Eigentlich wollte ich nur eine Journalistenanfrage beantworten.
Die Vorarlberger Newsplattform vol.at recherchierte zum Thema Hornmilch. Also zu der Behauptung, dass Milch von Kühen mit Hörnern gesünder oder besser verträglich sein soll.
Mit Hornmilch hatte ich mich früher schon mal beschäftigt. Aber ich wollte die aktuelle Studienlage recherchieren. Die Datenlage spricht auch heute nicht dafür, dass Hörner die Zusammensetzung der Milch oder ihre Verträglichkeit für den Menschen entscheidend beeinflussen. Eigentlich wäre die Geschichte damit beendet gewesen.
Doch dann stieß ich auf eine neue Studie im Journal of Dairy Science. Und plötzlich ging es gar nicht mehr um Hörner. Sondern um eine einzige Aminosäure.
Wenn wir von Kuhmilch sprechen, denken die meisten von uns an eine weiße Flüssigkeit aus Fett, Eiweiß und Laktose. Biochemisch ist Milch allerdings deutlich komplexer.
Allein das Protein β-Casein, eines der wichtigsten Eiweiße der Milch, existiert in mehreren genetischen Varianten. Die beiden bekanntesten nennt man A1 und A2.
Zwischen beiden liegt genau eine einzige Aminosäure. Mehr nicht. Von insgesamt 209 Aminosäuren ist lediglich eine ausgetauscht. An Position 67 trägt A1 ein Histidin, A2 dagegen ein Prolin. A2 ist die Wildform, A1 trat erst bei den heute lebenden domestizierten Kühen auf.
Es klingt fast absurd, dass eine einzige Aminosäure einen Unterschied machen könnte. Biochemiker wissen allerdings, dass genau solche kleinen Veränderungen manchmal enorme Folgen haben können. Denn Enzyme erkennen Strukturen. Und manchmal entscheidet tatsächlich eine einzige Aminosäure darüber, ob ein Protein an einer bestimmten Stelle gespalten wird – oder eben nicht.
Die Studie, die ich ursprünglich wegen der Hornmilch gelesen hatte, erschien 2024 im Journal of Dairy Science.
Die Forschenden verglichen Milch von behornten und enthornten Kühen. Gleichzeitig bestimmten sie aber auch den A1/A2-Genotyp der Tiere und untersuchten, wie sich die Milch während einer simulierten menschlichen Verdauung verhält. Das Ergebnis war bemerkenswert. Für die eigentliche Hornmilch-Hypothese fanden sich - wie erwartet - keine überzeugenden Hinweise. Der Hornstatus hatte keinen relevanten Einfluss auf die Zusammensetzung oder die simulierte Verdauung der Milch.
Die genetische Variante des β-Caseins dagegen zeigte durchaus Unterschiede. Nicht riesig. Nicht spektakulär. Aber biologisch plausibel.
Und genau dort begann für mich die eigentlich spannende Geschichte.
Denn plötzlich stellte sich nicht mehr die Frage, ob Hörner einen Unterschied machen. Sondern ob eine einzige Aminosäure möglicherweise beeinflusst, wie wir Milch vertragen.
Vor etwa zwanzig Jahren begann eine regelrechte Welle an Hypothesen. Milch wurde plötzlich mit Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neurologischen Erkrankungen und vielen anderen Problemen in Verbindung gebracht. Aber eben nur die A1-Milch einiger Rinderrassen.
Wenn man die damaligen Schlagzeilen liest, könnte man meinen, A1-Milch sei beinahe ein Gift. A2-Milch rettet uns alle.
Seit vielen Jahren wird diskutiert, ob bei der Verdauung von A1-Milch häufiger ein kleines Peptid entsteht. Sein Name lautet β-Casomorphin-7, meist einfach BCM-7.
Das klingt nach einem Stoff aus einem Science-Fiction-Roman. Tatsächlich handelt es sich lediglich um ein sieben Aminosäuren langes Eiweißfragment, das an sogenannte μ-Opioidrezeptoren binden kann. Super Geschichte, denkt man: Milch als Droge. Hat aber nichts damit zu tun. Aber hat es Einfluß auf die Milchverdauung?
Also begann ich weiterzulesen. Dabei stieß ich schließlich auf einen aktuellen Übersichtsartikel aus dem Jahr 2026, der die gesamte bisherige Evidenz zu A1/A2 und BCM-7 zusammenfasst.
Und genau dieser Review brachte für mich Ordnung in die vielen Einzelstudien.
Heute wissen wir:
Ja – A1 und A2 unterscheiden sich tatsächlich.
Ja – die Verdauung verläuft biochemisch nicht völlig identisch.
Ja – BCM-7 ist ein reales Peptid.
Die bisherigen randomisierten Studien deuten tatsächlich darauf hin, dass manche Menschen mit diagnostizierter Laktoseintoleranz A2-Milch besser vertragen als herkömmliche Milch. Warum das so ist, ist bislang nicht vollständig geklärt. Mehrere Mechanismen werden diskutiert, ein überzeugender physiologischer Erklärungsansatz fehlt derzeit jedoch noch. Wichtig ist aber: A2-Milch enthält genauso Laktose wie normale Milch. Sie behebt also keinen Laktasemangel, sondern könnte zusätzliche Beschwerden, die mit A1-β-Casein zusammenhängen, vermindern. Ob dieser Effekt klinisch groß genug ist, um allgemeine Empfehlungen abzuleiten, müssen weitere unabhängige Studien zeigen, denn die bisherigen waren von A2-Milch-Lobby finanziert.
Aber: Aus all dem folgt noch lange nicht, dass A1-Milch krank macht.
Viele der dramatischen Behauptungen beruhen auf Zellversuchen, Tierexperimenten, statistischen Zusammenhängen oder Studien mit extrem kleiner Probande:innenzahl. Das reicht nicht aus, um Menschen Ernährungsempfehlungen zu geben. Der Übersichtsartikel aus dem Jahr 2026 kommt deshalb zu einem bemerkenswert nüchternen Schluss:
Die Hypothese ist wissenschaftlich interessant.
Die klinische Evidenz reicht für weitreichende Aussagen aber noch nicht aus.
Genau so sollte Wissenschaft funktionieren. Nicht vorschnell verwerfen. Aber genauso wenig vorschnell glauben.
Einige randomisierte Humanstudien berichteten tatsächlich, dass Teilnehmer nach A2-Milch weniger Magen-Darm-Beschwerden angaben als nach herkömmlicher Milch. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass A2-Milch die Lösung für Menschen mit Laktoseintoleranz wäre – was auch diskutiert wird. A2-Milch enthält nämlich ganz normal Laktose. Der Milchzucker verschwindet nicht dadurch, dass sich ein Protein verändert.
Trotzdem könnte es sein, dass bei einem Teil der Menschen nicht ausschließlich die Laktose für Beschwerden verantwortlich ist. Genau diese Möglichkeit wird derzeit intensiv erforscht und diskutiert.
Ich finde diesen Gedanken ausgesprochen spannend. Denn in meiner Arbeit begegnen mir immer wieder Menschen, die überzeugt sind, an einer “Milchunverträglichkeit” zu leiden. Nicht immer bestätigt sich das später.
Vielleicht steckt hinter manchen dieser Fälle tatsächlich mehr als nur der Milchzucker. Vielleicht aber auch nicht. Im Moment wissen wir das schlicht noch nicht.
Die Recherche begann mit einer Frage über Hörner.
Am Ende blieb bei mir eine ganz andere Frage hängen: Kann tatsächlich eine einzige Aminosäure darüber entscheiden, wie wir Milch vertragen?
Vielleicht.
Vielleicht auch nicht.
Im Unterschied zur Hornmilch gibt es hier aber zumindest einen klaren biologischen Mechanismus und erste interessante Humanstudien. Für endgültige Antworten ist es noch zu früh. Ich werde die Forschung jedenfalls weiter aufmerksam verfolgen.
Denn manchmal entstehen die spannendsten Geschichten genau dort, wo man sie ursprünglich gar nicht gesucht hat.
Ali, A. H., Hachem, M., Najjar, Z., Liu, S.-Q., Bamigbade, G. B., & Ayyash, M. (2026). β-Casomorphin-7: A review of occurrence, identification, techno-functionality, and effects on human health. npj Science of Food, 10(1), Article 116. https://doi.org/10.1038/s41538-026-00762-2
Reiche, A.-M., Kallas, Z., Kienberger, H., Schwarzenberger, M., Klotz, C., Rompel, A., & Gruber-Dorninger, C. (2024). The A1/A2 β-casein genotype of cows, but not their horn status, influences peptide generation during simulated digestion of milk. Journal of Dairy Science, 107(9), 6425–6436. https://doi.org/10.3168/jds.2024-24403
Milan, A. M., Shrestha, A., Karlström, H. J., Martinsson, J. A., Nilsson, N. J., Perry, J. K., Day, L., & Cameron-Smith, D. (2020). Comparison of the impact of bovine milk β-casein variants on digestive comfort in females self-reporting dairy intolerance: A randomized controlled trial. The American Journal of Clinical Nutrition, 111(1), 149–160. https://doi.org/10.1093/ajcn/nqz279
Ramakrishnan, M., Eaton, T. K., Sermet, O. M., Savaiano, D. A., & Rao, D. R. (2020). Milk containing A2 β-casein only, as a single meal, causes fewer symptoms of lactose intolerance than milk containing A1 and A2 β-caseins in subjects with lactose maldigestion and intolerance: A randomized, double-blind, crossover trial. Nutrients, 12(12), 3855. https://doi.org/10.3390/nu12123855
European Food Safety Authority. (2009). Review of the potential health impact of β-casomorphins and related peptides. EFSA Scientific Report, 231, 1–107.

Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.