Moin!
in der November-Ausgabe geht es um das Thema Entscheidungen und die Frage, was passiert, wenn wir sie immer mehr an Maschinen abgeben. Neben den Gedanken von mir findet ihr unter dem Artikel wieder eine Hand voll Fundstücke. Dieses Mal u.a. zu folgenden Fragen:
Welchen Einfluss hat die Klimakrise auf sonstige Realitätsverschiebungen unserer Zeit?
Wie nutzen wir KI für wirklich gewinnbringende Aufgaben?
Wie werden sich Corporate Jobs in den nächsten Jahren verändern?
Wenn euch der Newsletter gefällt, empfehlt ihn gerne weiter.
Viel Spaß beim Lesen 🦦
Benni
Von meinem Schreibtisch ✍️
Macht uns KI unfähig eigene Entscheidungen zu treffen?
2008. Wir juckeln zu dritt mit dem Abi in der Tasche mit einem klapprigen Camper durch Neuseeland. Immer mit dabei, die klassische Landkarte.
“Übernächste rechts, dann schräg links, fuck, ich muss umblättern.”
Ich war damals ziemlich stolz auf meine Navigations-Skills. Bis vor kurzem habe ich fest daran geglaubt, dass ich ein natürliches Talent fürs Navigieren habe. Doch in letzter Zeit mehrten sich die Stimmen aus meinem Umfeld, die sich bei Städtetrips ungern auf mein Talent ohne Google Maps verlassen wollten. Irgendwann kam mir die Erkenntnis: das Talent (sofern es wirklich eines war) ist nicht mehr existent, Google Maps hat es mir abtrainiert. Vielleicht passiert uns gerade was ähnliches.
2025. Wenn ich nochmal 20 wäre, würde ich ChatGPT hundertprozentig interviewen, was ich wo studieren soll. Warum selbst Umwege gehen, wenn die Maschine schon weiß, wo’s langgeht? Früher hätte ich in Foren gelesen, mit Leuten gesprochen, eine händische Pro-und Contra-Liste gemacht. Heute reicht eine schnelle Eingabe und zack, fünf schlau klingende Vorschläge. Je größer die Entscheidung, desto verlockender die Abkürzung. Aber auch für Kleinkram können wir KI als Entscheidungshilfe nutzen: Welche Aktien lohnen sich? Wie soll ich mich ernähren? Wo kriege ich die Lebensmittel dafür? Entscheidungen auslagern ist zum Alltag geworden – von der Restaurantwahl bis zur Lebensplanung. KI sagt uns, was wir essen, investieren, studieren sollen.
Was macht es langfristig mit uns, wenn wir uns jede Entscheidung ob groß oder klein von einer KI abnehmen lassen?
Je mehr KI-Tools Menschen nutzen, desto stärker lagern wir kognitive Prozesse aus und verlernen dadurch schrittweise die Fähigkeit des kritisches Denkens.1
Wir treffen jeden Tag bis zu 35.000 Entscheidungen2, banale Entscheidungen ohne große Anstrengung (= Was ziehe ich an?) aber auch komplexe Entscheidungen (= Wie führe ich den Konflikt mit meiner Kollegin?).
Gerade mit der Voice-Funktion erscheinen ChatGPT & Co. nicht wie eine Wahrscheinlichkeitsmaschine, sondern wie ein guter Freund. 24/7 verfügbar und nie verlegen um einen gut gemeinten Ratschlag. Früher haben wir bei wichtigen Entscheidungen Freunde und Bekannte gefragt, ansonsten mussten wir uns auf uns selbst verlassen.
Schleichender Effekt
Am Anfang ist es noch reine Bequemlichkeit und wir könnten die Entscheidungen auch problemlos manuell treffen. Bis es uns irgendwann nicht mehr so leicht fällt. Wie in der Anfangsgeschichte beschrieben: ich war lange davon überzeugt, dass ich immer noch überragend im analogen Navigieren bin. Das Eingeständnis des Verlusts der Fähigkeit hat viele Jahre gebraucht.
Heute kann man über das Navigationsthema lachen. Analog Navigieren mit Karte hatte Charme, aber Google Maps hat das Leben deutlich erleichtert. Ein Problem, eine Lösung, ein klar definierter Anwendungsfall. Wenn es aber um jede Art von Entscheidung gehen kann, ob der Freund noch ins eigene Leben passt, ob man Knöllchen aus Italien ignorieren kann oder ob man seinen Mitarbeiter entlassen soll, dann sind die Konsequenzen deutlich beunruhigender.
Unsichere Menschen lassen sich leichter von KI beeinflussen
Moralische Entscheidungsfindung kann durch KI stark beeinflusst werden kann, unsichere Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl lassen sich verstärkt von KI leiten.3 Ich kenne das. In einer intensiven aber unsicheren Lebensphase, habe ich KI zu fast jeder Entscheidung befragt. Die Antworten gaben mir kurz Ruhe, aber sie nahmen mir jedes Mal ein Stück eigenes Urteilsvermögen, irgendwann vertraut man den Algorithmen mehr als der eigenen Intuition. Deswegen sollte man sich immer selbstkritisch fragen:
”Brauche ich KI-Unterstützung für eine bessere Entscheidung oder will ich meine Unsicherheit outsourcen?”
Für mich gibt es nur zwei Wege: entweder ich nutze KI-Unterstützung, um zu einer besseren Entscheidung zu kommen, z.B. lasse ich mir die Situation aus unterschiedlichen Perspektiven bewerten oder entwickle mit Hilfe von KI Zukunftsszenarien (”What if..?”). KI unterstützt mich bei der Entscheidungsfindung, die Entscheidungshoheit liegt bei mir. Wenn ich nur die fehlende eigene Auseinandersetzung durch KI kompensieren will, lasse ich KI bewusst weg und verlasse mich auf meine eigene Stärken, schon zur richtigen Entscheidung zu kommen.
Vielleicht geht es gar nicht darum, ob KI bessere Entscheidungen trifft. Sondern darum, ob wir uns trauen, unsere eigenen Entscheidungen zu fällen – mit all ihren Umwegen, Zweifeln und Konsequenzen. Maschinen kennen keine Reue, keine Angst, aber auch keinen Stolz. Genau das macht doch unsere eigenen Entscheidungen aber menschlich und wertvoll.
„Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken.“
Lothar Matthäus
Real AI Agents and Real Work - Ethan Mollick
Hier stecken einige gute Zahlen und Gedanken zu sinnvollen und weniger sinnvollen agentischen Use Cases drin. Die letzte Erkenntnis ist für am wichtigsten: wir müssen immer selber wissen, warum wir KI nutzen und welche Erwartungen wir an die Output-Qualität stellen. Wenn es um ein wöchentliches Reporting geht, kann ich mit mittelmäßig gestalteten Charts leben, für echte Kundenpräsentationen ist die Art von Automatisierung (noch) ungeeignet.
Customer Value means Business Value - Helge Tennø
Das Schaubild ist für Strategie-Interessierte sicher nicht neu, trotzdem erklärt es den Zusammenhang zwischen Customer und Business Value mit praktischen Beispielen.
”Nobody needs a product, they use a product to do what they want in order to achieve what they need.”
Gute Zusammenfassung und gutes Framework, das werde ich in meinen Pool mit aufnehmen.
“Ich habe nie an unserer Chancenlosigkeit gezweifelt.”
Richard Golz
How Climate Broke Reality - ADH
Spannende Perspektive wie unser Umgang mit der Klimakrise Tür und Tor für andere Realitätsverschiebungen und alternative Wahrheiten geöffnet hat.
”To restore our collective grip on consensus reality, we have to start fixing the climate.”
The death of the corporate job - Alex McCann
Ein spannender, provokanter Artikel über den typischen Corporate Bullshit-Job. Ich glaube zwar nicht daran, dass die Rolle allzu schnell aussterben wird, aber trotzdem liegt es an jeder einzelnen Person, ob er/sie das Spiel mitspielt oder was Sinnvolleres mit der eigenen Lebenszeit anfängt.
„He arrives at 8am, leaves at 8pm, and when I asked what he actually did in those twelve hours, he couldn’t point to a single tangible thing. ‚I enable decision-making,‘ he said, then caught himself. ‚Whatever that means.”
Slop as a Way of Life - Drew Austin
Alle reden über KI-Slop. Der Artikel argumentiert, dass das Problem schon viel früher da war. Was ich daraus ziehe: Auch vor KI wurden viele künstlerische Produkte schon entwertet, es gibt “Chilled Morning”-Playlists auf Spotify, um sich nur mit der eigenen Stimmung statt mit der Musik zu beschäftigen, von Social Media ganz abgesehen. Slop ist also nicht neu. Indem wir die Verantwortung für Slop allein der KI in die Schuhe schieben, machen wir es uns zu leicht.
”The arrival of AI slop is simply the culmination of a long process of cultural slopification, and one of AI’s unexpected functions has been to launder the human slop so we can pretend we didn’t create it.”
Über mich:
Ich bin Benni, seit Oktober arbeite ich als Freelance Berater für Strategie und Innovation. Nach Stationen in führenden Kreativ-und Markenagenturen berate ich Unternehmen dabei, KI sinnvoll in ihre Prozesse zu integrieren.
„Mein Problem ist, dass ich immer sehr selbstkritisch bin, auch mir selbst gegenüber.”
Andreas Möller
https://www.businessinsider.de/wirtschaft/wer-ki-nutzt-verliert-eigene-faehigkeiten-laut-mit-studie/
https://www.forbes.com/sites/stevenkotler/2012/05/14/training-the-brain-of-an-entrepreneur/
https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2025.1453072/full
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