Das finanzielle und kompetitive Herz des Weltfußballs schlägt in Westeuropa. Diese Entwicklung ist seit Jahrzehnten evident und das hat sich auch bei der WM 2026 bestätigt: Ohne die auch von günstigen Umständen profitierenden Argentinier wäre auch die Entscheidung bei dieser Weltmeisterschaft eine rein europäische Angelegenheit gewesen. Im langjährigen Schnitt seit Wiedereinführung des Semifinales 1982 kommen exakt 75 Prozent der WM-Halbfinalisten aus Europa - drei der vier. Das war auch diesmal so.
Neben Spanien hätte auf jeden Fall auch Frankreich einen würdigen Weltmeister abgegeben, England hielt sich zumindest lange im Rennen. Die Wahrheit ist aber auch, dass einige Länder mit großem Potenzial und/oder großer Geschichte die Qualität dieses Top-Trios weiterhin nicht matchen können. So muss konstatiert werden: Hinter den ganz Großen wächst die Leistungsdichte, wie die Schweiz und Norwegen zeigten.
Hier nun also der letzte Teil unserer Einzelteam-Bilanzen zur WM 2026.
LINK-TIPPS:
Europas Große bei der WM 2014
Europas Große bei der WM 2018
Europas Große bei der WM 2022
Am Ende der Quali vor einem halben Jahr schrieben wir: „Selbstverständlich fährt Spanien als erster Anwärter auf den WM-Titel nach Nordamerika” - und nach dem EM-Titel, dass De la Fuente „die Vorzüge von Ballbesitz-Fußball und jene von individueller Qualität mit Zug zum Tor mit jener von präzisem In-Game-Coaching verbindet”. Nun ist Spanien tatsächlich zum zweiten Mal nach 2010 Champion bei einer Männer-WM geworden - und damit nach dem Titel der Frauen von 2023 das erste Land, das beide WM-Titel gleichzeitig hält.
Nun war Jungstar Lamine Yamal nicht bei voller Stärke und Nico Williams nur Wechselspieler, dennoch gab es keinen Widerstand im Turnier, den Spanien nicht brechen hätte können. Und an der Seitenlinie steht, wie Vicente del Bosque damals, ein Anti-Held von einem Trainer: Keine schillernde Figur mit großem Superstar-Potenzial, sondern eine Vaterfigur, der seine Truppe nicht nur optimal einstellen kann - sondern den seine Spieler auch ehrlich mögen.
Das ist auch deshalb so, weil seine Spieler ihn schon lange kennen: Dani Olmo, Mikel Merino, Mikel Oyarzabal und Unai Simón waren unter De la Fuente U-21-Europameister; Kapitän Rodri war unter dem Erfolgstrainer U-19-Europameister. Spanien hatte die deutlich beste Abwehr der WM, den besten Linksverteidiger, das Zentrum kontrollierte und ordnete das Ballbesitzspiel (64 Prozent) unaufgeregt. Und Spanien hatte eine lange Bank, in drei der fünf K.o.-Spiele erzielten Wechselspieler das entscheidende Tor.
Es ist zudem eine ganz besondere Pointe der Fußballgeschichte, dass Spanien diesen WM-Titel ohne einen einzigen Spieler von Real Madrid im ganzen Kader einfuhr. Cucurella geht nun zu den Königlichen. Den Titel holte er aber als Chelsea-Spieler.
Die Ansprüche sind natürlich extrem. Ohne Gegentor durch die Quali, ungefährdeter Gruppensieger, in Unterzahl das Achtelfinal-Auswärtsspiel in Mexiko überstanden, den Hochseil-Akt gegen Norwegen auf seine Seite gezogen: Eigentlich ist das der Stoff, aus dem Heldensagen gemacht sind. Wenn da nicht diese zweite Halbzeit im Halbfinale gegen Argentinien gewesen wäre, die auch nicht ganz aus dem luftleeren Raum gekommen ist.
Denn Thomas Tuchels Engländer hatten ihre wackeligen Momente. Es war die richtige Entscheidung, gegen den ideenlosen Flankenhagel von Mexiko auf die Fünferkette umzustellen, das Match im Aztekenstadion wird in die englische Fußballgeschichte eingehen und Dan Burn für immer damit in Verbindung gebracht werden. Aber schon gegen Norwegen ließ man sich ein Spiel, das man zunächst bombenfest im Griff hatte, aus der Hand reißen und nach dem Führungstreffer gegen Argentinien setzte Tuchel klare, defensive Zeichen (Burn und Konsa für Gordon und Rice) - ein fataler Fehler, weil man schon wieder dem Gegner die Zügel überreichte.
Wie groß die Chance eines körperlich gezeichneten englischen Teams in einer Neuauflage des EM-Finales gegen Spanien gewesen wäre, sei dahingestellt - in den letzten fünf Turnieren steht nun Semifinale, Finale, Viertelfinale, Finale, Semifinale auf der englischen Resultatsliste, das ist in seiner Konstanz in der Geschichte der FA absolut einzigartig. Und ein dritter Platz bei einer WM ist absolut nichts, wofür man sich schämen müsste. Aber Tuchel wurde geholt, um einen Titel ins Trockene zu bringen, das ist aus überwiegend eigenem Verschulden nicht gelungen.
Die Mannschaft hatte grundsätzlich eine gute Balance: Der gerne ins Mittelfeld gehende Kane und der im Gegenzug gerne in die Spitze stoßende Bellingham harmonierten gut, Anderson und Rice bildeten ein starkes Duo im Zentrum, Gordon hatte gute Momente. Aber die Besetzung der defensiven Außenbahnen war eine Dauerbaustelle und Madueke, der die Gegenspieler für Saka müde spielen sollte, verpuffte weitgehend wirkungslos.
Hinzu kamen der frühe Rückstand gegen den Kongo, der Kampf in der Höhenlage von Mexiko City, die Verlängerung im schwülheißen Miami gegen Norwegen - das war in Kombination dann zu viel. So kämpfst du dich ins Halbfinale durch, aber für den ganz großen Wurf reicht es nicht. Immerhin, das 6:4 gegen Frankreich in einem kleinen Finale, in dem es niemanden mehr defensiv zu arbeiten interessierte, bildete einen versöhnlichen Abschluss.
Da hat Didier Deschamps auf den letzten Metern seiner Rekord-Amtszeit als französischer Teamchef (185 Spiele in 14 Jahren) tatsächlich noch sowas wie den schönen Offensiv-Fußball für sich entdeckt! Anders als früher zog sich Frankreich nicht zurück, um das Tempo von Mbappé für Gegenstöße ins Spiel zu bringen, nun hat er eine spielstarke Offensivreihe eingezogen und Mbappé als Mittelstürmer. Die Diagnose für das Auge ist klar, so viel Spaß wie bei dieser WM haben Frankreich-Spiele schon lange nicht mehr gemacht.
Angetrieben vom spielfreudigen Olise und mit den ansatzlosen Abschlüssen von Mbappé gab es nach einer Halbzeit Anlauf einen starken Sieg gegen den Senegal (3:1), ein problemloses 3:0 gegen den Irak und nach dem 4:1 im Duell der B-Teams gegen Norwegen wirbelte Frankreich in der ersten K.o.-Runde ein komplett chancenloses Schweden mit 3:0 vom Feld. Auch die fiesen Unsportlichkeiten von Paraguay (1:0) konnte die Truppe nicht aus dem Tritt bringen, das bis dahin sehr starke marokkanische Team hatte im Viertelfinale keine Chance (Endstand 2:0 für Frankreich).
Die souveränen Franzosen schienen auf dem sicheren Weg zum dritten Stern zu sein, vorne hatte sie niemand stoppen können, hinten waren sie bombensicher. An Spanien prallten sie im Halbfinale aber ab - man fand kein Mittel dagegen, dass der Gegner mit all seiner Ruhe und seiner Klasse die Spielkontrolle einfach 90 Minuten lang nicht aus der Hand gab. Frankreich sah unvorbereitet auf das spanische Gegenpressing aus, man wurde im Mittelfeld überrannt (vor allem, nachdem der gelb-rot-gefährdete Rabiot ausgewechselt wurde), die Offensivspieler waren isoliert.
Von den sieben Turnieren unter Deschamps hat Frankreich „nur” eines gewonnen (die WM 2018), dazu gab es zwei Finalteilnahmen (EM 2016 und WM 2022) und zwei Semifinal-Niederlagen (beide gegen Spanien, 2024 und 2026). Eine gute Bilanz, aber sie hätte besser sein können - oder müssen? Ja, das ist Jammern auf höchstem Niveau. Der größere Kritikpunkt an Deschamps war immer, dass ein mit so viel Angriffstalent ausgestattetes Team oft so frustrierend langweiligen Fußball gezeigt hat.
Zinédine Zidane steht aus seiner Real-Madrid-Zeit weder für Offensiv- noch für Defensivfußball, sondern für Siege. Auf diese Aura vertraut der französische Verband von nun an.
Wie immer drehte sich bei Portugal auch im Jahr 2026 alles um Cristiano Ronaldo. Allerdings einmal mehr nicht in einem gewinnbringenden Sinn - der extrem statisch gewordene 41-Jährige nahm seinen flinken, spielstarken Teamkollegen jede Möglichkeit zu Rochaden, überraschenden Laufwegen, Tempo im Angriffsspiel und er war durch seine Weigerung, am Spiel gegen den Ball teilzunehmen, auch ein defensiver Bremsblock.
Die Statik bekamen die Portugiesen beim 1:1 gegen die DR Kongo nie so richtig aufgelöst, das war beim 5:0 gegen eine überforderte Abwehr aus Usbekistan nicht nötig - Ronaldo traf doppelt und er ist somit der erste Spieler, der bei sechs WM-Endrunden in Folge ein Tor erzielt hat. Mit dem 0:0 gegen Kolumbien verpasste Portugal aber den Gruppensieg und musste in ein toughes Sechzehntelfinale gegen Kroatien. Ronaldo erzielte per Elfmeter die zwischenzeitliche Führung, am Ende gab es einen turbulenten 2:1-Sieg.
Als Gruppensieger hätte Portugal im Achtelfinale gegen die Schweiz gespielt, so aber stand nun Spanien da. Nuno Mendes hatte Yamal bis zu seiner Verletzung gut im Griff, das extrem agile Mittelfeld - das mit Vitinha und João Neves ja zwei PSG-Champions-League-Sieger aufweist - versuchte die Spanier anzupressen, Spanien hatte ungewohnt wenig Ballbesitz und tat sich schwer. Aber die Spanier erkannten, dass sich Ronaldo nicht am Anlaufen beteiligt, selbst wenn er nur zwei Meter neben dem Ball steht. So krallte sich Spanien gegen Ende doch immer mehr Kontrolle, Portugal verlor 0:1 und war raus.
In den vier Jahren unter Roberto Martínez zeigte Portugal Ansätze von schwungvollem Fußball, es gab den Triumph in der Nations League (im finalen Elfmeterschießen gegen Spanien), aber auch zwei am Ronaldo-Altar geopferte Groß-Turniere. Nun übernimmt Jorge Jesús das Amt des Teamchefs. Der 72-jährige Altmeister war zuletzt Trainer von Al-Nassr - und damit von Cristiano Ronaldo.
Bei Portugal sind wenigstens Ansätze zu sehen und man kann sich vorstellen, wie das im Idealfall aussehen könnte. Diese Vorstellung wurde einem in den letzten zehn Jahren vom deutschen Team dafür nachhaltig aus der Phantasie vertrieben. Nach dem Viertelfinal-Aus bei der Heim-EM 2024 hieß es an dieser Stelle: „Man brachte die EM ordentlich über die Bühne, es ging gerade noch mal gut, aber es weiß auch niemand so richtig, ob man sich mit einem Kraftakt zwei Jahre Kredit erkauft hat (wie 2002) oder ob es wirklich die Basis zu einem nachhaltigen Aufwärtstrend war (wie 2006).” Heute kennen wir die Antwort.
Deutschland hat zwar das 7:1 gegen Curaçao zu Buche stehen und einen hart erkämpften Last-Minute-Sieg beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste - aber eben auch das fahrlässig abgeschenkte 1:2 gegen Ecuador und das Elfmeterschießen-Aus gegen Paraguay im Sechzehntelfinale. Die Verletzung des spielstarken Nico Schlotterbeck im zweiten Match hat dem deutschen Spiel fraglos einen schweren Schlag verpasst, ebenso wie der Ausfall von Jungstar Lennart Karl kurz vorm Turnier. Aber das kann und darf keine Ausrede sein. Dafür fehlte es an zu viel.
Manuel Neuer wirkt im Tor zunehmend alt - mit Oliver Baumann im Tor hätte das Turnier auch keinen anderen Verlauf genommen, das monatelange Hin und Her ums mögliche Neuer-Comeback war völlig umsonst. Dem Mittelfeld mit Pavlovic und Nmecha fehlte die Präsenz und die internationale Ausstrahlung, um sich Respekt zu verschaffen. Leroy Sané, den Nagelsmann konsequent aufstellte, blieb zumeist isoliert. Und die Diskussionen um die Rolle von Super-Joker Deniz Undav waren in ihrer hysterischen Ausführung sehr deutsch, weil es sich nur um Namen drehte und nicht um die strukturelle Überlegung dahinter, warum Undav nicht von Beginn an spielte.
Seit den späten Löw-Jahren ab 2018 wurde in Deutschland immer versucht, innerhalb der vor zwei Jahrzehnten gesetzten Leitlinien-Planken in einer sich entwickelnden Fußballwelt zu bestehen, in den letzten fünf Turnieren hat der DFB ein einziges K.o.-Spiel gewonnen (2024 gegen Dänemark, und das auch dank eines sehr generösen Hand-Elfmeters). Jürgen Klopp, der nun das Amt übernimmt, hat das Standing, einen kompletten Neustart hinzulegen und ihm würde man auch mehr Zeit dafür zugestehen als dem in der Kommunikation oft etwas ungeschickten Nagelsmann.
Klar ist aber auch, dass es im deutschen Fußball an vielen Aspekten hakt - wie den Ausbildungszielen im Nachwuchs - auf die selbst Klopp nur begrenzten Einfluss hat.
Lange ist es um Norwegen still geworden, seit die große Generation der 1990er mit drei Turnier-Teilnahmen abgetreten ist. Keine EM-Teilnahme, keine WM-Teilnahme gab es seit 2000 - doch nun ist man wieder da, und wie. Es war schon abzusehen, dass eine Mannschaft mit Erling Haaland und Martin Ødegaard eine gute Rolle spielen kann - doch wie sehr man mit einer Mischung aus individueller Klasse, großem Teamgeist und vor allem offensiver Selbstironie begeistern würde, erstaunte sehr wohl. Es hat nicht viel zu einem Einzug ins Semifinale gefehlt und ganz unverdient wäre das auch nicht gewesen.
Die Abwehr wurde ein wenig als Wackelkandidat erachtet, aber beim (etwas zu hohen) 4:1 gegen den Irak und dem effizienten 3:2 gegen den Senegal richtete es die Offensive, Haaland netzte viermal und nützte dabei seine überlegene Physis, seinen Torriecher und sein Gespür für sich erst formende Torchancen. Die eigentliche Reifeprüfung war dann aber das erste K.o.-Spiel gegen die Elfenbeinküste. Auch die ist robust, auch die hat Waffen in der Offensive, aber Norwegen ließ sich auch zum zwischenzeitlich kassierten Ausgleich in einem Match auf Augenhöhe nicht umwerfen und gewann 2:1.
Damit gab es kein Halten mehr. Gegen Brasilien hatte Norwegen im Achtelfinale nichts zu verlieren, man hatte auch etwas Glück im Spielverlauf und zog das Match wieder mit zwei späten Toren auf seine Seite. England hatte man im Viertelfinale am Haken - hier endete die norwegische Rudergesellschaft aber in der Verlängerung. So oder so: Es ist der größte Erfolg in der Geschichte des norwegischen Männer-Fußballs und neben Haalands Toren wird eben auch das charakteristische Rudern der Fans auf den Rängen in Erinnerung bleiben.
Vor Nyland - der trotz des entscheidenden Fehlers gegen England ein überragendes Turnier gespielt hat - stellt die Abwehrreihe bestenfalls guten Durchschnitt dar. Aber Teamchef Ståle Solbakken schaffte es, aus den unterschiedlich talentierten Mannschafts-Teilen eine sich gegenseitig unterstützende, funktionierende Einheit zu schaffen. Neben Haaland und Ødegaard konnte er zwei Sets von Flügelduos durchrotieren (Sørloth und Nusa bzw. Bobb und Schjelderup), damit war im Vorwärtsgang immer für Tempo gesorgt; Sander Berge schirmte unterstützt von Patrick Berg die Abwehr ab.
Es ist möglich, dass Norwegen auch in zwei bzw. vier Jahren eine ähnliche Rolle spielt. Es ist auch denkbar, dass diese WM der Höhepunkt bleibt. In Erinnerung bleiben wird dieser WM-Auftritt aber so oder so.
Bei drei der letzten vier Turniere haben die Eidgenossen nun das Viertelfinale erreicht und keines dieser Viertelfinals hat die Schweiz in 90 Minuten verloren. Was die Schweizer - die seit 2004 nur ein einziges (!!!) Turnier verpasst haben - da immer und immer wieder auf die Beine stellen, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Und mit Johan Manzambi steht schon die Galionsfigur der nächsten Generation vor der Tür.
Dabei machen die Trainer dort - Köbi Kuhn, Ottmar Hitzfeld, Vladimir Petković, Murat Yakin - gar nichts taktisch Außergewöhnliches, da werden keine Trends gesetzt und auch keinen Trends nachgelaufen. Es sind einfach die Rädchen, die pragmatisch ineinander greifen und eine mentale Unverwüstlichkeit, die kaum ein anderes Land auf diesem Niveau hinbekommt. Statt eines überlegenen Sieges gegen Katar kassiert man zum Auftakt in der Nachspielzeit das peinliche 1:1? Kann passieren. Dann halt gegen Bosnien mit einer ungewohnten Raute spielen, den Gegner ins Zentrum locken und dann Manzambi auf den Flügel einwechseln und ihn dort Verwüstung anrichten lassen - 4:1.
Gegen Kanada spielte man die höhere Klasse aus, ebenso im Sechzehntelfinale gegen Algerien, wo die Schweizer ganz erwachsen und ganz ohne Drama einfach 2:0 gewannen. Kolumbien lässt im Achtelfinale 120 Minuten lang einfach nichts zu? Alles gut, dann richten wir’s halt im Elfmeterschießen. Und auch Argentinien bot man die Stirn, zumindest bis sich Breel Embolo mit einer nutzlosen Schwalbe an der Seitenlinie die gelb-rote Karte abholte. Zu zehnt war man in der Verlängerung dann doch machtlos.
Natürlich profitiert Murat Yakin von einzelnen Klassespielern - der Spielstärke von Manuel Akanji, dem Spielverständnis und der Routine von Granit Xhaka, der Vielseitigkeit von Denis Zakaria, dem Talent von Manzambi. Um diese Achse herum funktioniert das extrem eingespielte Team und es ist möglich, immer wieder da und dort einen neuen Spieler einzubauen und so das Niveau zu halten. Das einzige, was zu noch mehr Erfolg fehlt, ist nur die ein wenig abgehende Kadertiefe - so musste Sechser Zakaria als Rechtsverteidiger aushelfen und eine echte Alternative zu Embolo gibt es auch nicht.
Die Schweizer haben einem anderen mittelgroßen Land in Europa den Rang abgelaufen, was das Mitspielen über die Verhältnisse der Bevölkerungszahl angeht - nämlich den Niederlanden. Dem etwas schmeichelhaften Vorstoß ins EM-Semifinale vor zwei Jahren zum Trotz, den eigenen Ansprüchen rennt Oranje nun schon sehr lange Zeit hinterher. Attraktives Spiel, schöngeistiger Fußball, schon alleine aus Prinzip? Schon seit 20 Jahren nicht mehr.
Holland-Fußball ist spätestens seit der Ära Bert Van Marwijk (2008 bis 2012) eher ein zunehmend statischer Arbeits-Kick, Fokus auf Manndeckungen, auf einer pragmatischen Defensive aufbauende Sicherheit mit individueller Klasse auf dem Weg nach vorne. Allzu viel Phantasie verbreitete auch das Team nicht, das Ronald Koeman bei dieser WM brachte. Dabei zeigte man beim 2:2 gegen Japan eine schwungvolle zweite Hälfte und man zeigte sich beim verdienten, aber doch zu hohen 5:1 eiskalt im Ausnützen gegnerischer Fehler. Aber viel mehr kam nicht mehr.
Gegen die verunsicherten Tunesier lag man schon nach sieben Minuten 2:0 voran, das Match kann man kaum werten, sehr wohl aber den kompletten spielerischen Offenbarungseid gegen Marokko im Sechzehntelfinale. Ja, die Niederlande waren ganz knapp dran am Sieg und kassierten erst ganz spät das Gegentor, das zur Verlängerung führte. Aber 30 Prozent Ballbesitz gegen Marokko, ernsthaft? Letztlich war es folgerichtig, dass man das Elfmeterschießen verlor und sehr früh die Heimreise antreten musste.
Die Niederlande sind gefangen zwischen den eigenen Traditionen und dem Erbe von Totaalvoetbal und dem unausgesprochenen Zerren in Richtung kühler, kunstloser Arbeit. Niemand traut es sich laut auszusprechen und wenn man das Charisma und die Autorität eines Louis van Gaal hat und man damit WM-Halbfinals (2014) und Viertelfinals (2022) erreicht, kommt man damit durch. Aber heimische Trainer, die in den letzten Jahren mit den Großklubs aufzeigten - Erik ten Hag (Ajax), Peter Bosz (Eindhoven), Arne Slot (Feyenoord) - machten das mit einem offensiven Gestaltungswillen. Die holländische Trainerschule geht noch heute ganz klar in diese Richtung.
Umso erstaunlicher, dass die Elftal seit Jahren ohne erkennbare Identität vor sich hin dümpelt.
In zwei Jahren steht die nächste Europameisterschaft auf dem Programm, sie wird größtenteils in England über die Bühne gehen (Wembley und Hotspur Stadium, dazu Birmingham, Newcastle und die Stadien von Man City und Everton), außerdem sind Glasgow, Cardiff und Dublin weitere Spielorte. Diese drei Co-Gastgebern werden nicht abgekanzelt wie Mexiko und Kanada jetzt, sie alle bekommen Viertel- bzw. Halbfinalspiele. Es wird der bekannte Modus mit 24 Teams bleiben.
Die unmittelbare Zukunft heißt im Herbst 2026 nun Nations League. Spanien teilt sich da eine Gruppe mit England beispielsweise, Deutschland und die Niederlande treffen sich, Norwegen darf sich mit Portugal messen. Auch Italien spielt da in der Top-Liga wieder mit, der neue Commissario Tecnico Roberto Mancini bekommt es da mit dem neuen französischen Sélectionneur Zinédine Zidane zu tun. Die Schweiz, bei der letzten Ausgabe im untypischen Tief, kämpft in der B-Liga gegen Schottland um den direkten Wiederaufstieg.
Und in vier Jahren sind Spanien und Portugal gemeinsam mit Marokko Co-Gastgeber der nächsten WM. Zumindest, sofern die Europäer infolge von Infantinos Stimmenkauf mittels Investoren-Deal nicht doch mal ein bisschen Rückgrat zeigen.
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