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Lass mal BESSER reden. · Oct 26, 2025

Was uns die Stadtbild-Wut wirklich zeigt

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Dana Buchzik · Lass mal BESSER reden.

„Sag irgendwas, das die Linken empört, lehn dich zurück und schau zu, wie Konservative und Rechte Solidarität bekunden“: Mit diesem Rezept gehen Rechtspopulisten viral, verkaufen Bücher, gewinnen Wähler. Auch Unionsvertreter versuchen sich daran, seien es Söders Tofu-Rants oder Merz’ Stadtbildfantasie, in der man auf magische Weise Menschen ansehen kann, ob sie Bleiberecht haben oder einen Arbeitsvertrag oder ob sie sich Frauen gegenüber respektvoll verhalten möchten.

Hinter solchen vermeintlich plumpen Narrativen steht ein Erfolgsrezept: Konservative Politiker*innen sichern sich seit Langem Vertrauen durch gesellschaftliche Spaltung. Schon zu Zeiten des Kalten Kriegs vertuschten sie mithilfe des Narrativs der „Unanständigen“ ihre Aushöhlung des Sozialstaats. Die als Ideal gesetzte bürgerliche „Kernfamilie“, in der die Frau zuhause blieb, um erst die Kinder, später die alten Eltern zu versorgen, galt als anständig. Wer aber Hilfe brauchte, wurde moralisch abgewertet – und wird es bis heute. Sei es mit dem Märchen von Sozialleistungen als gefährlicher „Kultur der Abhängigkeit“; sei es mit der Assoziation von Arbeitslosen als „Schmarotzer“ und „Parasiten“ (SPD-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement); sei es mit einem vermeintlich herrschenden „Recht auf Faulheit“ (Philipp Amthor, CDU) und angeblichen Horden von „Totalverweigerern“ (der Begriff wurde von Hubertus Heil, SPD, geprägt, und ist heute in aller Unions-Munde).

Eine kluge Strategie: Misstrauen sich Teile der Gesellschaft gegenseitig, werden sie sich nicht solidarisieren und keine unbequemen Forderungen nach Umverteilung stellen. Die Volksparteien schufen eine Wähler*innenkoalition aus Mittelschicht und Teilen der Arbeiterklasse, die sich mit Anerkennungsrhetorik statt sozialer Gerechtigkeit zufrieden gaben – und die bereit waren, gnadenlos nach unten zu treten, wenn vulnerable Gruppen Unterstützung brauchen.

Anerkennungsrhetorik funktioniert aber nur so lange, wie ein System nicht permanent von Krisen, Inflation und Desinformation (Deutschland gehört zu den Hauptzielen russischer Propaganda) erschüttert wird. Sobald der Kipppunkt erreicht ist, verliert das System für diese bisherige Wähler*innenkoalition an Glaubwürdigkeit – und damit alle, die das System verteidigen. Stattdessen wird nur noch jenen geglaubt, die das System radikal infrage stellen. Deswegen legt die AfD in den Umfragewerten zu und nicht die Union.

Radikalisierungsexperten wie der Soziologe Armin Pfahl-Traughber und der Politologe Marcel Lewandowsky benennen immer wieder, dass der vermeintlich rekordhohe Zuwachs menschenverachtender und demokratiegefährdender Einstellungen in Deutschland binnen weniger Jahre nicht realistisch ist: Es gab diese Einstellungen schon vorher; sie wurden lediglich aktiviert. Das bedeutet auch, um im Bild zu bleiben, dass sie wieder deaktiviert werden können.

Vielleicht sind nicht so sehr die extremen Ränder Schuld am Zerbröseln unseres sozialen Vertrags, sondern vor allem Akteure der Mitte, die mit ihrer Rhetorik seit Jahrzehnten die niedersten Instinkte von Menschen ansprechen. Vielleicht geht es jetzt vor allem darum, auf diese Mitte so effektiv einzuwirken, dass sie ihrem selbstgesteckten Ideal der Ausgewogenheit und Fairness tatsächlich gerecht wird. Wie das funktioniert? Mit persönlicher Kontaktaufnahme zu Wahlkreisbüros von Unionspolitikern, sei es per Anruf oder Brief (schnelle Hilfe beim Formulieren liefert Franzi von Kempis’ Briefegenerator) – und mit der Arbeit im direkten Umfeld.

Traut ihr euch das derzeit nicht zu, fangt mit dem Weglassen an: Dem Weglassen von Dingen, die nicht nur nichts Gutes bewirken, sondern Schaden anrichten. Denn egal, wie wütend und/oder gut gemeint sie sein mögen: Jeder Kommentar und jeder Share von Stadtbild-Parolen oder verzerrt dargestellten Umfrageergebnissen erhöht die Reichweite – und belohnt damit sowohl die Union als auch Medien, die ihrer Aufgabe der seriösen Einordnung nicht nachkommen.

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Read the original on danabuchzik.substack.com

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