„Gott segne uns alle!“ - Charles Dickens, Eine Weihnachtsgeschichte
Eine Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens gilt als die einflussreichste und bekannteste Weihnachtsgeschichte. Eine passendere Übersetzung des Originaltitels A Christmas Carol, wäre Ein Weihnachtslied. So gliedert sich das Werk in fünf Kapitel, die als Strophen, wie bei einem Lied, bezeichnet werden. In wunderbarer unterhaltsamer Weise beschreibt Dickens die Wandlung eines herzlosen Geschäftsmannes, der Weihnachten verachtet, zu einem fröhlichen Philanthropen, der Weihnachten tief in seinem Herzen hält. Parallelen zum Evangelium sind dabei unverkennbar.
Charles Dickens ist ein Meister der Prosa. Es gelingt ihm, in diesem Werk vor allem das glückliche Chaos des Familienlebens darzustellen. Was mich an den Werken von Charles Dickens besonders fasziniert, ist seine Art, seinen Charakteren Leben einzuhauchen. Oft reichen ihm bereits wenige Worte, um ein lebhaftes Bild seiner Charaktere vor dem inneren Auge des Lesers zu erzeugen. Das Buch ist nicht besonders lang. Ich habe es auf meinem Flug in die Flitterwochen begeistert gelesen und konnte, obwohl ich ein langsamer Leser bin, sogar noch ein weiteres Buch beginnen.
Ebenezer Scrooge ist wohlhabender Geschäftsmann und extrem geizig. Er lehnt die Einladung seines Neffen Fred zum Weihnachtsessen ab und gewährt seinem Angestellten Bob Cratchit nur widerwillig Urlaub am Weihnachtstag. Spendensammler weist er grob ab mit der Bemerkung, dass es dafür ja bereits soziale Institutionen gibt. In der Nacht auf Weihnachten erscheint ihm der Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Jacob Marley. Dieser warnt ihn vor den Konsequenzen seines nur auf Profit ausgerichteten Lebens. Er selbst trägt schwere Ketten, die aus Geldkassetten und Geschäftsbüchern bestehen. Drei Geister sollen Scrooge erscheinen, so Marley, um ihn zur Besserung seines Verhaltens zu bewegen. Zunächst weist er diese Erscheinung mit dem Kommentar “Pah, Humbug” ab. Aus Furcht beginnt er ihr jedoch zu glauben.
Der erste Geist identifiziert sich als der Geist der vergangenen Weihnachten. Er führt Scrooge in seine Vergangenheit. Scrooge durchlebt erneut, wie er als einsamer Junge im Internat die Feiertage allein verbrachte. Er wird erinnert an die Weihnachtsfeste während seiner Lehre bei Mr. Fezziwig und sieht, wie wenig es gebraucht hatte, andere glücklich zu machen. Scrooge erlebt auch schmerzhaft nach, wie es zum Bruch mit seiner Verlobten Belle kam. Sie realisierte, dass er begonnen hatte, das Geld mehr zu lieben als sie und verließ ihn.
Scrooge fühlt Reue.
Der zweite Geist möchte Scrooge das gegenwärtige Weihnachten zeigen. Er besucht die Familie seines Angestellten Cratchit. Sie führen ein Leben in Armut und trotzdem ist ihr Heim von Wärme und Zuversicht erfüllt. Bewegt ist Scrooge vor allem vom kränklichen Tiny Tim, der fröhlich und gütig ist und von dem das Eingangszitat stammt. Wenn sich nichts ändert, deutet der Geist an, könnte Tiny Tim sterben. Der Geist bezieht dieses Schicksal auf einen Kommentar, den Scrooge zu Anfang machte, dass dann immerhin die Überbevölkerung reduziert würde. Im Weiteren sieht er auch Fred fröhlich Weihnachten feiern. Er erkennt, dass er trotz all seines Reichtums einsam ist.
Am Ende zeigt ihm der Geist zwei ausgemergelte Kinder mit Namen “Ignoranz” und “Not”. Er betont, dass diese den Menschen gehören und sie nach ihnen sehen müssen. Scrooge müsse vor allem nach “Ignoranz” schauen, so der Geist.
Der dritte und letzte Geist zeigt Scrooge seine Zukunft und verbleibt die ganze Zeit über schweigend. Er sieht, wie viele über den Tod eines reichen Geschäftsmannes sprechen. Er ist erstaunt über ihre Gleichgültigkeit, die sogar vor Spott nicht Halt macht. Scrooge erkennt, dass es sich bei dem Verstorbenen um ihn selbst handelt. Auch Tiny Tim ist in dieser Version der Zukunft gestorben.
Erfüllt von Reue schwört Scrooge sein Leben zu ändern und bittet um eine zweite Chance.
Am Weihnachtsmorgen wacht Scrooge auf und erkennt, dass er die Zukunft noch ändern kann. Auf einmal ist er nicht mehr griesgrämig, sondern überglücklich und erweist sich als großzügig.
Der Familie Cratchit kauft er einen großen Truthahn und erhöht seinem Angestellten das Gehalt. Er beschließt, seine Familie zu unterstützen und wird wie ein zweiter Vater für Tiny Tim. Mit seinem Neffen Fred söhnt er sich aus und nimmt die Einladung zum Weihnachtsessen an.
Scrooge entscheidet sich sein Leben langfristig zu ändern und sagt
„Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren und das ganze Jahr hindurch bewahren.“
Von da an ist er bekannt als ein gütiger und hilfsbereiter Mensch, der Weihnachten verinnerlicht hat. Tiny Tim überlebt.
Nicht nur die Geschichte des Werks hat maßgeblichen Einfluss auf die Art und Weise, wie wir Weihnachten feiern bzw. es uns vorstellen. Vor allem das Bild einer weißen Weihnacht stammt aus diesem Werk. Zwar sind in England, wie bei uns, weiße Weihnachten eher selten, jedoch erlebte Charles Dickens in seiner Kindheit eines der kältesten Jahrzehnte in England und war von diesen Erfahrungen eines kalten und verschneiten Weihnachten beeinflusst.
Die Person des Ebenezer Scrooge wird in vielen weiteren Werken aufgegriffen. So kann man die Konstellation des reichen, geizigen Onkels und des armen aber fröhlichen Neffen auch in Donald Duck vorfinden. Dass diese Analogie kein Zufall ist, wird deutlich wenn man bedenkt, dass Dagobert Duck im englischen Sprachraum als Uncle Scrooge oder Scrooge McDuck bekannt ist.
Bereits nach seiner Veröffentlichung wurde das Werk als ein fünftes Evangelium bezeichnet. An vielen Stellen der Geschichte finden sich Parallelen zum Evangelium. Die Geschichte beschreibt die Wandlung eines selbstzentrierten, profitsüchtigen Mannes zu einem großzügigen Mann. In dieser Wandlung sind Bereuen des alten Lebens und Umkehr zu einem neuen Leben enthalten. Darüber hinaus wird an vielen Stellen aufgezeigt, wie das Sammeln von Reichtümern in der Welt uns zu Gefangenen dieser macht. So erscheint der Geist Jacob Marley gekettet an Geldkassetten und Geschäftsbüchern. Diese hatten sein Leben einst dominiert. Das erinnert an die Jesusworte
Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr etwas auf der Erde bindet, wird es im Himmel gebunden sein, und wenn ihr etwas auf der Erde löst, wird es im Himmel gelöst sein. - Matthäus 18,18
Als Christ ist man es gewohnt, Geistergeschichten kritisch zu sehen, da das Auftreten von Geistern und die Kommunikation mit diesen als etwas Okkultes verstanden wird. Warum wird es in diesem Falle nicht kritisch gesehen?
Der Grund ist, dass in einem solchen Werk das Auftreten von Geistern nicht dazu dient, Okkultismus zu bewerben. Stattdessen soll es eine Art Metapher für das Übernatürliche darstellen. So bezweifelt der materialistisch geprägte Scrooge die Existenz von Geistern, während der Geist Jacob Marleys ihm gegenübersitzt und führt die Erscheinung auf Halluzinationen zurück. Das gleicht einem Atheisten, der selbst bei den scheinbar offensichtlichsten Hinweisen auf das Übernatürliche an seinem Unglauben festhält. Scrooge ist schließlich gezwungen, der Geistererscheinung zu glauben, als dieser einen Schrei von sich gibt und seine Ketten laut hörbar erschüttern lässt. Aus Furcht beginnt er zu glauben. Es ist eine Ehrfurcht vor dieser möglichen Welt jenseits des Natürlichen. Die Bibel sagt, dass die Ehrfurcht vor Gott zu Weisheit führt. Es ist, wenn wir die Möglichkeit der Existenz Gottes ernst nehmen, dass wir in Ehrfurcht handeln, die uns zu weisen Entscheidungen führt. Die Geister führen Scrooge durch ein Konfrontieren der eigenen Vergangenheit und zeigen ihm, wohin ihn seine Entscheidungen führen werden. Dabei sieht er auch immer den Kontrast zur Güte anderer Menschen, denen es weitaus schlechter als ihm ergeht, die sich jedoch großzügiger und warmherziger zeigen. Als seine Verlobte und große Liebe Belle die Verlobung auflöst, spricht sie von einem goldenen Objekt, das sie im Herzen Scrooges ersetzt hat. Die Rede ist eindeutig von seiner Liebe zum Geld. Auch hier finden sich Parallelen. Einerseits erklärt die Bibel, dass die Liebe zum Geld die Wurzel alles Bösen ist. Auf der anderen Seite sagt Jesus ganz klar, dass man nicht dem Mammon (Geld) und Gott gleichzeitig dienen kann. Als Belle im Anschluss erwähnt, dass Scrooge die Welt zu sehr fürchtet, verdeutlicht sich diese Analogie: Scrooge hat sein Herz zu sehr an irdischen Dingen festgemacht und ist nicht mehr in der Lage sich dem hinzugeben, was eigentlich zählt.
Diese Erfahrungen führen Scrooge letztlich zur Buße, gemäß dem Bibelwort aus Römer 2,4, dass Gottes Güte zur Buße leitet. Gottes Güte, die in den Menschen, die Scrooge beobachtet, zum Ausdruck kommt, führt ihn dazu, von seinen Wegen umzukehren.
Nach seiner Wandlung zeigt sich Scrooge als überaus glücklich und kann gar nicht genau sagen, woher dieses Glück kommt bzw. womit er es verdient. Dies beschreibt treffend den Zustand, in den man, als eine neue Schöpfung, nach der neuen Geburt übergeht: ein Zustand von übermäßiger Freude, die nicht auf natürliche Weise zu erklären ist. Außerdem erklärt er, dass die Erfahrungen der letzten Nacht alle wirklich passiert sind. Er hält die Geistererscheinungen nicht mehr für Halluzinationen, sondern glaubt an ihre Existenz. Um der Metapher zu folgen: Er hat begonnen zu glauben, dass es eine Welt jenseits des Materiellen gibt und kann diese jetzt in der Materie sehen, ohne auf Geistererscheinungen angewiesen zu sein. Diese hat er, wie Dickens schildert, fortan nicht mehr und dennoch bleibt er seinen Erfahrungen treu.
Interessant ist auch, wie in der Geschichte Scrooges Haltung zu Wohltätigkeit dargestellt wird. Auf die Frage, ob er etwas spenden möchte, bezieht er sich auf viele (vor allem staatliche) Einrichtungen, die damit beauftragt sind Notleidenden Abhilfe zu schaffen und ihn seiner sozialen Verantwortung entledigen. Gerade in Nationen, die einen ausgeprägten Sozialstaat mit vielen Programmen für Notleidende haben, kommt man schnell in Versuchung, sich nicht mehr in der Verantwortung für diejenigen, denen es schlechter geht, zu sehen. Nächstenliebe wird ausgelagert. Sogar in Gesellschaften mit weitaus weniger sozialen Programmen für die Armen, wie das viktorianische England, das Dickens beschreibt, kann man zu dieser Überzeugung kommen.
Das Konzept der Überbevölkerung wird in dem Werk ebenfalls aufgegriffen. Thomas Robert Malthus popularisierte die Ansicht, dass mit der exponentiell steigenden Bevölkerung die Nahrungsversorgung nicht in der gleichen Geschwindigkeit wachsen würde, was zur Malthusischen Katastrophe von Hunger, Krankheit und Krieg führen würde. Nicht nur hat sich diese These nicht bewahrheitet, sondern das Gegenteil ist eingetroffen. So lebten um 1800 nahezu alle knapp eine Milliarde Menschen der Welt in extremer Armut, während es heute nur 10% der acht Milliarden Menschen sind. Dickens geht darauf gar nicht ein, sondern zeigt, wie herzlos die Schlussfolgerungen einer solchen Ideologie sein können, wenn man sie in der Realität betrachtet. Zunächst bemerkt Scrooge es im Abstrakten als etwas Positives, wenn die Überbevölkerung reduziert wird. Als er das drohende Schicksal von Tiny Tim beobachtet, konfrontiert ihn der Geist seiner Aussage. Scrooge erkennt, wie herzlos und grausam seine Aussage bezogen auf das reale Schicksal der betroffenen Menschen ist. Diese Veranschaulichung ist vor allem in dem Kontext interessant, dass sich diese Theorie als falsch herausgestellt hat. Noch bevor die Theorie faktisch widerlegt wurde, war sie bereits moralisch widerlegt. Es ist eine der Eigenschaften, die Kunst so wichtig macht, dass sie die moralischen Konsequenzen einer Ideologie vorhersehen kann. Da eine faktische Überprüfung einer Ideologie immer einer Umsetzung bedarf, sind Fakten erst nach der Umsetzung der Ideologie vorhanden. Potentielle katastrophale Konsequenzen sind dann bereits realisiert. Als Mittel um solche Konsequenzen abzuwenden und dennoch neue Ideen zu diskutieren, kommt der literarischen Kunst hier eine große Bedeutung zu. Dabei muss es gelingen, die Konsequenzen einer Ideologie unvoreingenommen darzustellen, um eine Wiedergabe der Realität, auf die die Kunst abzielt, zu erreichen, statt propagandistisch zu werden.
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