Über bestimmte Aspekte von Vergänglichkeit wie z.B. die Unvermeidbarkeit und Unvorhersehbarkeit des Todes, das absehbare Ende der Kindheit meiner Kinder oder die erschreckend kurze verbleibende Zeit mit meinen Eltern, denke ich schon seit einigen Jahren immer wieder intensiv nach.
Eine Dimension von Vergänglichkeit, die erst jetzt so langsam in mein Bewusstsein vordringt, ist die Begrenztheit meiner Möglichkeiten zur Arbeit an mir selbst.
"Angenommen, man braucht 10.000 Stunden, um in etwas Experte zu werden, dann entspricht das ungefähr 2 Stunden pro Tag über einen Zeitraum von 15 Jahren. Wenn man davon ausgeht, dass man 90 Jahre alt wird, bedeutet das, dass man im Laufe seines Lebens genug Zeit hat, um in 4 bis 8 Bereichen Experte zu werden."
— Mark Manson
Vier bis acht Tätigkeitsfelder, in denen man so richtig gut werden kann — das klingt nach sehr viel weniger, als man bei 90 Jahren Lebenszeit meinen möchte.
Dazu kommt erschwerend noch ein weiteres Problem:
Neben der Verbesserung in einem Bereich, in dem man bereits gut ist, könnte man entweder etwas komplett Neues in Angriff nehmen oder an irgendeiner Schwäche arbeiten, die man festgestellt hat.
Man kann jede Minute Lebenszeit, jedes bisschen Energie und jeden Euro nur einmal investieren. Daher kommt man nicht umhin, zu entscheiden, ob man seine Ressourcen in das Abmildern von Schwächen bzw. Defiziten, das anfängliche Erlernen von Neuem oder das Streben nach Exzellenz investiert.
Ich vermute: Keine dieser Entwicklungsrichtungen wird allein auf Dauer glücklich machen — es braucht eine Balance zwischen den Polen.
Die übermäßige Fokussierung auf eine der Fortschrittsrichtungen geht notwendigerweise mit der Vernachlässigung der anderen beiden einher — und wird einen in der Folge mit großer Wahrscheinlichkeit mit Reue belasten:
Wer über lange Strecken nichts Neues in Angriff nimmt, dem drohen Monotonie, Langeweile und der Ruf eines “Fachidiotes”.
Wer zu wenig Mühe ins Abmildern seiner Schwächen investiert, läuft Gefahr, immer wieder grobe und eigentlich leicht zu vermeidende Fehler zu machen. Niemand bekommt gern seine Ahnungslosigkeit vor Augen geführt.
Wer nie nach Exzellenz strebt, bleibt ein ewiger Anfänger und wird nie erfahren, wie es sich anfühlt, das eigene Potenzial auszuschöpfen.
Witzigerweise kann man dasselbe Dreieck an Entwicklungsrichtungen auch innerhalb eines einzelnen Fertigkeitsfeldes finden. Egal ob beim Erlernen eines Instrumentes oder einer Sprache, bei der Verbesserung der eigenen Beziehungsfähigkeit oder einer Sportart: Man kann entweder die bisherigen Fähigkeiten ausbauen, einen komplett neuen Aspekt in Angriff nehmen oder ein erkanntes Defizit abmildern.
Mehr als ein erstes Brainstorming ist das hier nicht. Das Dilemma, zwischen diesen Möglichkeiten abzuwägen, scheint mir kaum auflösbar zu sein; für jede der drei Entwicklungsoptionen finden sich gute Argumente.
Aber Klarheit über Abwägungszwänge verhindert zumindest, dass man die eigene Lebensführung dem Zufall überlässt — und womöglich zu spät bemerkt, dass man wertvolle Zeit oder Energie in die falsche Betätigung gesteckt hat.
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