Mit der Studie „Demokratie unter Druck – Wirtschaft in der Verantwortung? Was Beschäftigte von Unternehmen erwarten“ legt das Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik (WZGE) gemeinsam mit dem Friede-Springer-Stiftungslehrstuhl für Unternehmensethik und Controlling der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg einen weiteren Beitrag zur Debatte über die politische Rolle von Unternehmen vor.
Die Untersuchung wurde Ende 2025 durch das Marktforschungsinstitut infas quo durchgeführt. Befragt wurden 2.058 abhängig Beschäftigte, darunter 531 Führungskräfte. Ziel der Studie ist es, die Erwartungen von Beschäftigten an gesellschaftspolitisches Engagement von Unternehmen zu untersuchen.
Die Studie formuliert vier Leitfragen:
Sollten sich Unternehmen gesellschaftspolitisch engagieren?
Warum sollten sie dies tun?
Wie sollte ein solches Engagement aussehen?
Und wodurch unterscheiden sich Befürworter und Gegner eines solchen Engagements?
Diese Fragen spiegeln die Debatte um die sogenannte Corporate Political Responsibility (CPR) wider. Dahinter steht die Vorstellung, dass Unternehmen nicht nur wirtschaftliche Akteure sind, sondern auch Verantwortung für die demokratischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen tragen, unter denen sie wirtschaften. Die Untersuchung ist deshalb nicht nur eine empirische Bestandsaufnahme, sondern zugleich Teil einer normativen Debatte darüber, welche politische Rolle Unternehmen in Zeiten demokratischer Spannungen übernehmen sollen.
Sollten sich Unternehmen gesellschaftspolitisch engagieren?
Die erste Frage der Studie betrifft die grundsätzliche Akzeptanz gesellschaftspolitischen Engagements von Unternehmen.
39 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, 30 Prozent lehnen ein solches Engagement ab und 31 Prozent zeigen sich unentschieden. Unter Führungskräften fällt die Zustimmung mit 49 Prozent deutlich höher aus.
Interessant ist die anschließende Differenzierung. Die Zustimmung bezieht sich nicht primär auf konkrete politische Positionierungen. Vielmehr erwarten die Befragten vor allem, dass Unternehmen für demokratische Werte eintreten. Deutlich weniger Zustimmung findet die Vorstellung, Unternehmen sollten konkrete politische Forderungen oder parteipolitische Positionen vertreten.
Die Studie zeigt zudem erhebliche Unterschiede nach Parteipräferenzen. Während Anhänger von Grünen, SPD, CDU/CSU und Linken mehrheitlich ein gesellschaftspolitisches Engagement befürworten, fällt die Zustimmung unter AfD-Wählern deutlich geringer aus.
Warum sollten sich Unternehmen engagieren?
Die zweite Frage untersucht die Motive und Erwartungen der Beschäftigten. Die Befragten sehen die Demokratie in Deutschland überwiegend unter Druck. Als größte Gefahren nennen sie Extremismus, soziale Spaltung, wirtschaftliche Ungleichheit sowie autoritäre und populistische Bewegungen.
Gleichzeitig erwarten viele Beschäftigte keine negativen Folgen für Unternehmen, die gesellschaftspolitisch aktiv werden. Ein erheblicher Teil sieht sogar Vorteile für Unternehmen, insbesondere hinsichtlich ihrer Wirkung auf Beschäftigte und Kundinnen und Kunden.
Fast die Hälfte der Befragten berichtet zudem, bereits gesellschaftspolitisches Engagement ihres Arbeitgebers wahrgenommen zu haben. Wer solche Erfahrungen gemacht hat, bewertet entsprechendes Engagement tendenziell positiver.
Wie sollten sich Unternehmen engagieren?
Besonders aufschlussreich ist der dritte Fragenkomplex. Die größte Zustimmung erfahren öffentliche Wahlaufrufe, die Förderung demokratischer Organisationen sowie die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Begegnungsorte. Auch Bildungsangebote gegen Desinformation und Hassrede werden positiv bewertet.
Deutlich skeptischer stehen die Befragten klassischen Instrumenten parteipolitischer Einflussnahme gegenüber. Parteispenden oder Wahlempfehlungen für konkrete Parteien stoßen auf wesentlich geringere Zustimmung.
Die Studie arbeitet daraus eine zentrale Erkenntnis heraus: Die Befragten unterscheiden deutlich zwischen einem Engagement für demokratische Grundwerte und parteipolitischer Positionierung. Unternehmen sollen Demokratie unterstützen, aber nicht selbst zu parteipolitischen Akteuren werden.
Gleichzeitig zeigt sich eine interessante Ambivalenz. Eine Mehrheit akzeptiert Stellungnahmen gegen Parteien dann, wenn diese als extremistisch wahrgenommen werden oder demokratische Grundprinzipien infrage stellen. Die Grenze zwischen demokratischer Werteorientierung und konkreter Parteinahme erweist sich damit als weniger eindeutig, als es auf den ersten Blick erscheint.
Was unterscheidet Befürworter und Gegner?
Der vierte Teil der Studie untersucht Unterschiede zwischen Befürwortern und Gegnern gesellschaftspolitischen Engagements.
Die Befunde zeigen deutliche Zusammenhänge. Gegner eines gesellschaftspolitischen Engagements weisen häufiger geringes Vertrauen in demokratische Institutionen auf, zweifeln stärker an der Problemlösungsfähigkeit der Demokratie, interessieren sich seltener für Politik und wählen häufiger die AfD.
Bemerkenswert ist zugleich, was die Studie nicht findet. Weder zwischen Ost- und Westdeutschland noch zwischen Generationen oder sozialen Gruppen ergeben sich gravierende Unterschiede.
Diese Ergebnisse sind empirisch interessant. Sie beschreiben jedoch Zusammenhänge, nicht Ursachen. Die Studie zeigt, wer gesellschaftspolitisches Engagement unterstützt oder ablehnt. Sie erklärt nicht, warum dies so ist - ehrlicherweise war dies auch nicht ihr Ziel.
Die Studie im Kontext der Corporate Political Responsibility
Die Untersuchung steht nicht isoliert. Sie ist Teil einer seit einigen Jahren intensiv geführten Debatte um die sogenannte Corporate Political Responsibility (CPR).
Dahinter steht die Annahme, dass Unternehmen nicht nur wirtschaftliche Akteure sind, sondern auch Verantwortung für die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen tragen, unter denen sie wirtschaften. Die Frage lautet dann nicht mehr, ob Unternehmen politisch handeln, sondern wie sie dies tun sollten.
Diese Perspektive prägt auch den Sammelband „Haltung zeigen – Demokratie stärken. Wirtschafts- und unternehmensethische Perspektiven“, den ich Anfang des Jahres ausführlicher auf meinem Blog www.nachdenken-im-handgemenge.de rezensiert hatte.
Dort argumentieren verschiedene Autorinnen und Autoren, dass Demokratie angesichts von Rechtspopulismus, Desinformation und autoritären Tendenzen auf gesellschaftliche Akteure angewiesen sei, die öffentlich Stellung beziehen. Beiträge von Alexander Brink, Johannes Bohnen, Knut Bergmann und Matthias Diermeier diskutieren ausdrücklich die politische Verantwortung von Unternehmen, die Möglichkeiten einer Corporate Political Responsibility und den Umgang mit rechtspopulistischen Parteien
Die WZGE-Studie liefert für diese Debatte wichtige empirische Daten. Sie zeigt, dass gesellschaftspolitisches Engagement keineswegs auf breite Ablehnung stößt und dass insbesondere ein Engagement für demokratische Werte auf Zustimmung trifft.
Dennoch gehen manche Schlussfolgerungen der Autoren über die Daten hinaus. Im Fazit heißt es, „Raushalten“ liege nicht im Trend. Diese Aussage erscheint zu weitgehend. Zwar liegt der Anteil der Befürworter über dem Anteil der Gegner. Von einem gesellschaftlichen Konsens kann jedoch keine Rede sein. 39 Prozent Zustimmung stehen 30 Prozent Ablehnung und 31 Prozent Unentschlossenen gegenüber. Die Studie dokumentiert eher eine umstrittene gesellschaftliche Frage als einen klaren Trend.
Der blinde Fleck der Debatte
Sowohl die Untersuchung als auch große Teile der Debatte um Corporate Political Responsibility richten ihren Blick vor allem auf die gesellschaftliche Rolle von Unternehmen. Gefragt wird, wie Unternehmen Demokratie stärken können, welche Haltung sie gegenüber Extremismus einnehmen sollten und welche Formen gesellschaftspolitischen Engagements legitim erscheinen.
Kaum gestellt wird dagegen eine andere Frage: Wie demokratisch sind Unternehmen selbst?
Die Studie untersucht öffentliche Stellungnahmen, Demokratieförderung, Wahlaufrufe und gesellschaftliche Positionierungen. Sie fragt aber nicht nach den demokratischen Erfahrungen der Beschäftigten im Unternehmen selbst. Betriebsräte, Mitbestimmung, Beteiligungsrechte, Arbeitsverdichtung, Anerkennung oder betriebliche Machtverhältnisse kommen praktisch nicht vor. Gerade hier setzt eine gewerkschaftliche Perspektive an, die im obigen Sammelband Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall eingenommen hatte.
Aus gewerkschaftlicher Sicht stabilisiert sich Demokratie nicht primär durch Unternehmenskommunikation, sondern durch die alltägliche Erfahrung von Teilhabe und kollektiver Selbstwirksamkeit. Demokratie wird gelernt, wenn Beschäftigte Einfluss auf ihre Arbeitsbedingungen nehmen können, wenn sie Mitbestimmung erleben, wenn Konflikte kollektiv ausgetragen werden und wenn Solidarität praktisch erfahrbar wird.
Damit verschiebt sich der Blick auf die Ursachen demokratischer Krisen. Die WZGE-Studie beschreibt Unterschiede im Demokratievertrauen und politischen Interesse.
Eine gewerkschaftliche Perspektive fragt stärker nach den sozialen Erfahrungen, aus denen solche Einstellungen entstehen. Sie verweist auf Unsicherheit, mangelnde Anerkennung, Leistungsdruck, Transformationsängste und fehlende Beteiligungsmöglichkeiten. Autoritäre Orientierungen erscheinen dann nicht allein als Problem politischer Überzeugungen, sondern auch als Ausdruck sozialer Erfahrungen von Ohnmacht.
An dieser Stelle hilft ein Blick auf Antonio Gramscis Konzept des „widersprüchlichen Alltagsverstands“, auf das ich jüngst in einem Beitrag in der Tageszeitung “nd” zum Wahlverhalten von Industriebeschäftigten zu den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg im Vergleich zum Stimmverhalten bei den Betriebsratswahlen 2026 hingewiesen habe. Menschen verfügen nicht über geschlossene politische Weltbilder. Ihre Einstellungen bestehen häufig aus widersprüchlichen Erfahrungen, Deutungen und Überzeugungen. Demokratische Werte können neben autoritären Sehnsüchten existieren. Solidarische Überzeugungen können mit Ressentiments verbunden sein. Zustimmung zur Demokratie kann mit dem Gefühl einhergehen, auf das eigene Leben kaum Einfluss zu haben.
Gerade deshalb verdienen die 31 Prozent Unentschlossenen besondere Aufmerksamkeit. Sie sind nicht einfach uninformiert oder politisch desinteressiert. Vielmehr spiegeln sie häufig die Widersprüche gesellschaftlicher Erfahrungen wider. Wer sich demokratische Institutionen wünscht, zugleich aber Kontrollverlust erlebt; wer Mitbestimmung befürwortet, aber im Arbeitsalltag wenig Einfluss erfährt; wer Solidarität schätzt, aber soziale Konkurrenz erlebt – bewegt sich in genau diesem Spannungsfeld.
Aus dieser Perspektive gewinnen Betriebe eine besondere Bedeutung. Sie sind nicht nur Produktionsorte, sondern Orte politischer Sozialisation. Hier erfahren Menschen Anerkennung oder Missachtung, Mitbestimmung oder Fremdbestimmung, Solidarität oder Konkurrenz. Demokratie wird nicht nur in Parlamenten und Wahlkabinen erlebt, sondern auch im Arbeitsalltag.
Damit verändert sich auch die Antwort auf die Ausgangsfrage der Studie:
Aus Sicht der Corporate Political Responsibility lautet sie: Unternehmen sollten öffentlich Haltung zeigen.
Aus gewerkschaftlicher Sicht lautet sie zunächst: Unternehmen sollten demokratischer werden.
Die entscheidende demokratiepolitische Frage ist dann nicht, ob ein Vorstand eine Erklärung gegen Rechtsextremismus veröffentlicht oder eine Kampagne für demokratische Werte unterstützt. Entscheidend ist vielmehr, ob Beschäftigte reale Mitsprachemöglichkeiten besitzen, ob Mitbestimmung gestärkt wird, ob Arbeitsbedingungen als gerecht erlebt werden und ob Solidarität im Betrieb praktisch erfahrbar bleibt.
Die WZGE-Studie liefert einen wichtigen empirischen Beitrag zur Debatte über die gesellschaftspolitische Verantwortung von Unternehmen. Sie zeigt, dass ein Engagement für demokratische Werte unter Beschäftigten auf deutlich mehr Zustimmung stößt als klassische parteipolitische Interventionen. Zugleich macht sie sichtbar, dass die Gesellschaft in dieser Frage keineswegs geschlossen ist.
Die Untersuchung stärkt damit zentrale Annahmen der Debatte um Corporate Political Responsibility. Sie beantwortet jedoch nicht die grundlegendere Frage, ob Demokratie vor allem durch öffentliche Haltung oder durch reale Erfahrungen demokratischer Teilhabe gestärkt wird.
Wer über die demokratische Verantwortung von Unternehmen sprechen will, sollte über die Frage, wie demokratisch die Arbeitswelt im Inneren organisiert ist, nicht schweigen. Demokratie entsteht nicht durch Manifeste, Kampagnen oder Positionierungen. Sie entsteht dort, wo Menschen erfahren, dass sie selbstwirksam entscheiden können und damit auch ihre Stimme zählt.

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