob das der Grund ist, warum man die Schwierigkeiten des Lebens erträgt, statt sich ihnen zu entziehen. Er kommt zu dem Schluss
“So macht Gewissen Feige aus uns allen.”
bzw. wörtlich übersetzt “So macht das Gewissen Feiglinge aus uns allen.” Stimmt das? Handeln wir feige, weil wir die Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod in Betracht ziehen? Oder ist es eine Ehrfurcht vor dem Leben und den Konsequenzen unserer Entscheidungen, sogar über dieses Leben hinaus, das uns innehalten lässt. Zeigt nicht vielmehr die Tatsache, dass wir die Schwierigkeiten des Lebens ertragen, dass wir instinktiv wissen, dass wir keine rein materiellen Geschöpfe sind und dass unser Leben eine Bedeutung hat?
Was in all diesen Deutungen immer berücksichtigt werden muss, ist, dass Hamlet die ganze Zeit über seine Verrücktheit nur spielt. Er weiß also, dass die Gedanken, die er äußert, wenn er die Bedeutung von Worten infrage stellt oder Gut und Böse relativiert, dass, was er sagt, nicht zutrifft. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass der Mensch der Neuzeit unterbewusst zu wissen scheint, dass diese Ideen nicht wahr sind, ihnen aber dennoch anhängt. Hamlet tut dies, um sich, ohne aufzufallen, seiner weiteren Schritte klar zu werden. Warum tun wir es? Sind wir auch noch dabei in dieser neuen Situation, in der es keinen vom Staat definierten Standard für das, was wahr ist, gibt, Klarheit für unser weiteres Vorgehen zu finden?
Dass diese Unentschlossenheit tragische Konsequenzen hat, wird nicht nur am tragischen Ende des Stücks deutlich. Bereits zuvor, treibt Hamlet die unschuldige Ophelia, durch seinen gespielten Wahn, sowie seinen versehentlichen Mord an ihrem Vater, in den Wahnsinn und letztlich Suizid. Es zeigt, dass unsere Taten nicht nur Konsequenzen für uns haben, sondern, ohne dass wir es wollen, auch für unschuldige Dritte. Umso wichtiger ist es, dass wir in einer solchen Situation zu Klarheit kommen, statt mit wohlklingenden, aber unsinnigen Ideen zu liebäugeln.
Es ist eindeutig, dass Shakespeare auf die Reformation als Auslöser für diese Irrungen verweist. Das ist gut begründet, schließlich treten diese Fragestellungen erst nach der Reformation auf. Ist die Reformation damit etwas Schlechtes gewesen? Nein, und ich denke auch nicht, dass Shakespeare dieser Auffassung war. In meinen Augen war die Reformation notwendig, hatte wie alles jedoch auch tragische Konsequenzen. Das was durch die Reformation aufgehoben wurde, war der Standard auf Wahrheit der durch die katholische Kirche gegeben wurde und ohne den, es zu den Zweifeln kam, die uns bis heute verfolgen. Das Problem war nicht, dass dieser Standard aufgehoben wurde, sondern, dass er an einer Stelle existierte, an die er nicht gehörte. Der Standard für was wahr ist, findet sich nicht in den Doktrinen einer Kirche, so gut und richtig sie sein mögen, sondern in Jesus Christus. Mit der Reformation und den fünf Solas Luthers wurde dies wieder zum Fundament der Wahrheit gemacht, wobei jetzt jeder dieses Fundament für sich selbst entdecken musste und es nicht mehr von oben vorgegeben bekam. Neben dem negativen Effekt des Hinterfragens, den das Stück aufzeigt, hat es auch viele positive Effekte vorzuweisen. Die moderne Wissenschaft und der technische Fortschritt dürften eines von vielen Beispielen dafür sein.
Was uns davor bewahrt dasselbe Schicksal zu erleiden wie Hamlet, ist daher nicht eine Rückkehr zu einem Vertrauen in eine Institution, die festlegt was Wahrheit ist, sondern in ein Vertrauen auf Jesus Christus, der die Wahrheit ist und sich uns in seinem Wort offenbart hat.
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