Von meinem Schreibtisch ✍️
Strukturiertes Experimentieren als KI-Haltung
Es gibt Bereiche im (Arbeits) Leben, da braucht es Struktur, klare Vorgaben und Regeln, an die sich jede*r halten muss. Arbeitszeiten, Stunden schreiben oder Projektverantwortlichkeiten zum Beispiel. So weit, so klar.
Und dann gibt es andere Bereiche, in denen genau das Gegenteil von Struktur gefragt ist. Kreative Konzepte oder innovative Geschäftsmodelle werden nicht am Reißbrett geplant, dafür braucht es Freiraum. Wenn Benchmarks und Best Practices fehlen, muss man dazu bereit sein, mit Ungewissheit und Umwegen umzugehen.
Status Quo: Alle “schwimmen”
Nur 32 % der Arbeitnehmer fühlen sich ausreichend auf KI vorbereitet.1
Nur 41% der Unternehmen haben etablierte KI Guidelines.2 Die Unternehmen kommen nicht hinterher, interne Expertise aufzubauen, gleichzeitig fühlen sich Mitarbeitende alleine gelassen. Fehlende Unternehmensvorgaben führen zu kreativen Lösungen: 4 von 5 Mitarbeitenden nutzen ihre eigenen Tools bei der Arbeit3 (…man müsste sich mal vorstellen, wenn das gleiche bei E-Mail-Accounts passierte). Wenn es unternehmensübergreifende KI-Lösungen gibt, können sie oft mit den großen Modellen nicht mithalten oder werden zu beiläufig eingeführt - KI-Lösungen werden eher wie die Einführung eines neuen Intranets behandelt als wie die fundamentalste Innovation unserer Zeit.
“Nimm’ du ihn, ich hab’ ihn sicher.”
”Everything everywhere all at once”
In der schnelllebigen GenAI-Welt eröffnen sich ständig neue Experimentierfelder: Was hat es mit dem Nano Banana-Hype auf sich? Was ändert sich dadurch für uns? Wie können wir den neuen ChatGPT Study-Modus für Lernen in unserem Unternehmen integrieren? Welche Assistenten können uns wirklich helfen? Was ist nur heiße Luft?
Für komplexe Fragen und sich ständig verändernde Rahmenbedingungen braucht es Zeit, Interesse und eine Kultur, die Experimentierfreude fördert. Es hat eine tief kulturelle Dimension, inwiefern Unternehmen interessierten Mitarbeitenden Raum zum Experimentieren schaffen oder diesen im schlimmsten Fall sogar unterbinden.
Bei Experimenten kann nicht immer alles funktionieren, es ist ein Prozess mit Höhen und Tiefen. Der Lernprozess ist in der KI-Welt ein wertvolles Asset, KI Literacy ist ein Prozess und kein Skill, den man an-und ausschalten kann.
Blick in die Glaskugel: Deutschland = Präzision > Ungewissheit
Starre KI-Nutzungsregeln, standardisierte Prompting-Bibliotheken und ein fester KI-Ansprechpartner fürs Unternehmen. So oder so ähnlich wird es wahrscheinlich schon jetzt oder in naher Zukunft in vielen Unternehmen aussehen. Mein gar nicht mal so hotter Take: Struktur schaffen wird Unternehmen hierzulande leichter fallen als Experimente zu fördern.
Was es braucht: Klare Struktur mit definierten Experimentierräumen
Nicht jede*r Mitarbeitende muss sich Hals über Kopf in KI-Experimente stürzen, im ersten Schritt braucht es eine klare Struktur für alle: Welche Tools nutzen wir für welche Aufgaben? Welche übergreifenden Assistenten können uns wie helfen? Und vor allem: wie können wir die Struktur allen Mitarbeitenden verständlich zur Verfügung stellen?
Im zweiten Schritt geht es um die Planung von Experimentierräumen. Wieviel Zeit bekommen KI-interessierte Mitarbeitende pro Woche zur Verfügung gestellt? Welche Schwerpunkte wollen wir setzen? Wie beziehen wir das Management ein? Wie messen wir den Erfolg der Experimentierräume? Wie belohnen wir erfolgreiche Experimente?
AI Taskforce ist keine Sommerfest-AG
In vielen Unternehmen haben sich interne AI Taskforces gebildet, Gruppen aus KI-Interessierten, die das Thema vorantreiben sollen. Oft läuft das Thema nebenbei, ohne freigegebene Stunden, messbare Ziele oder Vergütung. Eine “AI Taskforce” ist keine Sommerfest-AG. Es geht um die Frage, wie wir in Zukunft zusammen arbeiten wollen - entsprechende Wichtigkeit und Anreizsysteme müssen geschaffen werden, um sie aus der AG-Schublade zu befreien.
Auch wenn sich Struktur und Experimente widersprüchlich anfühlen, führen sie auch im Fußball zum Erfolg. Ohne ein klares Spielsystem können sich die Freigeister nicht ausleben, ohne einen strukturierten Spielaufbau kann Messi nicht zum unberechenbaren Solo ansetzen.
Eine Bolzplatz-KI-Analogie zum Abschluss:
Wir mussten beim Thema KI 2022/2023 ohne Spielidee direkt auf den Platz, wir sind immer noch auf der Suche nach dem idealen System, das Spiel läuft schon eine ganze Weile und wir brauchen vorne dringend ein paar Erfolgserlebnisse.
In diesem Sinne:
”Jetzt müssen wir die Köpfe hochkrempeln. Und die Ärmel natürlich auch.”
Lukas Podolski
The Strategist’s Shame - Zoe Scaman
👉 Link ArtikelDer Artikel ist für alle Strateg*innen und spricht mir komplett aus der Seele, ich musste lachen und weinen, weil so viel Wahrheit drinsteckt. Irgendwie hat es auch etwas Verbindendes, dass egal ob in London, NY oder Berlin Strateg*innen in Agenturen mit ähnlichen Gefühlen zu kämpfen haben.
“So you develop a split self. The professional you that gets excited about consumer insights and brand territories and cultural tensions. And the private you that knows most of it is elaborate busywork. You learn to code-switch between true curiosity and strategic performance, until you're no longer sure which one is real.”
Insgesamt lohnt es sich sowieso ihr zu folgen, sie schreibt viele tolle Artikel an der Schnittstelle von Strategie, KI und Kultur.
What if AI doesn’t get much better than this - Cal Newport
👉 Link Artikel
Nach dem Chat GPT 5-Launch mehren sich kritische Stimmen und man hat das Gefühl, dass KI im Hype Cycle langsam aber sicher den Weg nach unten antritt. In dem Artikel geht es um die technische Grundlage von LLM’s, falsche Erwartungen und einen realistischen Blick in die Zukunft.
“I don’t hear a lot of companies using A.I. saying that 2025 models are a lot more useful to them than 2024 models, even though the 2025 models perform better on benchmarks” Gary Marcus (AI Entrepeneur and Professor of Psychology and Neural Science at N.Y.U.)
Produktwerbung mit Umweltaussagen wird strenger geregelt (RP, 03.09.)
👉 Link Artikel
Nach dem Scheitern der Green Claims Directive gibt es positive News, die ich nicht auf dem Schirm hatte. Ab September 2026 wird die „Richtlinie zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel“ (kurz: EmpCo-Directive) greifen. So wird es für allgemeine Umweltaussagen wie “nachhaltig” oder “umweltfreundlich” stärkere Regeln und Belegpflichten geben. Auch “klimaneutral” darf nicht mehr kommuniziert werden, wenn sie durch den Erwerb von CO2-Zertifikaten erreicht wird.
Irrational Dedication - Farnam Street
👉 Link Artikel
Eine kurze aber schlaue Perspektive auf die Entstehung und Umsetzung aller menschgemachten Ideen. Nichts auf der Welt muss passieren, es entsteht nur, weil irgendeine Person besonders hartnäckig an eine Idee glaubt und sie gegen alle Widerstände umsetzt.
“Behind every seemingly effortless success lies a landscape of invisible battles: endless meetings, self-doubts, and moments of near-total collapse. Everything around you—every convenience you enjoy, every space you inhabit, every service you use—was one person’s refusal to accept the world as it was.”
How Social Media Shortens Your Life - Gurwinder
👉 Link Artikel
Ein längerer Artikel zu der Frage, wie die Nutzung von Social Media unsere gefühlte Lebenszeit beeinflusst. Dass die großen Social Media-Plattformen kein altruistisches Interesse an uns haben, habe ich zwar schon vorher vermutet. Die Tatsache, dass die gleichen manipulativen Prinzipien aus dem Casino-Design der 70er-Jahre in Social Media-Funktionen übersetzt wurden, war mir aber beispielsweise neu.
Das Ende fand ich besonders gut geschrieben und motiviert dazu, heute Abend mal ein Buch weiterzulesen. 🦦
“Seneca once wrote, “Life is short and anxious for those who forget the past, neglect the present, and fear the future.” Social media makes you do all three. But you have the choice to do the opposite, and to expand time, for living long is not just about maximising the days in your life, but also the life in your days.
This moment is the youngest you’ll ever be. It’s a moment your future-selves will wish they could have back. Don’t waste it scrolling through posts you won’t even remember tomorrow.”
In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal! 👋🏻
Über mich:
Ich bin Benni, ab Oktober arbeite ich als Freelance Consultant für Strategie und Innovation. Nach Stationen in führenden Kreativ-und Markenagenturen berate ich Unternehmen dabei, Generative KI sinnvoll in ihre Prozesse zu integrieren.
https://www.pwc.at/de/presse/2025/ki-studie-jeder-zweite-wuenscht-sich-mehr-ki-im-arbeitsalltag.html
https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Report/PDF/2025/IW-Report_2025-KI-als-Wettbewerbsfaktor.pdf
https://news.microsoft.com/de-de/work-trend-index-2024-microsoft-und-linkedin-veroeffentlichen-bericht-zum-einsatz-von-ki-bei-der-arbeit/
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