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DOMRADIO.DE - Der gute Draht nach oben · Aug 21, 2026

"Auch ein Bischof ist nur ein Mensch" / Wenn der Seelsorger Seelsorge braucht

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Der Fall Wiesemann hat uns in der Domradio-Redaktion beschäftigt. "So ein Bischof geht ja sicher nicht einfach zur Psychotherapie…", sagt ein Kollege. "Warum denn nicht?", fragt die andere Kollegin. "Da gibt es doch auch solche kirchlichen Stellen, die eine besondere Art von Seelsorge eben für von Burnout bedrohte Geistliche anbieten." 

Die Telefonseelsorge

"Natürlich kann er das machen, der Bischof," sagt die Theologin und Leiterin der katholischen Telefonseelsorge Köln, Dr. Maria Bebber, auf Nachfrage. "Alle Menschen, die in einer Situation sind, die sie belastet, können gerne bei der Telefonseelsorge anrufen. Es ist ein anonymes Angebot. Wer seinen Beruf sagen möchte, kann das tun, aber von vielen wissen wir gar nicht, in welchem Feld sie tätig sind." Sie denke, dass alle Bischöfe das Angebot der Telefonseelsorge kennen. "Ich gehe auch davon aus, dass Bischöfe in geistlicher Begleitung sind und auf diesem Weg auf jeden Fall auch Ansprechpersonen haben."

Fachstellen im Bistum

In vielen Bistümern gibt es diözesane und kirchliche Fachstellen für den Klerus. Auch im Erzbistum Köln sind Theologen mit psychotherapeutischer Ausbildung tätig. Unter anderem in der kircheninternen Anlaufstelle für Personen in psychosozialen Krisensituationen. Priester, Diakone, Pastoral‑ und Gemeindereferent:innen; auch Religionslehrkräfte werden hier bei Belastungen, Konflikten und Burnout‑Gefahren unterstützt. 

Ulla Stollenwerk ist die Leiterin der Stabstelle Supervision und Beratung. Fünf Hauptamtliche und 65 neben oder freiberufliche Honorarkräfte, die eine Beauftragung des Erzbischofs haben, sind hier tätig. "Wendet sich jemand an unsere Fachstelle, vermittele ich ihn oder sie zunächst an den nach meiner Einschätzung am besten passenden Menschen aus unserem Team", sagt Ulla Stollenwerk. Alle haben eine qualifizierte, zertifizierte Ausbildung als Coach oder Supervisorin. Wenn sich abzeichnet, dass das Problem tiefergehend ist, wird das Erstgespräch gerne an Pfarrer Christian Ott gegeben. Denn der ist zugleich Psychologe. 

Auch Geistliche müssen auf Therapieplatz warten

"Wenn wir den Eindruck bekommen, dass man mit Supervision oder Coaching nicht weiterkommt, dann sprechen wir auf jeden Fall auch eine Therapieempfehlung aus. In diesem Fall würde auch die Supervision enden. Wobei Geistliche je nachdem genauso lange auf einen Therapieplatz warten müssen, wie andere Menschen auch." Die Betroffenen bekämen eine Liste an die Hand mit Therapeuten, die Erstgespräche anbieten müssen. Sollte es eine lange Wartezeit geben, helfe die Fachstelle überbrückend noch weiter. Man lasse die Menschen nicht alleine, so Stollenwerk.

Wie viele einzelne Personen das Angebot im Jahr wahrnehmen, kann Ulla Stollenwerk nicht sagen, denn es beinhaltet auch Gruppenangebote und Organisationsberatungen. "Aber wir haben im Jahr ungefähr 300 Beratungsprozesse." Neben diesen Hilfestellungen könnte ein Bischof, wenn er seelische Unterstützung braucht, sich auch an den Apostolischen Nuntius wenden. Das ist der päpstliche Botschafter im Land, der den Bischöfen der Ortskirche mit Rat und Tat zur Seite stehen soll.

Exerzitien und Klosteraufenthalt

Und dann ist da noch die Möglichkeit einer Auszeit in Exerzitien. Viele Klöster bieten so etwas an, zum Beispiel das Bergkloster Bestwig bei den Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel. Menschen werden in Einzelexerzitien unterstützt in ignatianischer Spiritualität auf der Suche nach sich selber, nach Gott in ihrem Leben, nach dem eigenen Platz in dieser Welt. Die Methoden der Exerzitien sind unter anderem durchgehendes Schweigen, persönliche Gebets- und Meditationszeiten Körperwahrnehmungsübungen – alles natürlich auch für Bischöfe geeignet. 

Corinna Paeth leitet als Psychologin das Recollectio Haus in der Abtei Münsterschwarzach. Das Haus ist auch für spirituell Interessierte offen, wird viel von Priestern, Diakonen, Ordensangehörigen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Seelsorge besucht. "Wenn jemand merkt, er ist beeinträchtigt, fühlt sich erschöpft, gereizt, der Körper fängt an zu psychosomatisieren, dann sind wir schon eine mögliche Adresse, wo ein Geistlicher einen Kurs belegen kann." 

Die Gäste, die kommen, fühlten sich zunehmend auch ermüdet aufgrund der Veränderungsprozesse und des Wachstums der einzelnen pastoralen Räume; Verantwortung und Verwaltungsarbeit würden immer mehr, sagt Paeth. Dieses Spannungsfeld wirke sich natürlich auch auf einen Bischof aus. Auch die Belastung durch die sexuelle Missbrauch Krise sei den Gästen deutlich anzumerken.

Psychotherapie für Bischöfe – warum denn nicht?

Zu der Frage, ob denn möglicherweise auch ein Bischof schon mal eine psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nimmt, sagt die Psychologin aus Münsterschwarzach ganz klar dasselbe wie die Kollegin am Morgen in der Redaktionskonferenz: Warum denn nicht? "Auch ein Bischof ist nur ein Mensch und hat die gleichen Rechte, sich Hilfe zu holen, wie jeder andere Mensch auch. Er hat die Möglichkeit eine Beratungsstelle aufzusuchen, sich ambulante Psychotherapie zu suchen oder aber auch sich in eine Klinik zu begeben. Und was den Persönlichkeitsschutz angeht: jeder Psychotherapeut, jeder Arzt hat die Schweigepflicht, die muss er auch einhalten."

Angeblich zeigten Studien und Erfahrungsberichte, dass psychische Belastungen unter Klerikern verbreitet sind, häufig aber tabuisiert werden. Das hat der zurückgetretene Bischof Wiesemann anders gehandhabt, und große Transparenz an den Tag gelegt, was seine Erschöpfung angeht. Das könnte möglicherweise ein gutes Vorbild sein und andere ermutigen, sich mit diesen Schwierigkeiten zu beschäftigen. Ganz allgemein gesehen sagt Corinna Paeth: "Je offener der Mensch umgeht mit den eigenen Themen und Problemen, desto leichter fällt ihm auch der allgemeine Umgang mit den Symptomen, mit den Problemen, die er hat. Man kann sich das vielleicht so vorstellen: wenn man partout vor der Öffentlichkeit etwas geheim halten und unterdrücken möchte, dann macht das zusätzlichen Druck. Setzt man sich dem nicht aus, dann ist da schon mal ein wenig Erleichterung dabei." 

Karl-Heinz Wiesemann

Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann ist der 96. Bischof von Speyer. Er stammt aus dem Erzbistum Paderborn, wo er am 1. August 1960 in Herford, Ostwestfalen, geboren wurde.

Die Priesterweihe empfing er am 10. Oktober 1985 in Rom. Nach der Kaplanszeit und der Promotion (Titel der Doktorarbeit: "Zerspringender Akkord. Das Zusammenspiel von Theologie und Mystik bei Karl Adam, Romano Guardini und Erich Przywara als theologische Fuge") wirkte er ab 1994 als Pfarrer in Menden-Bösperde und als Propst der Pfarrei St. Petrus und Andreas in Brilon.

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