Der israelische Minister Ben-Gvir ist für verbale Fehltritte bekannt. Nun fordert er in einem Podcast das Töten von Menschen in Gaza, auch ohne Grund. Das ist auch aus religiösen Gründen verwerflich, findet Renardo Schlegelmilch.
Jede Nacht sollten 30 bis 40 Menschen getötet werden. Denn sie verdienten es nicht, zu leben. Die Aussagen des israelischen Nationalen Sicherheitsministers Itamar Ben-Gvir zum Gazastreifen sorgen gerade weltweit für Empörung. Zu Recht. Dass die Menschenrechtslage in Gaza katastrophal ist, ist vielfach dokumentiert. Auch Tabubrüche des rechtsextremen Regierungspolitikers sind nichts Neues. Mit diesem Kommentar überschreitet er allerdings eine Grenze, hinter die es kein Zurück gibt.
Der Schutz menschlichen Lebens hat höchste Priorität. Das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Die Christen nennen das Lebensschutz und setzen sich von der Empfängnis bis zum letzten Atemzug dafür ein. Judentum und Islam kennen ähnliche Prinzipien, und auch Menschen ohne religiöses Bekenntnis teilen diese Werte.
In den letzten Jahren erleben wir allerdings immer mehr, dass diese Selbstverständlichkeit ins Wanken gerät. Wladimir Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine wird selbst vom Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche religiös legitimiert, der neulich Atomwaffen als "Vorsehung Gottes" gewürdigt hat. Donald Trump führt ohne Not Krieg gegen den Iran. Israel beteiligt sich daran und kämpft gleichzeitig im Libanon gegen die Hisbollah und im Gazastreifen gegen die Hamas.
Was im Christentum der Lebensschutz ist, heißt im Judentum Pikuach Nefesch. Das Leben sei ein Geschenk Gottes, der Mensch nur dessen Verwalter. Dieses Prinzip stellt den Schutz des Lebens über fast alle anderen Gesetze der Tora. Umso skurriler wirkt es, wenn der israelische Sicherheitsminister, der immer wieder auf seine jüdisch-religiöse Überzeugung pocht, den Verlust menschlichen Lebens nicht nur in Kauf nimmt, sondern Tötungen von Menschen ausdrücklich fordert und begrüßt.
Worte werden zu Taten. Deshalb sind die Tabubrüche von Ben-Gvir nicht nur gefährlich, sondern dürfen nicht einfach als nächste verbale Eskalationsstufe hingenommen werden. Dass nun auf EU-Ebene über mögliche Sanktionen gegen ihn diskutiert wird, ist genau richtig. Politik, Gesellschaft und auch die Kirche dürfen solche Worte nicht akzeptieren.
Mehr noch: Worte sind Taten. Mit seinen Worten entmenschlicht Ben-Gvir diejenigen, für die er mit seiner Regierung Verantwortung trägt. Das ist nicht nur gefährlich, sondern drückt unmissverständlich aus, wie gering der Minister menschliches Leben achtet.
Renardo Schlegelmilch
Renardo Schlegelmilch ist Journalist mit Schwerpunkt Kirche und Gesellschaft. Seit September 2024 ist er Chefredakteurs des katholischen Multimediasenders DOMRADIO.DE. Seine Expertise liegt in den Bereichen Kirchenpolitik und Internationales. Er berichtet regelmäßig aus dem Vatikan. Von Beginn an begleitet und kommentiert er die Debatten um die Reformen der Weltsynode und des Synodalen Weges. Regelmäßig berichtet er auch für ausländische Medien über die Kirche in Deutschland, unter anderem für den "National Catholic Reporter" aus den USA.
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